Neue SBB-Züge verschärfen das alte Problem

Die Bundesbahnen wollen 59 Doppelstockzüge beschaffen und damit die Kapazitätsengpässe verkleinern. Nur steigt mit den schwereren und schnelleren Zügen der Verschleiss der Infrastruktur. Schon heute fehlt Geld für den Unterhalt.

Schneller und schwerer: die SBB schaffen neue Doppelstöcker an.

Schneller und schwerer: die SBB schaffen neue Doppelstöcker an.
Bild: SBB

Insgesamt 462 Millionen Franken investiert die SBB in diesem Jahr für den Unterhalt ihrer Schieneninfrastruktur. Dies deckt jedoch nicht den effektiven Bedarf, wie der jüngsten «SBB-Zeitung» zu entnehmen ist. Wie hoch dieser ist, kann SBB-Sprecher Roland Binz nicht beziffern: «Das lässt sich noch nicht sagen, da die Netzüberprüfung noch läuft und wir dank des Konjunkturprogramms des Bundes die Substanzerhaltung forcieren können.»

Akzentuiert hat sich die Problematik 2004 mit der Inbetriebnahme der ersten Etappe der Bahn 2000 und der massiven Zunahme des Schienenverkehrs. Allein im Personenverkehr nahm das Zugangebot bis heute um 26 Prozent zu. Prognosen sagen für die kommenden Jahre ein Nachfragewachstum von 50 Prozent voraus. In urbanen Räumen um Zürich oder Bern sowie entlang des Genfersees wird sogar mit einem Zuwachs der Passagierzahlen von über 100 Prozent gerechnet.

90 Züge pro Tag

Inzwischen verkehren pro Kilometer Schiene und Tag rund 90 Züge. Mit insgesamt 158,7 Millionen Trassenkilometern (siehe Grafik) wurde das SBB-Netz im zurückliegenden Jahr so intensiv genutzt wie noch nie in der Geschichte der SBB. Mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Unterhalt. 2008 wurden 415'000 Tonnen Schotter eingebaut, 225'000 Schwellen ausgewechselt und rund 250 Kilometer neues Gleis verlegt.

«Das fehlende Geld für den Unterhalt der Schieneninfrastruktur ist ein Kernproblem der stetig wachsenden SBB», ist Peter Moor von der Verkehrsgewerkschaft SEV überzeugt. Die SBB mache schon länger darauf aufmerksam, dass mehr, schnellere und schwerere Züge die Infrastruktur zusätzlich belasten würden, kontert Binz. Mit der geplanten Inbetriebnahme von 59 Doppelstockzügen im Jahre 2013 wird sich der Unterhaltsbedarf weiter erhöhen. Kein Teuerungsausgleich

Der Mehrbedarf für Unterhalt und Substanzerhaltung lasse sich nicht mit den Beiträgen aus den Trassenerlösen, Effizienzsteigerungen und den Beiträgen aus der Leistungsvereinbarung mit dem Bund kompensieren, erläutert Binz. So war die Leistungsvereinbarung mit dem Bund in den letzten acht Jahren teuerungsbereinigt konstant. Ein Hoffnungsschimmer für die SBB sind die Massnahmen des Konjunkturprogramms. Ausführungsbereite Erneuerungsprojekte im Umfang von 150 Millionen Franken können vorgezogen werden.

Moor von der SEV will nicht von einem Sicherheitsproblem sprechen, mahnt aber: «Früher war das oberste Gebot, Störungen zu verhindern. Heute lässt man diese oft zu und reagiert erst dann.» Binz wehrt sich: «Die Zahl der Störungen hat nicht zugenommen. Jedoch sind deren Auswirkungen oft grösser, weil mehr Züge verkehren.» Nach wie vor sei jede Störung eine Störung zu viel und für die Kunden ärgerlich. Binz muss aber einräumen, dass Schäden auf hoch frequentierten Strecken bei der Reihenfolge der vorzunehmenden Arbeiten höhere Priorität geniessen als eine schwach frequentierte Nebenlinie.

Diagnosezug fährt das ganze Netz ab

Der SBB-Sprecher verweist darauf, dass alle zwei Wochen das über 3000 Kilometer lange SBB-Netz von Streckenwärtern abgelaufen und geprüft werde: «Zudem fährt ein Diagnosefahrzeug zweimal pro Jahr das gesamte Netz ab und überprüft es auf optisch nicht sichtbare Mängel. Das beweise, dass die Sicherheit bei der SBB höchste Priorität habe, ist Binz überzeugt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2009, 08:43 Uhr

11 KOMMENTARE

Ernst Peter

21.04.2009, 15:31 Uhr

Die SBB sollten die IC2000-Wagen nochmals bauen lassen. Das ist wohl günstiger als eine Neuentwicklung. Dann sollten endlich massive raumplanerische Direktiven gesprochen werden, die ausufernde und schliesslich nur Verkehr erzeugende Zersiedelung der Schweiz zu stoppen! Ich bin selber jahrelang gependelt und habe jetzt den Wohnsitz und den Arbeitsplatz am selben Ort. Es ist eine Gnade!


