Wirtschaft

«Nichts ist so wichtig wie der Chef»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 04.10.2011 85 Kommentare

Heute werden 13 Firmen ausgezeichnet, die angeblich besonders gut auf die Gesundheit ihrer Angestellten achten. Doch was macht Arbeitnehmer krank? Ein Burnout-Experte erklärt.

1/4 Der erhöhte Druck in der heutigen Arbeitswelt setzt vielen Arbeitnehmern zu.

   

Psychische Krankheiten

Der Krankenkassenverband Santésuisse hat für den«Beobachter» berechnet, dass alleine die Ausgaben der Kassen wegen psychischer Krankheiten jährlich um 70 Millionen Franken zunehmen. 2010 betrugen sie 1,35 Milliarden Franken.

Dieter Kissling ist Arzt und Spezialist für Arbeitsmedizin. Er führt das Institut für Arbeitsmedizin in Baden.

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Label Friendly Workspace

Die Gesundheitsförderung Schweiz hat heute 13 Unternehmen ausgezeichnet, die nach Einschätzung der Organisation ein besonders «nachhaltiges und systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement» pflegen. Die Firmen dürfen künftig das Label Friendly Workspace führen.

Das Signet ging an die Migros-Genossenschaften Aare, Genf, Ostschweiz und Waadt, an die Migros Pensionskasse, Swiss Post International Schweiz sowie Swiss Post International, Axa Versicherungen, Nestlé Schweiz, Postauto Schweiz, Chocolat Frey, die Berner Spitalgruppe STS sowie die Schweizer Paraplegiker-Gruppe.

Inzwischen führen das Label in der Schweiz 29 Unternehmen. Sie beschäftigen gemeinsam rund 100'000 Angestellte. Mehr zu den Vergabekriterien und dem Projekt findet sich auf der Website der Gesundheitsförderung Schweiz.

Korrektur-Hinweis

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Herr Kissling, man hört viel von der Volkskrankheit Burnout. Sind die Menschen heute tatsächlich öfter ausgebrannt?
Ja. Eindeutig. Das zeigt nicht zuletzt die Zahl jener, die sich aufgrund von psychischen Beschwerden krankschreiben lassen. Sie hat in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen.

Wo sehen Sie die Ursachen?
Ich bin auf die Arbeitsmedizin spezialisiert. Dort sehe ich in den letzten Jahren: mehr Zeitdruck, komplexere Aufgaben, längere Arbeitswege, allgemein gestiegene Anforderungen an die Arbeitnehmer und viel Konkurrenzdruck. Dazu kommen natürlich Entwicklungen in der Gesellschaft, etwa weniger stabile Familienstrukturen. Und persönliche Merkmale: Besonders gefährdet sind sehr zuverlässige Menschen, die zu Perfektionismus neigen.

Dem Druck der neuen Welt kann sich niemand entziehen.
Nein, aber die Firma kann ihre Leute unterstützen. Das Allerwichtigste ist gute Führung – dass ein Chef seinen Mitarbeitern Wertschätzung zeigt, dass er sie fördert, sie bei ihrer Entwicklung unterstützt. Auch gut organisierte Arbeitsabläufe sind wichtig und die Umgebung, also etwa das Licht in einem Büro oder die Ergonomie. Aber nichts ist so wichtig wie ein Chef mit einer menschenachtenden Grundhaltung.

Wie wollen Sie das definieren?
Im Gespräch mit den Leuten zeigt sich diese Grundhaltung. Indem man fragt, ob dem Chef eine gute Stimmung im Team wichtig ist, ob er das Zusammenarbeiten fördert, für gesunde Arbeitszeiten sorgt, Wertschätzung zeigt.

Ist das nicht eine Illusion, wenn es doch meistens einfach ums Kostensenken geht?
Es ist tatsächlich oft nicht so, wie es sein sollte. Man weiss eigentlich mittlerweile, dass ein guter Chef nicht nur Fachkompetenz, sondern auch soziale Fähigkeiten braucht. Trotzdem stellt man fest: Die Menschen müssen sich immer mehr verausgaben, doch die Unterstützung seitens der Firmen ist gleich geblieben.

Was können denn Mitarbeiter tun, ausser zu hoffen?
Die Zeit hilft ihnen. Wir alle müssen angesichts der Frankenstärke und des Drucks noch produktiver werden. Das geht jedoch nur mit hochmotivierten Leuten. Gleichzeitig haben wir auch noch einen Mangel an Fachkräften – künftig werden nur noch jene Unternehmen gute Leute bekommen, die wirklich gute Rahmenbedingungen schaffen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2011, 13:56 Uhr

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85 Kommentare

Eron Thiersen

04.10.2011, 14:01 Uhr
Melden 89 Empfehlung

Meine Erfahrungen zeigen, dass es nicht die Zusammenhänge komplexer wurden, sondern die Abläufe schlechter aufeinander abgestimmt sind. Es ist auch nicht die Überforderung sondern eher die Unterforderung und die Erledigung mit schlechten Abläufen und die Zurückweisung von Kritik. Man wird nicht ernst genommen, das Kader kennt die Abläufe meist nicht und ist von hoher Fluktuation betroffen! Antworten


Patrick Minder

04.10.2011, 14:41 Uhr
Melden 57 Empfehlung

Das Problem am Ganzen ist das der „Ausgebrannte“ Mitarbeiter welcher seine Leistung hochmotiviert und kompetent ausgeführt hatte, in der Gesellschaft schlechter (als schwach) da steht, als der unfähige Chef welcher ein Talent nach dem anderen verheizt. Antworten



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