Wirtschaft
Neuer Finma-Chef: «In diesem Job muss man pessimistisch sein können»
Von Marc Badertscher. Aktualisiert am 01.04.2009 8 Kommentare
«Die Banken werden mit Sicherheit sagen: Jetzt verhindert ihr den Gewinn»: Patrick Raaflaub, neuer Chef der Finma. (Bild: Keystone)
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Patrick Raaflaub
Der 44-Jährige ist der erste Direktor der dieses Jahr gestarteten Finanzmarktaufsicht (Finma). Zuvor war er bei der Versicherung Swiss Re tätig, zunächst als Finanzchef für die Regionen Kontinentaleuropa und Asien, dann als Leiter Kapitalmanagement. Raaflaub studierte an der Universität St. Gallen Politikwissenschaften, Betriebs- und Volkswirtschaft. (mba)
Herr Raaflaub, was ist heute die grösste Gefahr für unsere Banken?
Kurzfristig besteht das grösste Risiko darin, dass es an den Finanzmärkten noch einmal richtig bergab geht, dass es noch einmal einen Schock gibt.
Die Börsen haben sich zuletzt etwas erholt. Ist die Krise nicht vorbei?
Ich fürchte nein. Wir stehen am Anfang oder hoffentlich bereits in der Mitte einer schweren Rezession.
Werden die Schweizer Banken von der neusten Phase stark getroffen?
Die Rezession hat Rückkopplungseffekte auf die Banken. Der Welthandel ist stark zurückgegangen, und damit auch die Finanzströme. Von dieser Deglobalisierung ist der Schweizer Finanzplatz stark betroffen, zusammen mit dem britischen Finanzplatz wohl am stärksten.
Früher wurden Ihre Leute dauernd von der Finanzbranche abgeworben. Ist es jetzt umgekehrt? Wollen die Banker nun alle bei der Aufsicht arbeiten?
Es gibt keine Masseneinwanderung. Aber es stimmt schon, wir erhalten mehr und bessere Bewerbungsdossiers.
Stimmen die Löhne bei der Finma?
Wir orientieren uns lohnmässig an mittleren Kantonalbanken und an Versicherungen. Zusammen mit der interessanten Tätigkeit ist unser Angebot durchaus konkurrenzfähig.
Brauchen Sie noch mehr Leute?
In einzelnen Bereichen werden wir gezielt aufstocken.
Wo?
Beispielsweise dort, wo es um die Durchsetzung von Aufsichtsrecht geht. Bei Untersuchungen sind wir oft überlastet.
Wie bekommen Sie die Grossbanken in den Griff, damit es nicht wieder zur Katastrophe kommt?
Das Handelsbuch der Banken wird künftig kleiner sein. Dafür schaffen wir Anreize. Zum Beispiel mit strengeren Eigenkapitalvorschriften und der Einführung einer Leverage-Ratio. Das ist der wichtigste Faktor. Und man muss Soll-Bruchstellen bei den Banken einplanen, damit einzelne Teile verkauft werden können, falls es nötig wird. So kann man künftige Bankenkrisen durchstehen, ohne die Kolosse als Ganzes mit viel Steuergeld am Leben erhalten zu müssen.
Aber Krisen sieht man nie kommen. Auch Sie werden das nächste Mal überrascht werden.
Es gibt Gemeinsamkeiten, die bei jeder Krise auftauchen. Auf die muss man fokussieren.
Zum Beispiel?
Es darf im Finanzsystem keine Wetten mehr geben, wo nur die eine Seite gewinnen kann. Das beginnt bei der Entlöhnung. Es schafft falsche Anreize, wenn ein junger Trader in einem Jahr mehr verdienen kann als ein Arbeiter in einem ganzen Leben. Der Trader kann nach einem Jahr aufhören. Beispiele für schädliche einseitige Wetten ziehen sich wie ein roter Faden auch durch die jetzige Krise.
Ein anderes Beispiel für solche Wetten bitte?
Wenn einer ein Haus kaufen kann ohne Geld und ohne gute Kredit-Vergangenheit, dann hat er nichts zu verlieren, wenn es schiefläuft.
Was haben Krisen sonst noch gemeinsam?
Die Intransparenz. Je diversifizierter ein Portefeuille, desto intransparenter wird es. Irgendwo gibt es ein Optimum zwischen vollständiger Diversifikation und vollständiger Offenheit.
Wie soll man solche gemeinsamen Muster erkennen?
Man braucht Distanz dafür. Und in diesem Job muss man pessimistisch sein können. Die Aufsicht muss sich ein eigenes Bild von der Lage machen und die Beaufsichtigten damit konfrontieren.
Das ist jetzt in der Krise leicht gesagt. Aber im nächsten Boom...
Diese Krise ist so gigantisch, dass sie uns noch sehr lange in den Knochen stecken wird. Wenn alle auf die einseitigen Wetten und die Intransparenz achten, dann wird das System sehr viel resistenter. Wir als Aufsicht müssen auch in Boomphasen unbequeme Fragen stellen.
Unbequeme Fragen sind im Aufschwung äusserst unpopulär.
Ja. Die Banken werden mit Sicherheit sagen: «Jetzt verhindert ihr den Gewinn.» Und irgendwann werden auch die Politiker die unbequemen Fragen nicht mehr hören wollen. Aber das ist unser Job.
Unschön sind auch die Probleme der UBS mit den USA. Wann hat die Finma in der Steuerfrage erstmals auf eine politische Lösung gedrängt?
Wir haben letzten Herbst andere Behörden in Bern darauf hingewiesen, dass die UBS vermutlich nicht in der Lage sein werde, das Problem alleine zu lösen.
Doch Sie sind ins Leere gelaufen, hat man den Eindruck.
Wir können nur Hinweise geben. Wir können keinen Einfluss darauf nehmen, was andere Behörden oder der Bundesrat mit unseren Hinweisen machen.
Und jetzt?
Jetzt analysieren wir wieder die Situation. Wir sehen ein neues Problem. Es besteht das Risiko, dass im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft die Grenzen der Legalität verschoben werden. Und zwar stetig zuungunsten des schweizerischen Finanzplatzes. Das ist ein Problem.
Und was machen Sie mit Ihrer Beurteilung?
Wir machen darauf aufmerksam. Die Schweiz kann den Rechtsrahmen im internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft nicht einseitig verändern. Das ist nur durch internationale Verhandlungen möglich. Dies ist Aufgabe der Wirtschaftsdiplomatie. Das ist nicht unsere Rolle.
Wären wir besser dran, wenn wir keine Grossbanken hätten?
Grundsätzlich sicher nicht, auch wenn es zurzeit so scheint. Man muss jetzt nur die Lehren ziehen. Dumm ist nur, wer zweimal den gleichen Fehler macht.
Alle reden von der Renaissance der Politik.
Vielleicht ist es eher eine Renaissance des Staates.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.04.2009, 08:30 Uhr
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8 Kommentare
Es wird wieder die Zeit kommen, wo jeder froh ist, dass er überhaupt einen Arbeitsplatz hat. Und auch die Löhne werden wieder so sein, dass man sie auch im Volk als vertretbar ansieht. Bei der Art der Geschäften wird man einsehen müssen, dass sie sogar von Fachleuten verstanden werden müssen. Das war nämlich jetzt oft nicht der Fall. Begründung: Sonst wäre es zu diesem Fiaska ja nicht gekommen. Antworten
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