«Mitleid kann so wehtun wie Prügel»
Von Erika Burri. Aktualisiert am 06.04.2010 50 Kommentare
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Die Schweizer UBS-Angestellten schwiegen damals, als noch Marcel Ospel die Geschicke der Bank leitete und das Investmentbanking pushte. Und sie schweigen heute. Niemand spricht über die Kämpfe, die in der Bank ausgetragen wurden, nachdem die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) 2008 den Abbau von 3000 Stellen angekündigt hatte. Kein Wort darüber, wie erboste Kunden ihre Wut über die gescheiterte Bank – bei der Auflösung ihrer Konten – bei den Kundenberatern abliessen.
Nur wenig dringt an die Öffentlichkeit, obwohl es unzufriedene Mitarbeiter gibt. Sie tönen an, dass es in der UBS zeitweise brodelte. Doch Konkretes wollen sie gegenüber den Medien nicht sagen. Nicht einmal anonym. Sie verweisen auf Elli Planta, Präsidentin der Arbeitnehmervertretung der UBS in der Schweiz.
Planta gleicht einer Löwin mit Beschützerinstinkt. Jedes Wort wägt sie ab, wenn sie stellvertretend für die knapp 20'000 Schweizer UBS-Angestellten spricht.
Sie sind die Stimme der UBS-Arbeitnehmer. Was brennt Ihnen auf der Zunge?
Vieles, über das ich in der Öffentlichkeit aber nicht sprechen will.
Und was wollen Sie öffentlich sagen?
Es macht uns UBS-Mitarbeitenden zu schaffen, dass wir seit fast zwei Jahren am Pranger stehen. Wir müssen viel einstecken, stellvertretend für die ganze Finanzbranche.
Wer prügelt denn auf die Mitarbeitenden ein?
Zum Beispiel die Medien. Ich habe euch Journalisten im Verdacht, dass ihr nur das schreiben wollt, was spektakulär daherkommt. Ihr prügelt uns, aber weil das inzwischen langweilig ist, wollt ihr uns jetzt bemitleiden.
Ein bisschen Mitleid tut den gebeutelten Mitarbeitenden sicher gut.
Für solche, die wie wir von einem hohen Sockel gefallen sind, kann Mitleid fast so wehtun wie Prügel.
Was wollen Sie denn?
Ein bisschen mehr Sachlichkeit. Aber ich weiss, wie schwer das ist, wenn man emotional aufgeladen ist. Und das sind wir inzwischen ja alle. Ich denke, wir leiden alle darunter, wie der Schweizer Finanzplatz im Moment zerfleischt wird und sich selbst zerfleischt.
Aber haben denn Banker kein Mitleid nötig?
Die Frage ist sachlich falsch: Die Mehrheit der Leute in der UBS sind gar keine Banker. Die meisten arbeiten in unterstützenden Funktionen, als Informatiker, im Back- und Middle-Office, im Marketing oder im Personalwesen. Sie alle haben für etwas zu büssen, was ein paar «Bankster» (eine Kombination von Banker und Gangster) vermasselt haben.
Und die andern haben gar nichts mit dem Schlamassel zu tun?
Ja und nein. Ich habe bei einer internen Veranstaltung einmal gesagt, dass auch wir Mitarbeitende mitschuldig seien, weil zu viele von uns geschwiegen hätten, obwohl wir längst ein ungutes Gefühl hatten. Das ist gar nicht gut angekommen.
Haben auch Sie geschwiegen?
Meine Funktion ist es, aus Sicht der kleinen Angestellten auf Missstände hinzuweisen, zu kritisieren, zu warnen. Das habe ich getan. Die Veramerikanisierung unserer Bank war ein ständiger Reibungspunkt. Die jährlichen Salärverhandlungen waren die Plattform, auf der wir die Lohnpolitik und die Bonuspraxis regelmässig kritisiert haben. In den letzten zwei Jahren haben wir eine Umkehr für die Schweiz gefordert. Und nun fliegt uns die Boni-Debatte, wie befürchtet, einmal mehr um die Ohren.
Was genau haben Sie an der Bonuspraxis kritisiert?
Dass die Zuteilung des Bonus für die normalen Mitarbeitenden nie wirklich transparent und nachvollziehbar war.
Wieso haben die Schweizer UBS-Mitarbeitenden geschwiegen?
Die Mehrheit der Mitarbeiter schweigt überall – nicht nur in der UBS. Wehren Sie sich, wenn Ihnen etwas nicht passt? Sie schweigen doch sicherlich auch innerhalb Ihres Unternehmens.
Woher wollen Sie das wissen?
Es ist eine Zumutung, von Leuten zu verlangen, dass sie sich ständig exponieren und damit etwas riskieren. Es ist auch nicht die Aufgabe jedes Einzelnen, sich ständig «aus dem Fenster zu lehnen». Um Missstände zu kritisieren, gibt es eine Arbeitnehmervertretung.
Nur hat man lange nicht auf Sie gehört.
Dem ist so. Arbeitnehmervertretungen werden leider oft eher als Gefahr wahrgenommen statt als internes, institutionalisiertes Risikomanagement. Der Dialog zwischen Management und Arbeitnehmervertretungen ist immer eher schwierig.
Weshalb?
Weil das Management davon ausgeht, dass die Leute, die nichts sagen, die Meinung des Managements teilen. «Wen vertrittst du eigentlich?», werde ich oft gefragt. «Die, die sich an euch wenden, sind doch sowieso nur die ewig Unzufriedenen.» Ich kann dem nichts entgegenhalten. Das ist frustrierend. Die grösste Gegnerschaft erwächst oft aus der schweigenden Mehrheit.
