Novartis streicht ganz diskret 3000 Arbeitsplätze

Seit Herbst hat der Pharmariese mehrere Abbaumassnahmen vorgenommen, ohne dies klar mitzuteilen.

Hier fallen knapp 500 Stellen weg: Der Hauptsitz von Novartis in Basel.

Hier fallen knapp 500 Stellen weg: Der Hauptsitz von Novartis in Basel. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Es ist ein bewährtes Muster des Pharmakonzerns: Novartis baut weltweit an verschiedenen Standorten Stellen ab, das ganze Ausmass kommuniziert das Unternehmen jedoch nie. Während andere Firmen inner- und ausserhalb der Branche Abbauprogramme mit konkreten Zahlen ankündigen, begnügt sich Novartis oft mit der Bestätigung lokaler Medienberichte oder der Kommunikation im betroffenen Land. Auf Konzernebene hat das Unternehmen keinerlei Abbaumassnahmen angekündigt, obwohl an verschiedenen Orten Jobs gestrichen werden. Gemäss Recherchen des TA hat der Pharmakonzern seit letztem Herbst den Abbau von knapp 3000 Stellen in verschiedenen Berichten angekündigt.

  • Pharmadivision: Unter dem Titel «Pharma Initiative 2014» werden in Europa rund 960 Arbeitsplätze gestrichen, davon alleine knapp 500 am Hauptsitz in Basel. Novartis begründet den Abbau damit, in unterstützenden Bereichen und in operativen Rollen in der Entwicklung von Medikamenten Arbeitsplätze abzubauen. Damit sollen Ressourcen für die Lancierung neuer Produkte freigesetzt werden. Weitere 760 Jobs fallen in den USA weg. Hier trifft es vor allem Aussendienstmitarbeiter. Da gewisse Produkte den Patentschutz verloren haben und Novartis vermehrt Spitalmedikamente anbietet, benötigt die Firma weniger Ärztevertreter. Aufgrund der natürlichen Fluktuation rechnet der Konzern hier mit 616 Entlassungen.
  • Forschung: Jüngstes Opfer der Abbaumassnahmen ist das Forschungszentrum in Horsham, im Süden Londons. Im November hat der Pharmakonzern die Schliessung in Aussicht gestellt, am Mittwoch wurde sie Tatsache. Knapp 400 Stellen werden bis Ende Juni gestrichen. In Horsham wurden Atemwegserkrankungen erforscht, diese Einheit wird neu im amerikanischen Cambridge bei Boston aufgebaut. Der Standort gehört neben Basel zu den grossen Forschungszentren des Konzerns.
  • Produktion: Seit 2010 strafft das Unternehmen sein Produktionsnetzwerk und hat seither 20 Standorte entweder geschlossen, verkauft oder verkleinert. Ziel ist es, die Auslastung der Werke auf 80 Prozent zu erhöhen. Im Januar hat der Pharmakonzern die Schliessung einer Anlage in Suffern im US-Bundesstaat New York bekannt gegeben. Betroffen sind 525 Arbeitsplätze. Am Standort, der rund 50 Kilometer nördlich von Manhattan liegt, wurden der Blutdrucksenker Diovan und das Malariamittel Coartem hergestellt. Diovan, das einst umsatzstärkste Medikament der Firma, hat mittlerweile den Patentschutz verloren. In Kanada werden bis Ende des Jahres weitere 300 Stellen gestrichen. Im Werk wurden Kontaktlinsenlösungen hergestellt.

Scharfe Kritik der Angestellten

Hinzu kommen weitere Abbaumassnahmen und Verschiebungen innerhalb des Konzerns, die Novartis nicht näher beziffert. So wird etwa ein Teil der Krebsforschung von Kalifornien nach Cambridge verschoben. Stellen werden auch in Wien gestrichen. Hier soll die Forschungseinheit Dermatologie (Hautheilkunde) geschlossen werden, das Konsultationsverfahren ist angelaufen. Österreichische Gewerkschaften kritisieren, dass in Wien Stellen laufend abgebaut würden und auch langjährige Mitarbeiter dem Abbau zum Opfer fielen. Novartis dagegen spricht von einer «geringen Zahl von Kündigungen am Standort Wien», wie die Zeitung «Kurier» berichtet.

Kritisch äussern sich nicht nur Mitarbeiter und Gewerkschaften in Österreich, sondern auch in der Schweiz. Angestelltenvertreterin Brigitte Martig kritisierte das Topmanagement an der Generalversammlung diese Woche scharf. Der Abbau von 500 Stellen in Basel sei für die Betroffenen eine Katastrophe. «Angesichts des Milliardengewinns, der Boni für das Management und der höheren Dividende ist der Stellenabbau in keinster Weise zu rechtfertigen.»

Martig hegt zudem Zweifel am Konsultationsverfahren, das wegen des Stellenabbaus zwischen Novartis und Angestelltenvertretern eingeleitet wurde. Bis letzten Freitag hatte das Personal Zeit, Vorschläge zu machen, wie der Abbau vermindert werden könnte. Der Pharmakonzern lasse sich jedoch lediglich eine Woche Zeit, die Vorschläge zu prüfen. Dies hinterlasse bei ihr den Eindruck, dass der Konsultationsprozess lediglich eine Alibiübung sei, sagte Brigitte Martig.

Das Unternehmen betont bei den Abbauschritten jeweils, dass Stellen andernorts aufgebaut würden, so auch in der Schweiz. Jedoch nennt der Konzern oft keine konkreten Zahlen. Zudem ist es im Nachhinein schwer überprüfbar, ob tatsächlich Arbeitsplätze im versprochenen Umfang geschaffen wurden.

Der scheibchenweise durchgeführte Stellenabbau dürfte sich fortsetzen. Gemäss Angaben aus dem Innern des Pharmakonzerns ist in den kommenden Jahren eine Reduktion beziehungsweise Verlagerung von bis zu 4000 Stellen in der Pharmadivision geplant, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Wird der bereits angekündigte Abbau von 1700 Arbeitsplätzen innerhalb der Sparte abgezogen, wären somit weitere 2300 Jobs in Gefahr.

Novartis wehrt sich gegen den Vorwurf, den Stellenabbau nur lokal und bruchstückhaft zu kommunizieren. Die klaren strategischen Prioritäten würden lokal und massgeschneidert umgesetzt. Dies sei getrieben von Geschäftschancen und Marktbedürfnissen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2014, 07:34 Uhr)

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