Wirtschaft

Neues Phänomen verschärft die Wohnungsnot

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 12.06.2010 1 Kommentar

Immer mehr Zürcher geben ihre Wohnungen nicht auf, wenn sie ausziehen. Sie untervermieten sie. Das hat Folgen.

Leere Wohnung. In Zürich schwierig zu finden – deshalb behalten viele Mieter ihre Bleibe, auch wenn sie umziehen.

Leere Wohnung. In Zürich schwierig zu finden – deshalb behalten viele Mieter ihre Bleibe, auch wenn sie umziehen.
Bild: Keystone

Bei Katja ist es die Beziehung. Sie zieht mit ihrem Freund zusammen. «Falls es nicht klappt, will ich zurück in meine Wohnung», sagt Katja. Darum hat sie ihre günstige Wohnung im Zürcher Kreis 5 möbliert untervermietet. Die neue Bewohnerin zahlt für die 2½-Zimmer-Wohnung 1300 Franken, plus 200 Franken für die Einrichtung.

Bei Bänz ist es die Familie. Er hat neu einen Garten. «Aber falls wir irgendwann nur noch ein Einkommen haben, ist die Wohnung zu teuer.» Die alte Wohnung war ein Schnäppchen: 4½ Zimmer für unter 2000 Franken. «Es wäre blöd, so etwas aufzugeben», sagt Paul.

Und Michael wollte seinem Bruder helfen. Dank Untermietvertrag konnte dieser die günstige Genossenschaftswohnung einfach übernehmen, als Michaels Eigentumswohnung bezugsbereit war. Die Konkurrenz war ausgeschaltet.

«Tendenz klar steigend»

Katja, Paul und Michael sind keine Ausnahmen. Immer mehr Mieter geben ihre Wohnung in der Stadt Zürich nicht auf, auch wenn sie ausziehen. Das bestätigt Walter Angst vom Mieterverband des Kantons Zürich: «Es ist noch kein Massenphänomen, aber die Tendenz ist klar steigend.» Die Zahl der Anfragen im Zusammenhang mit Untermietverhältnissen bewegt sich beim Mieterverband im tiefen einstelligen Prozentbereich. «Bei den Mietverhältnissen bewegt sich der Anteil wohl im ähnlichen Rahmen.»

Auch wenn die Zunahme auf tiefem Niveau erfolgt: «Die Entwicklung ist schlecht für alle», sagt Angst. Sie trägt dazu bei, dass gut gelegene, günstige Wohnungen in der Stadt Zürich gar nicht mehr auf den Markt kommen – und sich die Wohnungsnot verschärft. Ein Teufelskreis: Die Untermietverhältnisse wurden aus derselben Wohnungsnot heraus geboren, die sie jetzt verstärken. «Es gibt zwei Varianten: Entweder die Leute haben Angst, später nur mit grosser Mühe eine günstige Wohnung zu finden. Oder sie wollen Mieterhöhungen umgehen, etwa wenn die Wohnung in einer WG an einen bestehenden Untermieter übergeht», sagt Angst. «Viele Vermieter nützen Wechsel aus, um die Miete zu erhöhen.» Und dagegen können sich die Mieter nur schlecht wehren (siehe Text rechts).

Die meisten Vermieter in Zürich spüren die Zunahme bislang kaum. «Wir können aber nicht ausschliessen, dass uns nicht alle Untermietverhältnisse gemeldet werden», sagt Beat Gmünder vom Immobilienverwalter Livit. Trotzdem verfolgen sie das Phänomen mit Argwohn: «Wir möchten nicht, dass die Möglichkeit der Untermiete missbraucht wird», sagt etwa Beat Keller von Simo Immobilien. Wenn die ursprünglichen Mieter nicht die Absicht hätten, in die Wohnung zurückzukehren, würde man die Untermietverhältnisse nicht dulden. «Wir wählen unsere Mieter lieber selbst aus», sagt Keller.