Sie sagen, Sie können von den Leuten nicht verlangen, dass sie Missstände anprangern. Und gleichzeitig beklagen Sie sich selbst über die schweigende Mehrheit.
Sie haben Recht, das ist ein Widerspruch. Aber so läuft es. Mut verteilt der liebe Gott offenbar nur in kleinsten Dosen. Innerhalb der UBS haben wir das Problem aber angepackt und Mitwirkungsformen geschaffen, mittels deren sich die Mitarbeiter zukünftig besser einbringen können. Und das Management hat da auch mitgemacht.
Im Januar hat UBS-Chef Oswald Grübel einen neuen Verhaltens- und Ethikkodex vorgestellt. Was erhoffen Sie sich davon?
Die allermeisten UBS-Angestellten in der Schweiz haben schon immer nach diesen Regeln gehandelt. Wie wir den neuen Kodex nun umsetzen, ist eine Frage der Unternehmenskultur. Wir müssen ein Klima schaffen, das Mut und Ermutigung fördert.
Warum sind die UBS-Mitarbeiter eigentlich so loyal? Selbst Unzufriedene geben nicht einmal anonym Auskunft über das Arbeitsklima.
Die Mehrheit der Mitarbeitenden ist davon überzeugt, dass wir Produkte und eine Infrastruktur haben, die wir ausserhalb der UBS nicht finden würden. Viel wichtiger aber ist: Loyalität ist ein Wert, der in unserem genetischen Code verankert ist. In der Finanzkrise ging es um Leben und Tod für die Bank. Allein in der Schweiz wurden über 3000 Stellen abgebaut. Das ist ein ungeheurer Druck für die, die es trifft, und auch für die «Hinterbliebenen». Bis jetzt haben die Mitarbeitenden aber das Gesicht gegen aussen immer gewahrt. Sie sind, zusammen mit den Kunden, die uns treu geblieben sind, die Helden des UBS-Dramas.
Haben Sie nie einen Streik erwogen?
Keine Sekunde. Wir haben trotz aller Schwierigkeiten einen so guten Ruf, weil wir ein erfahrenes, unbestechliches, diskretes und eben loyales Bankpersonal haben. Unser politisches System und die Sozialpartnerschaft, die Teil davon ist, haben eine Stabilität und eine Qualität hervorgebracht, um die wir beneidet werden – und auf die wir stolz sein dürfen.
Das alte Management hat aber viel Vertrauen verspielt – bei Kunden und Mitarbeitern. Wie kann die neue Führung dieses zurückgewinnen?
Die Konzernleitung betont: Vertrauen erlangen wir nur zurück, wenn wir wieder schwarze Zahlen schreiben. Ich halte da dagegen.
Weshalb?
Vertrauen ist eine emotionale Sache.
Wie müsste die UBS mit den negativen Emotionen umgehen?
Man müsste sie erst einmal wahr- und dann ernst nehmen. Das hat mit Respekt zu tun. Wir neigen dazu zu sagen: Was du fühlst, ist falsch. Die UBS zeigt für die zornige Öffentlichkeit, aber auch für den Zorn der Mitarbeitenden, meiner Meinung nach etwas zu wenig Verständnis. Unsere Geschäftsleitung hat sich zwar in einer Art Entschuldigung versucht. Aber ich glaube, man erwartet ein Reuebekenntnis nicht nur von uns, sondern von der ganzen Finanzbranche.
Wie sähe so ein Reuebekenntnis aus?
Ich will nicht von Demut reden, also einer Kombination von Bescheidenheit, Selbstverständnis und Gewissheit. Denn wer könnte eine solche Haltung heute glaubwürdig verkörpern? Ich weiss es nicht. Es ist ein klassisches Dilemma: Zeigen wir Stärke, wirken wir arrogant, zeigen wir Schwäche, will man erst recht nichts mit uns zu tun haben. Nicht nur die UBS kann es im Moment niemandem recht machen, auch der Finanzplatz Schweiz kann das nicht.
Sie geben im Juli das Präsidium der Arbeitnehmervertretung ab. Gehen Sie, weil Sie frustriert sind?
Keineswegs. Vor allem die letzten beiden Jahre in der Arbeitnehmervertretung waren spannend, weil wir inzwischen ein Player sind, an dem unser Management nicht mehr vorbeikommt. Auf diese Weise konnten wir viele Dinge durchsetzen, die ohne Krise nicht möglich gewesen wären. Nein, ich bin nicht frustriert, aber meine Zeit ist um.
«Danach verschwinde ich», steht auf dem Pin, den sie tragen. Wohin?
Das wird sich weisen. Das Button-Tragen habe ich Madeleine Albright abgeguckt. Sie hat ein Buch geschrieben: «Read my Pin» – «Lies meinen Pin». Ich habe übrigens noch einen anderen mit der Aufschrift: «Miss Erfolg».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.04.2010, 04:00 Uhr
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50 Kommentare
die zahlreichen anmerkungen zeugen von inkompetenz zu diesem thema. entgegen den äusserungen und kommentaren sucht elli planta nicht nach mitleid, sondern sie spricht im namen deren angestellten, welche NICHT die hohen saläre (und wenn überhaupt) boni kassieren. und genau das macht sie perfekt. denn sie spricht die transparenz der bonizahlen an. mit transparenz würde man sehen wo die gelder hingeh Antworten
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