Nur wenige Fussballfans reisen zur WM nach Südafrika
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 10.04.2010
Vermarktungsfirma Match
Die Fifa hat die Zürcher Firma Match Services beauftragt, Dienstleistungen im Bereich Ticketing, Unterkunft und Event-Informatik für Südafrika 2010 und Brasilien 2014 bereitzustellen. Die Rechte für den weltweiten Verkauf der
exklusiven Hospitality-Pakete hat die Fifa an die Match Hospitality vergeben.
Beide Match-Firmen logieren im früheren Hauptsitz der Fifa und heutigen Tagungszentrum Sonnenberg, das die Fifa von der Stadt im Baurecht erworben hat. Beide Firmen gehören mehrheitlich der britischen Byrom des Mexikaners Jaime Byrom, der seit rund 20 Jahren den Ticketverkauf für die Fifa betreibt. Byrom präsidiert beide Firmen.
An der Match Hospitality ist der Zuger Sportrechtehändler Infront Sports & Media mit 5 Prozent beteiligt. Infront-Chef Philipp Blatter ist der Neffe des allmächtigen
Fifa-Chefs Sepp Blatter, was bei der Vergabe des Auftrags an Match ospitality zu reden gab. Nicht zum ersten Mal wurde gegen den Fifa-Boss der Vorwurf der Günstlingswirtschaft erhoben. Neben Präsident Andreas Jacobs sitzen mit dem Ex-Fussballer Günter Netzer und dem früheren China-Botschafter Uli Sigg weitere klingende Namen im Infront-Verwaltungsrat.
Zwei Monate vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels der Fussball-WM 2010 macht sich in Südafrika Ernüchterung breit. Laut Fifa sind zwar 2,1 von insgesamt 2,9 Millionen Tickets verkauft – inklusive der Karten, die reserviert, jedoch noch nicht bezahlt sind. Aber die Fluggesellschaften und Hoteliers spüren davon kaum etwas.
Die staatliche South African Airways (SAA) hat 44'000 von 45'000 bisher blockierten Tickets für Inlandflüge auf den Markt geworfen, nachdem die Agentur Match ihren Bedarf entsprechend reduziert hatte. Match ist von der Fifa mit der Exklusivvermarktung der WM beauftragt worden. Nun hat die SAA die Vereinbarung mit Match gekündigt. «Wir haben alles versucht, um Match zu helfen, aber wir können die Tickets nicht ewig blockieren», erklärt Projektleiter Ian Cruickshank. Die SAA wird die Tickets nun zu Dumpingpreisen verkaufen. Match sagt, man habe den Flugbedarf reduziert, weil man auch eine andere Airline berücksichtigt habe.
Noch mehr Betten kommen auf den Markt
Der Fifa-Partner Match hatte den Preis für Inlandflüge zuvor bei 755 Dollar festgesetzt – ein Betrag, für den man sonst in die USA fliegen kann. Die Wucherpreise hatten nicht nur den WM-Tourismus, sondern auch den normalen Flugverkehr gelähmt. Geschäftsleute etwa hatten ihre Reiseaktivität deshalb auf ein Minimum reduziert.
Katzenjammer herrscht auch bei den Hoteliers. Gemäss dem Online-Magazin «Mail & Guardian» aus Johannesburg hat die Agentur Match ihren Partnerhotels bis Ende März 441'695 Übernachtungen zurückgegeben. Mit dem heutigen Tag läuft die Frist ab, in der Match reservierte Hotelbetten ohne Busse zurückgeben kann. Also dürften noch mehr Betten auf den Markt kommen.
Was das für den einzelnen Hotelier heisst, haben Reporter der Westschweizer «Liberté» in Südafrika erfahren: «Wir hatten der Agentur Match letztes Jahr die Vermietung unserer Zimmer im Zeitraum der WM übertragen», zitiert die Zeitung den Hotelier Patrick Cellier aus dem Touristenstädtchen Knysna. Match habe die Preise um 40 Prozent hinaufgesetzt – den Aufschlag hätte die Agentur kassiert. Doch es blieb bei der Absichtserklärung: Anfang Februar gab Match alle reservierten Zimmer wieder frei, ohne das Hotel zu entschädigen. In einem Brief entschuldigte sich Match: «In Europa sind die Angebote nicht auf ein positives Echo gestossen.»
300 bis 400 Dollar pro Nacht
Bei den Preisen, die fürs Übernachten verlangt werden, ist das nicht überraschend. «Die durchschnittlich 300 bis 400 Dollar pro Nacht sind mehr, als exklusive Hotels in Europa oder den USA in der Hochsaison fordern», ärgert sich ein kanadischer Fussballfan in einem Online-Forum. Erst nach langer Suche sei es ihm gelungen, Gasthäuser für 100 bis 150 Dollar zu finden, was immer noch völlig überteuert sei. Tatsächlich findet man in Kapstadt sonst 3-Sterne-Häuser für 85 Dollar die Nacht.
Harzig läuft auch das Sponsoren- und VIP-Programm: Bei einer Parlamentsanhörung zur Ticketkrise räumte die Fifa ein, dass im Hospitality-Bereich nur 148'000 der eingeplanten 380'000 Karten verkauft waren. Die teuren Arrangements für Sponsoren und andere Unternehmen sind wenig gefragt. Die UBS etwa, die sich an der WM 2006 in Deutschland gegenüber Kunden noch grosszügig gezeigt hatte, kauft diesmal gar keine Tickets. Auch die 550'000 Tickets, die für die offiziellen Sponsoren der WM reserviert sind, wurden laut dem britischen «Daily Mirror» bisher bloss zu einem Drittel verkauft.
Die Fifa habe die WM für normale Südafrikaner ruiniert
Das Szenario halbleerer WM-Stadien vor Augen, hat die Fifa nun ihre Ticketpreise herabgestuft. Statt nur 11 Prozent gibt es nun fast 30 Prozent aller Sitze in der günstigsten Klasse 4, in welcher der Eintritt 20 Franken kostet und den Einheimischen vorbehalten ist.
Nicht wenige Südafrikaner finden, die Fifa und ihre Vermarkterin Match hätten die WM für normale Südafrikaner ruiniert. Auch in den Stadien herrsche der Kommerz: Eigene Esswaren sind tabu, ein Sandwich oder Getränk koste 50 Rand, umgerechnet 8 Franken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.04.2010, 23:22 Uhr
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