Grosses Missbrauchspotenzial

Zugenommen haben nicht nur die langfristigen Untermietverträge, sondern auch die temporären. Für den Mata-Dienst ist die Vermietung von solchen möblierten Objekten in jüngster Zeit ein attraktiver Geschäftszweig geworden. «Die Mieter wollen bei einem Auslandsaufenthalt Geld sparen» sagt Chefin Ina-Maria Adamopoulos. «Und Abnehmer gibt es genug: Etwa Ausländer mit Probezeit, deren Aufenthaltsbewilligung gar nicht für einen regulären Mietvertrag reicht.»

Auch hier besteht die Gefahr von Missbrauch. «In der Rolle des Untervermieters sind viele Mieter plötzlich gar nicht mehr so nett», sagt Angst. Manche erheben einen kräftigen Zuschlag auf den regulären Mietpreis. Vorwände gibt es genug. «Reine Geldmacherei», sagt Angst. Ein aktuelles Beispiel ist die 4½-Zimmer-Wohnung im Kreis 5, für die der Vermieter 1800 Franken verlangt. Ihr Mieter bietet sie derzeit möbliert von Oktober bis März für 2700 Franken pro Monat an. Für Angst ist das genauso wenig in Ordnung, wie wenn die Eigentümer überrissene Mieten verlangten.

Das Mietrecht lässt die Untermiete grundsätzlich zu – und zwar unabhängig davon, ob sie einen Teil der Fläche oder die ganze Wohnung betrifft. Für ein Verbot braucht der Vermieter gute Gründe. Etwa, wenn zu viele, zu wenige oder zu einkommensschwache Personen einziehen würden. Oder wenn der Untermietvertrag missbräuchlich ist, etwa weil der Mieter zu viel verlangt.

Theoretisch darf der Mieter maximal 10 Prozent der Miete für seine Umtriebe verrechnen. Sobald die Wohnung teilmöbliert vergeben wird, lässt sich der Aufpreis aber problemlos verstecken. Der Vertrag muss dem Vermieter auf Wunsch vorgelegt werden. Zuletzt muss die Untermiete einen «provisorischen Charakter» haben. Darum kann der Vermieter das Mietverhältnis auflösen, wenn die Untermiete zu lange andauert. «Hier zeigt sich der grosse Nachteil für den Untermieter», sagt Walter Angst vom Zürcher Mieterverband. Er hat keine Vertragsbeziehung mit dem Vermieter und kann die Kündigung so nicht anfechten. «Nach Ablauf der Kündigungsfrist muss er raus», so Angst. Zwischen Untervermieter und Untermieter gelten ansonsten dieselben Regeln wie zwischen Vermieter und Mieter. Etwa, was die Kündigungsfrist anbelangt.

Das Problem der Untermietverträge liesse sich laut Angst relativ einfach entschärfen – zumindest ein Stück weit. «Man müsste die Vermieter dazu verpflichten, bei der Überschreibung des Mietvertrags an einen bisherigen Untermieter keinen neuen Vertrag auszustellen.» So könnten sie die Miete nicht neu festlegen. Bei Neuvergaben fordert der Mieterverband, dass die Vermieter bei einer Mietzinserhöhung auf den Aufschlag hinweisen und einen Grund dafür nennen müssen. Eine entsprechende Initiative des Gemeinderats befindet sich derzeit beim Kantonsrat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2010, 09:29 Uhr

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1 Kommentar

Peter Pfrunder

13.07.2010, 15:15 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Wenn man die Wohnungsinserate in den Zeitungen von Zürich und anderen Städten verfolgt, dann gibt es immer mehr Untermieten. Was uns betroffen machen muss, es sind nicht nur die Banker, die gierig sind, sondern sehr viele in der Bevölkerung,die ihre Wohnung mit hohem Gewinn untervermieten! Natürlich ist der Gesetzgeber (Politiker) angehalten, den ganzen Unsinn zu begrenzen oder zu verhindern. Antworten



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