Peter Mayer

21.04.2009, 15:20 Uhr

Es braucht einfach gesagt mehr Gleise und zwar nicht in den Randregionen sondern in den grossen Agglomerationen. Ein Bsp: 3. Gleis Effretikon-Winterthur, wird dieses nicht gebaut, wird es für die Ostschweiz/ Bodenseeregion interessanter in die Bahnstrecke St. Gallen-München zu investieren. Wird diese ausgebaut liegt St.Gallen näher an München als an Bern.


Silas Arn

21.04.2009, 12:11 Uhr

Ich denke, dass eine zweite Preiserhöhung unumgänglich ist. Auf der einen Seite sieht man den Rekordumsatz - auf deranderen die fehlenden Kapazitäten. Die Kosten sind immernoch zu hoch und eine Preiserhöhung könnte ja auch den Ansturm auf die SBB verminden, was ich sicherlich bedauern würde. Aber ich sehe keine andere Lösung, die längerfristig hält.


Othmar Egli

21.04.2009, 11:01 Uhr

Ich meine: 1. Zwischen Bern und Lausanne sollte eine neue Schnellbahnstrecke gebaut werden. 2. Alle einspurige Strecken innerhalb von S-Bahnen sollten sofort auf Doppelspur ausgebaut werden 3. Der Komfort der Wagen muss noch besser werden. 4. Vandalen (Sprayer) und Schwarzfahrer oder Fahrer in 1.Kl. mit 2.Kl.-Billet strafen.


Peter Broger

21.04.2009, 10:50 Uhr

Als Eisenbahnfan muss ich folgendes sagen. Es gibt in Europa wenig Infrastrukturen, wie diejenige der SBB. Deutschland und Frankreich können da mithalten. Das Problem sind aber die Produktionskosten, welche immer noch zu hoch sind. Leider hat vor allem der SEV diese Lohn- und Preisniveau Spirale von 10 bis 20 Jahren zu massiv in die Höhe geschraubt und heute wird die Zeche bezahlt.


Silvio Bertschinger

21.04.2009, 10:46 Uhr

Dieser Artikel zeigt deutlich, dass die Schienentechnologie auf den Hauptverkehrsachsen an ihre Grenzen stösst. Kapazitätsengpässe verärgern die Kunden und der Infrastrukturverschleiss verursacht hohe Kosten. Die Swissmetro (www.swissmetro.ch) ist eine zukunftsträchtige Alternative, die neue Kapazitäten schafft und dank Magnetschwebetechnologie berührungsfrei und somit wartungsarm verkehrt.


Tom Würgler

21.04.2009, 10:26 Uhr

Woher kommt denn dieser rätselhafte Zuwachs an Verkehr? Da dürfen Agglomerationen massiv wachsen und Hauspreise sich verdoppeln, wenn die SBB die Billets aber auch nur um 3% verteuern wollen, wird das als 'asozial' bezeichnet. Ein Leben in vollen Zügen ist absolut gewollt. Wir brauchen dringend massive Investitionen in die Infrastruktur, sonst droht der Infarkt.


freddy luger

21.04.2009, 09:55 Uhr

Die Dosto züge mögen ja für die kleine schweiz praktisch sein aber nach Hamburg zu fahren nein danke. schön zu lesen das es halt immer noch "schotter-cowboys" bei der bahn baucht, denke aber es wäre langsam eine reallohnerhöhung fällig wie es im november 2008 jedes anständige unternehmen getan hat.


Joss Beaumont

21.04.2009, 09:50 Uhr

Zugfahren ist eine feine Sache und zweifelsfrei ökologisch sinnvoll. Die SBB wurden jedoch Opfer ihres eigenen Erfolgs - der erforderliche Kapazitätsausbau wird nicht mehr zu finanzieren sein. Warum muss ich mit meinen Steuern die Pendler subventionieren? Die Lösung kann daher - auch wenn es schmerzt - nur eine massive Anhebung der Ticketpreise sein. Mobilität ist Luxus - dieses Bewusstsein fehlt.


Martin Grosup

21.04.2009, 08:01 Uhr

Ich persönlich finde die Doppelstock-ICs der SBB das beste, was ich an Zügen bisher erlebt habe. Da können selbst die Doppelstöckigen Regionalzüge in DE nicht mithalten. Gemütlich (Gruppenbereich), effektiv (viele Sitzplätze), praktisch (Gepäck, Skier).. Verstehe ich zu wenig von Wirtschaft? Wohin geht das eingesparte Geld der sinkenden Reallöhne der Belegschaft? So als Wink mit dem Zaunpfahl...


Rene Kunz

21.04.2009, 07:46 Uhr

Wie leider in vielen, wen nicht der meisten Regierungen rund um die Welt, die Infrastucture Wurzel Probleme wie diese SBB Kapazitätsengpässe werden immer noch nicht aufgedeckt und offenbart . Ueberbefoelkerung in gewissen Laendern, wie auch und vorallem in der Schweiz, im Namen des ekonomischen Wachstums wird nun auch in der Schweiz zu sehr grossen Problemen fuehren. Noch mehr Autobahnen..?






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