«O’Leary ist für mich schlichtweg ein Spinner»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 09.09.2010

Nur noch ein Pilot im Cockpit, um Kosten zu sparen: Die Idee kam schon von anderer Seite, sagt Luftfahrt-Experte und «Swissair-Flug-111»-Autor Tim van Beveren.

«Wenn O'Leary wirklich meint, er könne mit nur einem Piloten fliegen, dann weiss ich auf jeden Fall, dass ich bei Ryanair dann nicht mehr einsteigen werde»: Tim van Beveren.

van Beveren

Zur Person: Tim van Beveren ist Journalist, Pilot, Buchautor und Filmemacher. Unter anderem hat er 1999 zusammen mit Simon Hubacher «Flug Swissair 111 / Die Katastrope von Halifax und ihre Folgen» veröffentlicht. Bekannt ist auch «Runter kommen sie immer / Die verschwiegenen Risiken des Flugverkehrs» (1995) sowie «Das Risiko fliegt mit / Die versteckten Risiken im Flugverkehr» (2005).

Michael O'Leary

Michael O'Leary sorgt in der Branche immer wieder für Aufsehen. Zuletzt mit der Ideen, Stehplätze einzuführen, um Kosten zu sparen. Auch die Toilettengebühr stammt von ihm. Nun will O'Leary die Aufsichtsbehörden davon überzeugen, dass auf kürzeren Strecken ein Pilot ausreiche. Kopiloten bezeichnete er als überflüssig, weil der Computer mittlerweile die Hauptarbeit beim Flug übernehme. «Damit könnte die Branche ein Heidengeld sparen», sagte er in einem Interview mit einem Wirtschaftsmagazin. Bei Zügen sei schliesslich auch nur ein Lokführer an Bord. Dabei bestehe genauso die Gefahr, dass dieser durch einen Herzinfarkt ausfalle und einen Unfall verursache, sagte O'Leary. «In 25 Jahren mit mehr als zehn Millionen Flügen hatten wir einen Piloten, der einen Herzinfarkt erlitt, und der hat das Flugzeug noch zum Landen gebracht», betonte er.

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Herr van Beveren, Ryanair-Chef Michael O'Leary propagiert die Ein-Piloten-Fliegerei, um Kosten zu sparen. Was ist davon zu halten?
Vom heutigen Stand der Flugzeuge ausgehend ist es nicht möglich. Alle und gerade die für die Sicherheit wesentlichen Systeme in den heute eingesetzten Flugzeugen sind doppelt vorhanden, so auch die Piloten. Die ganze moderne, kommerzielle Fliegerei ist darauf angelegt, dass mindestens zwei Piloten die Maschinen steuern. Der eine fliegt, während der andere eine Überwachungsfunktion wahrnimmt. Das ist das Grundprinzip von Redundanz. Während des Fluges können jederzeit Fehler auftreten. Diese müssen dann vom nicht-fliegenden Piloten abgearbeitet werden.

Was hat es mit der Volksmeinung auf sich, dass die Flieger so oder so vom Computer gesteuert werden?
Der Computer steuert einiges, aber nicht alles. Und es kommt genug oft vor, dass die Maschine etwas macht, was unerwartet ist. Da muss man einschreiten können. Es gibt zahlreiche Flughäfen – auch in der Schweiz – da kann ich nicht automatisch anfliegen und landen. Dafür brauchen Sie Piloten.

Unvorstellbar ist es aber nicht, dass Flugzeuge nur von einem Piloten gesteuert werden?
Bei Flugzeugherstellern wird immer wieder von «Knöpfchenfliegerei» und «Piloten werden bald überflüssig» geredet. Mir hat vor 16 Jahren der Chef einer Konstruktionsabteilung bei einem grossen europäischen Flugzeughersteller gesagt, bald käme die Ein-Piloten- und dann die Null-Piloten-Version für Flugzeuge.

Also doch?
Es ist bis heute nicht eingetreten und meiner Meinung nach wird es das auch auf absehbare Zeit nicht geben.

Wie hat er argumentiert?
Natürlich auch damit, dass die Computer die Arbeit der Piloten viel besser machen.

Also vom Boden aus gesteuerte Flugzeuge?
Ablaufende Computerprogramme. Technisch ist das alles möglich. Aber es widerspricht nun mal allem, was mit Sicherheit zu tun hat, und was wir diesbezüglich im Laufe der letzten 100 Jahre erarbeitet haben.

Wird es in ferner Zukunft pilotenlose Fliegerei in der kommerziellen Luftfahrt geben?
Wenn es um Sicherheit in der Luftfahrt geht, können Maschinen den Menschen nicht ersetzen. Es ist unmöglich alle Eventualitäten, alle möglichen Zwischenfälle vorauszusehen und Computer dafür zu programmieren. Schon mit einer boeigen Seitenwindlandung ist der Autopilot überfordert, er darf deshalb nicht verwendet werden. Menschen hingegen sind lernfähig, konditionierbar. Sie können lernen, auch mit aussergewöhnlichen Situationen umzugehen. Nein, eine Null-Piloten-Version wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht geben.

Ihre abschliessende Message an den Ryanair-Chef?
O’Leary ist für mich schlichtweg ein Spinner, der von der Arbeit der Piloten und den mit der Fliegerei verbundenen Sicherheitskonzepten offenbar keine Ahnung hat. Er sollte manchmal einfach besser den Mund halten. Wenn er wirklich meint, er könne mit nur einem Piloten fliegen, dann weiss ich auf jeden Fall, dass ich bei Ryanair dann nicht mehr einsteigen werde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2010, 18:13 Uhr

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