Neuer Preistrick beim Internetkauf

Anbieter von Dienstleistungen können im Internet die Nutzer zurückverfolgen. Bei einer wiederholten Anfrage eines Kunden steigt plötzlich der Preis.

Die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Chevalley vermutet, dass die französische Bahngesellschaft SNCF 
versucht, ihre Internetkunden zu einer raschen Buchung zu verleiten: Ein TGV zwischen Zürich und Lenzburg.

Die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Chevalley vermutet, dass die französische Bahngesellschaft SNCF versucht, ihre Internetkunden zu einer raschen Buchung zu verleiten: Ein TGV zwischen Zürich und Lenzburg. Bild: zvg/SBB

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Als Isabelle Chevalley für den August im Internet ein Zugbillett von Paris nach Genf kaufen wollte, war sie überrascht: Der Preis erhöhte sich immer wieder, wenn sie in den Shop zurückkehrte. Sobald die grünliberale Nationalrätin aus dem Kanton Waadt aber den Computer wechselte, zeigten sowohl die Website der SBB wie auch der französischen Staatsbahn SNCF wieder den ursprünglichen Preis an.

Chevalley vermutet, dass die Ticketshops der Bahnunternehmen ihre eindeutig zuweisbare Internetadresse erkannt haben. Die Methode ist bekannt als IP-Tracking, zu Deutsch: Zurückverfolgung der Internetadresse via Internetprotokoll (IP). Das Prinzip: Die Onlineverkaufsstellen merken, dass jemand den Kauf nicht abschliesst. In der Folge erhöhten die Unternehmen bei jedem neuen Besuch im Shop die Preise. So soll dem Kunden signalisiert werden, dass das Angebot knapper wird. Der Kunde soll so zum schnellen Kauf bewogen werden.

Vor allem Onlinehändler sollen IP-Tracking als Instrument einsetzen, um Preise und Kapazitäten zu steuern. Genauso wie die Preise erhöht werden, um ein knappes Angebot vorzutäuschen, werden die Preise gesenkt, um unentschlossene Kunden zurückzugewinnen. Im Verdacht, IP-Tracking einzusetzen, stehen Fluglinien, Bahnunternehmen und Hotels.

Interpellation im Nationalrat

Chevalley hat nun im Nationalrat eine parlamentarische Anfrage an den Bundesrat eingereicht. Darin fordert sie Aufschluss darüber, ob und wie Firmen in der Schweiz IP-Tracking einsetzen.

Die SBB hält fest, dass sie für die Preisgestaltung «grundsätzlich kein IP-Tracking» einsetze. «Innerhalb der Schweiz kosten – abgesehen von den Sparbilletten – alle Billette von A nach B immer gleich viel», hält Firmensprecherin Franziska Frey fest. Der Preisunterschied, den Nationalrätin Chevalley festgestellt hat, entsteht gemäss SBB auf dem französischen Abschnitt der Reise. «Die Preise sind je nach Angebot und Auslastung der Partnerbahn auf deren Strecken dynamisch», erklärt SBB-Sprecherin Frey.

Für die SBB ist IP-Tracking nicht im Sinne der Kunden: Deshalb sei «aus heutiger Sicht» eine solche Technik weder vorgesehen noch umsetzbar. Auch die Stiftung für Konsumentenschutz hat keine Kenntnis davon, das Schweizer Unternehmen IP-Tracking einsetzen.

Ist IP-Tracking legal?

Wohl dürfte die Rechtslage abschreckend wirken: Denn inwiefern IP-Tracking in der Schweiz überhaupt legal ist, ist umstritten. Nationalrätin Chevalley ist nach eigenen Recherchen zum Schluss gekommen, dass das Verfahren rechtens ist. Anders sieht es Yves Flückiger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Genf. Unternehmen, die IP-Tracking nutzen, verstossen aus seiner Sicht gegen das Kartellrecht. Allerdings erst dann, wenn erwiesen ist, dass die Onlinehändler durch den Einsatz der Methode ihre Marktmacht missbrauchen.

Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte hält seinerseits gegenüber dieser Zeitung fest: «Wenn im Rahmen von IP-Tracking Personendaten bearbeitet werden, müssen die Grundsätze des Datenschutzgesetzes eingehalten werden.» Grundlage dafür ist die Annahme, dass die IP-Adresse eine persönliche Datei ist, weil sie eindeutig einem Nutzer zuzuordnen ist. Für die Kunden müsse deshalb erkennbar sein, dass ihre Daten erfasst würden, so der Datenschutzbeauftragte.

Auch in der EU ein Thema

Im benachbarten Ausland und auch in der Europäischen Union (EU) interessiert sich die Öffentlichkeit zusehends für IP-Tracking. Seit diesem Sommer ist die Methode vor allem in Frankreich zum Thema geworden. Verschiedene bürgerliche Abgeordnete des nationalen Parlaments versuchen, die Methode per Gesetz verbieten zu lassen. Die sozialistische französische Europaabgeordnete Françoise Castex hatte bereits im vergangenen März eine parlamentarische Anfrage an die EU-Kommission gerichtet. Die Kommissare hielten in ihrer Antwort fest, dass IP-Tracking unter die Datenschutzrichtlinie der Union und damit unter die Datenschutzgesetze der Mitgliedsländer falle.

Für Castex ist diese Antwort allerdings unbefriedigend. Sie wirft der Kommission vor, einmal mehr ihre Verantwortung für ein Anliegen nicht wahrzunehmen, das Millionen von europäischen Bürgern betreffe. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 29.07.2013, 11:11 Uhr)

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Verärgert: Isabelle Chevalley, Nationalrätin aus der Waadt. (Bild: Keystone )

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