Wirtschaft
Nestlé glaubt ans Geschäft mit Halal
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 18.11.2009 9 Kommentare
Im muslimischen Fastenmonat Ramadan führten in diesem Herbst rund 500 Läden für Immigranten in der Schweiz eine Aktion für Produkte aus Nestlé-Werken in Malaysia, Indonesien, Marokko. Das Spezielle an diesen Maggi-Würfeln und Nido-Getränken: Sie sind alle «halal» – erlaubt nach den islamischen Speisevorschriften, hergestellt, wie es der Koran vorschreibt: ohne Alkohol, Blut oder Schweinefleisch.
Wie kommt der Konzern aus Vevey dazu, eigens für die 230'000 Muslime in der Schweiz Lebensmittel zu importieren? Neben der Möglichkeit, die Nestlé-Marken bekannt zu machen, geht es um die internationale Dimension des Geschäfts, sagt Frits van Dijk, Generaldirektor für Asien, Ozeanien, Afrika und den Mittleren Osten. Allein in seinem «Reich» leben 1,5 Milliarden Muslime.
Weltweit ein 600-Milliarden-Dollar-Markt
Weltweit ist es ein 600-Milliarden-Dollar-Markt, jeder fünfte Erdenbürger ist Muslim. Allein die verarbeiteten Halal-Produkte machen in Europa 12 Milliarden Franken aus. Als globaler Marktführer setzte Nestlé 2008 damit bereits 5,5 Milliarden Franken um – 5 Prozent seines Umsatzes. Unilever gibt dazu keine Zahlen bekannt, von Danone traf bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme ein.
Die Ware kommt auch aus Wangen bei Olten. Im Solothurner Dorf, landesweit bekannt wegen seines Minaretts, steht die Teigfabrik Leisi – und die liefert Blätterteig in Halal-Qualität an die Muslime der Welt. Leisi ist eines von weltweit 85 Werken von Nestlé, die Halal-zertifiziert sind. Im Fall von Leisi heisst das, dass der bekannte Fertig-Teig («Näi, Sie! Nämed Sie de Quick vom Leisi») statt mit Alkohol mit Kaliumsorbat konserviert wird – und deshalb etwas käsig riecht. Spezielle Maschinen braucht es dafür nicht. Und ob «halal» oder nicht: Von Zeit zu Zeit muss die Produktionslinie mit Alkohol gereinigt werden. Dieser verdampft nach einer Viertelstunde – und dann wird jeweils eine Fuhre Halal-Teig produziert.
Zu viele Logos
Die Genehmigung dazu stammt vom Islamic Food Council of Europe – einer von weltweit 95 islamischen Zertifizierungsstellen, welche die Einhaltung der Speisevorschriften nach Allahs Willen überprüfen. «95 Stellen, das heisst leider auch 95 Logos», bedauert Frits van Dijk, der gestern an einem Halal-Kongress in Den Haag sprach. Die Folge für muslimische Konsumenten: ein Label-Salat, wie ihn der Schweizer Konsument etwa in Sachen Bio kennt. Nun will sich Nestlé dafür einsetzen, dass die Zahl der Logos massiv reduziert wird.
Führen soll diesen Kampf das konzerneigene Halal-Kompetenzzentrum in Malaysia. Von dort aus unterstützen vier Mitarbeiter die auf der ganzen Welt verstreuten Nestlé-Fabriken, wenn sie eine Produktionslinie zertifizieren wollen. So geschehen auch in Konolfingen bei Bern, als die Milchpulverproduktion Halal-tauglich gemacht worden war.
Verbotenes verbirgt sich überall
Das Kompetenzzentrum ist ein Kind Frits van Dijks. Als er Ende der Achtzigerjahre Nestlé Malaysia leitete, erlebte das südostasiatische Land, in dem der Islam Staatsreligion ist, eine von der Regierung unterstützte Bewegung zur Förderung der Halal-Ernährung. «Im Sinne der Nestlé-Unternehmensphilosophie, die sich stark den Märkten anpasst, in denen wir tätig sind, schuf ich eine kleine Einheit, die das Thema erstmals ernsthaft anschaute.» Als Erstes wurden alle malayischen Fabriken zertifiziert. Heute ist das an allen Nestlé-Standorten Standard, wo die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist.
Lebensmittel ohne Schweinefleisch, Blut und Alkohol – das klingt nach einer einfachen Sache. Ist es aber nicht, wie jeder Allergiker weiss. In Zeiten moderner Lebensmittelproduktion verbirgt sich Verbotenes in Bouillon, Gelatine oder Gewürzmischungen. Viele Konservierungsmittel werden mit Alkohol hergestellt, und selbst im Klebstoff der Verpackung kann tierisches Fett stecken. Oder eben im normalen Blätterteig. Dessen Alkohol verdampft zwar beim Backen – aber eben nicht ganz. Was Wangen bei Olten nicht nur wegen seines Minaretts zu einem wichtigen Ort auf der Landkarte der Muslime macht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2009, 04:00 Uhr
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9 Kommentare
Immer geht es nur um das Geschäft! Man wird auch hier nicht von Schächtfleisch zurück schrecken, die Muslime sind eine neue und sehr potente Zielgruppe geworden. Das Geld regiert, nicht die Ethik! Ich habe nichts gegen Geschäfte und Umsatz, aber gegen den Teil, welchen man immer totschweigen will, dass religiöse Schächten ohne Betäubung, für mich kein Tabuthema!!! Antworten
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