Nächste Ausfahrt: Amazon City

Rüstige Rentner reisen dieser Tage in abgelegene Kleinstädte der USA, um dem Onlinehändler Amazon auszuhelfen. Mit ihren Wohnmobilen füllen die modernen Nomaden ganze Standplätze.

Der Desert-Rose-Campingplatz in Fernley (Nevada): In den Wohnmobilen leben nicht Touristen, sondern Aushilfsarbeitskräfte von Amazon. (Bild: Victor Zech)

Der Desert-Rose-Campingplatz in Fernley (Nevada): In den Wohnmobilen leben nicht Touristen, sondern Aushilfsarbeitskräfte von Amazon. (Bild: Victor Zech)

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Auf dem Desert-Rose-Campingplatz stehen die Wohnmobile dicht gedrängt nebeneinander. Sie glänzen in der hellen Oktobersonne. Ein kleiner Schnauzer springt aufgeregt auf und ab, wenn jemand vorbeigeht.

Doch viele Leute sind nicht zu sehen an diesem Sonntag. Keiner der Gäste ist hier, um Ferien zu machen. Der Platz ist vielmehr einer der grossen Treffpunkte für eine neue Generation von älteren, mobilen Aushilfsarbeitskräften. Sie springen beim Online-Anbieter Amazon ein, um die Festtagsarbeitsflut zu bewältigen – und um ihre Rente aufzubessern.

«Amazon ist gut für uns»

Es sind Leute wie das Ehepaar Ray und Sarann Williams, die sich zu dieser neuen Generation von Wanderarbeitern zählen. Und stolz darauf sind. «Amazon ist gut für uns», erklärt der 77-jährige Ray an diesem Sonntag auf dem Camping-Standplatz in Fernley, nur wenige Kilometer von einem der grössten Amazon-Verteilzentren entfernt. «Wir brauchen das Geld nicht unbedingt. Aber die Arbeit macht Spass, hält uns fit und bringt Abwechslung.»

Die Williams’ sind diesen Herbst zum dritten Mal nach Fernley gekommen. Beide arbeiten Nachtschicht von acht Uhr abends bis frühmorgens um sechs Uhr. Dann schlafen sie fünf, sechs Stunden. Am Nachmittag wird ausgespannt. Ray schaut gerade einen Western von Louis L’ Amour, seine Frau ruht sich im Innern des elf Meter langen luxuriösen Gefährts aus. Es ist bereits das vierte Wohnmobil des Ehepaars, das seit über zehn Jahren mit Unterbrüchen unterwegs ist. Etwa 15'000 Dollar dürften sie diese Saison bei Amazon machen. «Das reicht fürs Benzin», sagt Ray – und rechnet vor, dass jede Tankfüllung gegen 300 Dollar kostet und etwa für 1000 Kilometer reicht.

Ein Gewinn für alle

Viel Abwechslung gibt es nicht auf dem perfekt aufgeräumten Standplatz am Rand der grossen Halbwüste, die Nevada zu einem der einsamstem Bundesstaaten macht. Hier sind die Wanderarbeiter unter sich. 90 Prozent aller Stellplätze werden von Amazon in Beschlag genommen. Dafür zahlt der Konzern die Monatsmiete von 325 bis 375 Dollar. Die Aushilfsarbeitskräfte selber müssen nur für ihren Strom- und Gaskonsum aufkommen.

«Es ist eine totale Win-win-Situation», sagt Debbie Skinner, die Eigentümerin des Parks. «Amazon bekommt sehr einsatzfähige, verlässliche Arbeitskräfte. Die Arbeiter können ihren Lebensstil finanzieren. Und mir nützt es auch.» Der Standplatz wäre um diese Jahreszeit üblicherweise nur zu einem Viertel gefüllt, da die «Snow Birds», die für den Winter von den kalten Nordstaaten in den warmen Südwesten ziehen, bereits durchgereist sind.

Die neue Verdienstmöglichkeit ist noch nicht sehr alt. Erst 2009 begann Amazon, in den drei Verteilzentren in Nevada, Kansas und Kentucky Wohnmobil-Reisende einzustellen. Ausschlaggebend waren Motivation und Qualifikation der Rentner. Anders als viele von Temporärfirmen vermittelte Aushilfsarbeitskräfte, unterwerfen sich die Rentner klaglos dem strikten Arbeitsregime. Sie sind bereit, Zehnstundenschichten mit nur zwei kurzen Essenspausen von einer halben Stunde durchzuziehen. Kurzfristige Umstellungen gehören dazu, sagen sie. Sich krankzumelden, liegt nicht drin. «Die Leute hier sind zuverlässiger als Aushilfen aus der Region», sagt Debbie Skinner.

Keine Freunde Romneys

Die meisten von ihnen haben eine lange und oft vielseitige Karriere hinter sich. David Olson etwa arbeitete als Kondukteur für eine Eisenbahngesellschaft im Grossraum Chicago und fast gleich lang als Techniker für die Telecomgesellschaft GTE. Später bildete sich der 68-Jährige aus Wisconsin zum Computerexperten weiter, wollte aber auch reisen. Seit sieben Jahren ist er bereits «on the road», seit fünf Jahren hilft er bei Amazon aus. Allerdings nicht ganz freiwillig. «Ich habe mich etwas verrechnet. Ich glaubte, ich hätte genug Geld auf der Seite, doch reicht es nicht. Amazon hilft mir über die Runden.»

