«Neandertaler gehen, Digitaler kommen»

Der neue Mann an der Spitze der Publigroupe heisst Arndt Groth. Wer ist dieser Mann, der eine America's-Cup-Jacht segelt und den Westschweizer Konzern ohne Französischkenntnisse führen soll?

Verbrachte die letzten Jahre praktisch nur im Flugzeug: Arndt Groth, neuer CEO der Publigroupe. 
Bild: Publigroupe, Steven Lau

Verbrachte die letzten Jahre praktisch nur im Flugzeug: Arndt Groth, neuer CEO der Publigroupe. Bild: Publigroupe, Steven Lau

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Einst war der Westschweizer Medienkonzern Publigroupe (PUBN 209.6 -0.19%) das grösste Medienhaus der Schweiz. Gegen 65 Prozent des schweizerischen Inseratemarktes wurden über den in Lausanne domizilierten Konzern abgewickelt. Es waren die guten Zeiten der Old Economy. Die Publigroupe war die Hauptschlagader der Schweizer Presse. Google und Facebook existierten noch nicht.

10 Jahre später sieht die Medienwelt fundamental anders aus. Wer vor sechs Jahren glaubte, Aktien der Publigroupe seien eine gute Anlage, hat heute mindestens die Hälfte seines Vermögens verloren. Der Grund ist simpel: Die Werbevermarkterin, einst der «stille Riese» in der Schweizer Medienbranche, wurde wie kein zweites Unternehmen dieser Grösse Opfer der Digitalisierung.

Ein Norddeutscher übernimmt den CEO-Posten

Die Dominanz des Internets hatte unzählige Strategiewechsel, Rekordverluste, Abgänge im oberen Management, Fehlinvestitionen und Umstrukturierungen zur Folge und hinterliess ihre Spuren im Unternehmen. Nun soll ein neuer Mann an die Spitze des einst so stolzen Unternehmens kommen und es in die digitale Zukunft führen. Im September 2012 übernimmt der Norddeutsche Arndt Groth den CEO-Posten von Hanspeter Rohner. Erstmals in der über 100-jährigen Geschichte wird ein Ausländer CEO.

Der Verwaltungsrat setzt grosse Hoffnung in Groth und seine Fähigkeiten. So kündete man im Titel der Pressemitteilung vom Dienstag an, dass man den «führenden digitalen Vermarktungsprofi Europas» für den Posten gewinnen konnte. Irritierend dabei: Keiner der international gut vernetzten Headhunter, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet kontaktierte, hatte Groth als diesen «führenden Profi» auf dem Radar. Im Gegenteil: Am Dienstag tauchte er erstmals unerwartet auf.

Vertreter der New Economy

Wer ist also Groth? Ist er tatsächlich dieser Topmanager der europäischen Internetvermarktungsbranche? Und ist er der richtige Mann, der einem Old-Economy-Konzern wie der Publigroupe zur alten Blüte verhelfen kann?

Auf dem Papier sieht die Sache schon mal nicht schlecht aus. Wirft man einen Blick in den offiziellen Lebenslauf, kommt man durchaus zum Schluss, dass der Neue die richtige Vita für die Aufgabe hat. Seit 17 Jahren ist Groth in verschiedenen Führungspositionen tätig, zuerst auf Verlegerseite bei den Mediengruppen wie Georg von Holtzbrinck, Handelsblatt und Axel Springer.

Seit 1998 ist er im Internetgeschäft tätig. Als einer seiner grossen Erfolge wird seine Zeit als Geschäftsführer von Doubleclick in Deutschland genannt, die Firma wurde 2007 von Google aufgekauft. Es folgten diverse Stopps in anderen Onlinefirmen, bis er 2008 zum global tätigen Vermarktungsnetzwerk Adconion wechselte. Nach der erfolgreichen Akquisition und Integration von Smartclip 2011 wechselte Arndt Groth im Februar 2012 in den Beirat der Adconion Media Group.

Einzige langjährige Konstante in Groths Lebenslauf ist sein Engagement als Präsident des BVDW (Bundesverband Digitale Wirtschaft), einem der mitgliedsstärksten Branchenverbände in Europa zum Thema Internet. Der Verband gilt als die wichtigste Networking-Plattform in Deutschland. «Da sind die Verbandsjungs in der Schweiz geradezu Schulknaben», sagt einer, der die Branche gut kennt.

Der neue Mann mag «Jackass»

Während man Groth in Deutschland also kennt, ist er hierzulande unter den wichtigen Akteuren noch ein unbeschriebenes Blatt. Interessant sind Aussagen von ehemaligen Weggefährten Groths. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt man sich über dessen Wahl als neuer Publigroupe-Chef überrascht. Wertet den Move aber durchwegs als positiv. «Das kann für die Publigroupe nur Gutes bedeuten», kommentiert ein Vermarktungsprofi. Ein anderer sagt: «Eine neue Generation von Internetmanagern übernimmt das Ruder. Neandertaler gehen, Digitaler kommen. So einfach.»

Dass Groth zur neuen Generation von Internetmanagern gehört, wird aus den Anekdoten ehemaliger Weggefährten deutlich. So soll der Hamburger die letzten Jahre praktisch nur im Flugzeug verbracht haben, um in Rekordzeit auf der ganzen Welt ein Filialnetz aufzubauen, um so neue Märkte zu erschliessen. «Er ist der Workaholictyp», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter in Deutschland. Um Mitarbeiter in den eigenen Reihen zu halten, reiste er für Meetings auch schon mal um die halbe Welt. Interessant auch ein Blick auf die Social-Media-Seite des Managers: Der neue Mann an der Spitze der Publigroupe mag die amerikanische Trash-Show «Jackass», spielt Golf und Tennis, spricht kaum Französisch und segelt eine America's-Cup-Jacht, Baujahr 1937. So viel zur neuen Generation von Internetmanagern.

Geplatzter Google-Deal

Mit Groth selbst zu sprechen, ist bis September nicht möglich. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte er erst über sich Auskunft geben. Dann wurde er aber von der Konzernspitze kurzerhand zurückgepfiffen. Es informiere einzig der noch amtierende Konzernchef Hanspeter Rohner. Doch auch hier wartet die Redaktion seit Dienstag auf einen Rückruf.

Ob dies mit dem geplatzten Google-Deal zusammenhängt? Zeitgleich mit der Ernennung Groths musste die Publigroupe nämlich am gleichen Tag einen herben Dämpfer einstecken. Vor Wochen wurde publik, dass es zu einer Vermarktungspartnerschaft zwischen Publigroupe und Google kommt, wonach der Schweizer Konzern Googles Textwerbung für KMU hätte vermarkten können. Dieser Deal ist angeblich an Interessenkonflikten gescheitert. Nach Informationen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wegen Swisscom, weil der Telecomkonzern zusammen mit der Publigroupe die Plattform Local.ch besitzt, die Google direkt konkurrenziert. Weder Google, Swisscom noch die Publigroupe wollten den «Interessenskonflikt» gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet kommentieren. Für Groth wirds ein Thema, spätestens im September. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.04.2012, 11:04 Uhr)

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