Murdochs nächster Coup

Der Medienmogul Rupert Murdoch hat eine neue Sonntagszeitung lanciert. Ein halbes Jahr nach dem Abhörskandal erschien die erste «Sun on Sunday». Er will damit das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen.

Stolzer Unternehmer: Rupert Murdoch liesst im Auto die erste Ausgabe der «Sun on Sunday». (26. Februar 2012)

Stolzer Unternehmer: Rupert Murdoch liesst im Auto die erste Ausgabe der «Sun on Sunday». (26. Februar 2012) Bild: AFP

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«Nicht übel» finden die Leute am Kiosk des Kreisverkehrs von Hammersmith das neue Sonntagsblatt, das sie in Händen halten. «Endlich» habe man auch sonntags wieder was zu lesen, «was einem gefällt». Was diesen Käufern an der Zeitung gefällt, die in der Nacht zuvor in dicken blauroten Packen am Rinnstein von West-London abgeladen wurde, bedarf dabei keiner grossen Erklärung. Zum Beispiel der «weltexklusive» Bericht darüber, wie das Herz des heimischen TV-Sternchens Amanda Holden während der Geburt ihres Babys im Januar «40 Sekunden lang aussetzte». Weiterblätternd erfahren die Leser, dass Ex-Mannequin Katie Price der Meinung ist, Kinder bräuchten vor allem Liebe. Der Politikchef des Blattes, Tom Newton Dunn, fordert die Iraner auf, ihren «verrückten» Präsidenten zu stürzen, bevor es zu spät ist.

Seit Medienmogul Rupert Murdoch im vorigen Juli wegen einer ihm gefährlich gewordenen Lauschaffäre in London sein Top-Skandalblatt und sonntägliches Paradepferd «News of the World» über die Klinge springen liess, haben dessen 7 Millionen Leser ihre übliche Wochenendkost schmerzlich vermisst. Nun, mit der Erweiterung seiner bislang nur wochentags erscheinenden «Sun» um eine Sonntagsausgabe, wird der Leserschaft diese Kost seit gestern wieder in vollem Umfang vorgesetzt.

Kampf um klare Führung

Die «Sunday Sun» hat keine eigene Redaktion mehr wie noch ihr Vorgängerblatt «News of the World». Sie wird von der «Sun»-Redaktion ganz im bekannten Stil der «Sun» hergestellt. Mithilfe der neuen Zeitung will Rupert Murdoch jetzt die klare Führung auf dem britischen Zeitungsmarkt wieder übernehmen. 3 Millionen Exemplare hat er in der Nacht auf Sonntag drucken lassen. So er «wesentlich über 2 Millionen» verkaufe, sagt er, wäre er «hochzufrieden». Da seine Wochentags-«Sun» noch immer eine durchschnittliche Auflage von 2,7 Millionen Exemplaren und über 7 Millionen Leser erreicht, hat sich der Verleger auch für die Sonntagsausgabe gute Chancen ausgerechnet.

Mehr als 3 Millionen Pfund sind angeblich vorige Woche allein in die Werbung geflossen, die der Nation diese Extra-Ausgabe ihrer «Lieblingszeitung» auch bei leicht reduzierter Würze schmackhaft machen soll. Bei einigen Beobachtern der darbenden Zeitungsszene der Insel ist die Aktion Murdochs auf unverhohlene Bewunderung gestossen. Dass der 80-jährige Verleger ungeachtet aller Abwärtstrends der Branche ein neues Massenblatt von solcher Grössenordnung zu lancieren versucht, hat selbst die überrascht, die ihm nahestehen. Nur jemand, der über Murdochs «wundersame Mischung aus Zweifelsfreiheit, Impulsivität und Risikofreude» verfüge, könne «eine so zentrale, geradezu heroische Präsenz» auf der Medienbühne abgeben, meint begeistert der Biograf des Verlegers, Michael Wolff.

Politik und Topless-Girls

An radikalen Massnahmen hat es Murdoch gewiss nie fehlen lassen. So rasch und rücksichtslos er im vorigen Sommer den Traditionstitel «News of the World» zum Tode verurteilte und Hunderte von Journalisten auf die Strasse setzte, so dramatisch sucht er nun den verlorenen Sonntagsplatz neu zu besetzen. In der Nacht auf Sonntag liess er sich in seiner Druckerei im Norden Londons beim Andruck der «historischen» Sonntagsausgabe der «Sun» ablichten. Das Bild vom Andruck sollte natürlich an die guten alten Zeiten erinnern, in denen ein jüngerer Rupert Murdoch sich an den Rotationsmaschinen im Lichte «seiner» «Sun» in London zu sonnen wusste.

Der gebürtige Australier hatte das britische Blättchen 1969 übernommen, es zum Zeitungsriesen aufgepäppelt und sich mit ihm die Basis für sein späteres globales Medien-Empire gelegt. Unter anderem hatte er es auf Boulevardformat umgemodelt, das tägliche Topless-Girl eingeführt und einen zunehmend populistischen, rechtslastigen Kurs vorgegeben – wiewohl er über die Jahre immer die Mächtigen aller Lager, wie Margaret Thatcher oder Tony Blair, zu unterstützen pflegte.

Wie damals habe der Verleger auch jetzt wieder kühn die Initiative ergriffen, liessen die letzten Tage über Murdochs Helfer die Inselöffentlichkeit wissen. Der unabhängigen «Financial Times» vertrauten Insider der britischen Murdoch-Besitzungen allerdings an, ihr in New York ansässiger Eigner habe nach London einfliegen und dort die persönliche Kontrolle übernehmen müssen, «weil ihm bewusst war, dass seine Markenartikel zum Teufel gingen» – und weil seine Journalisten bei «Sun» und «Times» und «Sunday Times» befürchteten, dass Murdoch als Nächstes auch ihrer Titel überdrüssig werden könnte.

Saubere Methoden versprochen

Grund für diese Sorge war die Krise, in die Murdoch seit vorigem Sommer durch seine britischen Titel geraten ist. Erst jetzt beginnt sich das Ausmass der systematischen Lauschaktionen seiner Mitarbeiter bei «News of the World» abzuzeichnen. Unter diesen Umständen mag es nicht reichen, dass die neue «Sunday Sun» gestern «saubere Methoden» versprach. «Da kommt noch eine Menge raus, von dem wir bisher nichts wissen», räumt ein Rentner am Hammersmith-Kreisel ein, wo die neue Zeitung reissenden Absatz findet. Die «Sun» möge jetzt auch sonntags herauskommen, schrieb der «Independent»: «Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen. Mr Murdochs Stern ist im Untergehen begriffen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.02.2012, 06:44 Uhr)

Mit der «Sun on Sunday» hat Rupert Murdoch das Nachfolgeblatt für die eingestellte «News of the World» an den Start gebracht. (Video: Reuters )

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