Olson hatte Pech in seinem Leben. Sowohl die Eisenbahngesellschaft wie die Telecomfirma gingen in Konkurs. Er verlor seine Stelle und in beiden Fällen das gesamte Pensionskassenguthaben. Er hätte zehn volle Jahre angestellt sein müssen, um seine Rentenansprüche durchzusetzen. Ohne Amazon müsste er von der Sozialhilfe leben – etwa 800 Dollar im Monat.

Doch selbst mit dem Lohn von Amazon kommt er nicht über die Runden, obwohl er bis Weihnachten etwa 7000 Dollar verdient. Deshalb arbeitet Olson noch fünf Monate als Computerexperte für den Nationalparkdienst. Die restlichen vier Monate lebt er in Yuma, einer Grenzstadt in Arizona.

David Olson braucht eine neue Brille. Er braucht rezeptpflichtige Medikamente und einen Zahnarzt. «Von Yuma ist es ein Sprung nach Mexiko. Dort kaufe ich ein, was ich brauche, aber in den USA nicht mehr zahlen kann.» Und holt zu einem politischen Exkurs aus, der wenig Gutes an Mitt Romney lässt: «Zur Hölle mit solchen Politikern und ihrem Geschwätz über Leute wie mich, die angeblich nur den Staat ausnehmen wollten, sich als Opfer sehen und nichts leisteten.»

Zum Schweigen verpflichtet

Arbeiter wie Olson oder das Ehepaar Williams sind eigentlich überqualifiziert für die monotone Arbeit in den Verteilzentren. Ray bewirtschaftete eine Ranch in Montana, betrieb ein Lastwagenunternehmen, war Versicherungsverkäufer und Immobilienhändler, bevor er sich mit 65 Jahren fürs Reisen entschied. Bei Amazon arbeite er am Computer, sagt er, ohne dies ausführen zu wollen.

Amazon verbietet den Angestellten, über die Arbeitsbedingungen zu sprechen oder Details aus dem Verteilzentrum auszuplaudern. Der Konzern war letztes Jahr in die Schlagzeilen geraten, als Angestellte in einem Verteilzentrum in Pennsylvania wegen der Hitze und aus Überanstrengung kollabiert waren und Nothilfe brauchten. Die meisten Aushilfen arbeiten aber als «Pickers» und «Receivers» – sie sammeln Bücher, CDs, Haushaltsgegenstände, Kleider aus den Regalen und bringen sie zu einem der Verpackungszentren, wo die Sendungen versandfertig gemacht werden.

Die Halle in Fernley ist riesig, so gross wie etwa 13 Fussballfelder. Kein Wunder, empfehlen die Rentner, sich etwas fit zu machen vor dem Einsatz und zwei Paar gute Schuhe anzuschaffen. Einzelne legen jeden Tag 20 bis 25 Kilometer zu Fuss zurück. Und fast alle verlieren etwas Gewicht. Das Verteilzentrum liegt etwas ausserhalb der 19'000 Einwohner zählenden Kleinstadt. Links und rechts haben Wal-Mart und Lowe’s ihre Verteilzentren gebaut. Alle sind unscheinbar grau und verzichten auf ein Firmenlogo. Sie profitieren von der optimalen Verkehrslage, angebunden an eine der grossen Ost-West-Autobahnen, eine Eisenbahnlinie und den Flughafen in Reno.

50 Prozent über Mindestlohn

Den Aushilfen offeriert Amazon einen Stundenlohn von gut 12 Dollar, was deutlich über dem gesetzlichen Minimallohn von 8,25 Dollar liegt. Dazu kommen kleine Schicht- und Wochenendzulagen. Wie viele Teilzeitangestellte beschäftigt werden, gibt Amazon nicht bekannt. In Phoenix wurde der Personalbestand letztes Jahr für die Hochsaison um das Vierfache auf 1200 erhöht, in Fernley verdoppelte sich die Zahl der Stellenausschreibungen dieses Jahr auf 600. Das verdeutlicht, wie gut es bei Amazon läuft.

40 Prozent des gesamten Umsatzes macht der führende Onlinehändler zwischen Oktober und Weihnachten. Letztes Jahr erzielte der Konzern auf einen Umsatz von 48 Milliarden Dollar 862 Millionen Gewinn. Die Investoren sind hochzufrieden. Die Amazon-Papiere gehören zu den stärksten des US-Marktes und haben dieser Tage ein Allzeithoch erreicht.

Der letzte Arbeitstag für die rüstigen Rentner ist der 24. Dezember. Es gibt wieder ein kleines Weihnachtsfest auf dem Desert-Rose-Standplatz; und dann ist das Ehepaar Williams wie die anderen Amazon-Wandervögel erneut unterwegs. Nächstes Jahr wollen sie wieder kommen. «Wir werden noch zwei Jahre anhängen, dann ist genug», sagt Ray. Auch Olson kann sich nicht von Amazon trennen. «Die Arbeit ist hart, aber ich brauche das Geld. Ich sehe mich noch auf einem langen Marathon.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.10.2012, 10:09 Uhr)

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