Österreicher wollen Nachtzug von Zürich nach Deutschland retten

Zum Fahrplanwechsel im Dezember stellt die Deutsche Bahn sämtliche Nachtreisezüge ein, auch jene in die Schweiz. Die Österreichischen Bundesbahnen wollen diese Chance nutzen.

Die Österreichischen Bundesbahnen wollen den Nachtverkehr auf Schienen ausbauen. Foto: Wodicka (DDP Images)

Die Österreichischen Bundesbahnen wollen den Nachtverkehr auf Schienen ausbauen. Foto: Wodicka (DDP Images)

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Es war seine letzte Bilanzpräsentation bei den Österreichischen Bundesbahnen: Kurz bevor Christian Kern zum österreichischen Bundeskanzler aufstieg, stellte er als Chef der ÖBB noch die Weichen für den Ausbau des Nachtzuggeschäfts. Aus österreichischer Sicht sei der Nachtverkehr auf Schienen weiterhin «attraktiv», sagte Kern im April und stellte sich damit demonstrativ gegen die Deutsche Bahn (DB), die mit dem nächsten Fahrplanwechsel im Dezember sämtliche Nacht- und Autoreisezüge einstellen will. Das wird nicht nur innerdeutsche Verbindungen betreffen, sondern neben anderen auch die Nachtzüge von Zürich nach Hamburg, Berlin, Amsterdam und via Dresden nach Prag.

In Österreich sieht man den deutschen Rückzug aus dem Nachtverkehr als Chance: Vor einer Woche gab der Verwaltungsrat der ÖBB grünes Licht für die Erweiterung der Nachtzugverbindungen. Die Nische Nachtzug soll als komfortable und umweltfreundliche Alternative zu Auto oder Flugzeug beworben werden. Für den Fernverkehr der ÖBB seien die Nachtreisezüge mit einem Umsatzanteil von 17 Prozent ein wichtiges Geschäftssegment, wird in einem Communiqué betont. Weitere Auskünfte verweigert die Pressestelle der österreichischen Bahn. Und auch die SBB geben zur Strategie anderer Bahnunternehmen keinen Kommentar ab.

Weniger geizig mit Informationen geben sich Bahnfreunde in Internetforen. Die ÖBB würden nicht nur die Nachtzüge zwischen Österreich und Deutschland übernehmen, heisst es dort, sondern auch jene von Zürich nach Deutschland. Die heute getrennt geführten Nachtzüge nach Berlin und nach Hamburg würden zusammengelegt. Der neue Zug soll Zürich gegen 19 Uhr verlassen, um 6 Uhr in Berlin ankommen und um 9 Uhr Hamburg erreichen. Unsicher ist demnach aber noch die Zukunft der Nachtverbindung nach Prag. Der bisherige Weg durch Deutschland ist ab Dezember versperrt, allerdings arbeiten Tschechen und Österreicher offenbar an einer Alternative: Kurswagen könnten mit dem Euro-Night-Zug Wiener Walzer von Zürich bis Linz fahren und von dort weiter nach Prag. Kaum Hoffnung gibt es hingegen für den Nachtzug nach Amsterdam. An dieser Verbindung zeigen die Österreich offenbar weniger Interesse. Von den ÖBB kommt dazu offiziell ­weder Bestätigung noch Dementi.

ÖBB kaufen Occasionswagen

Bestätigt wird aber, dass das Unternehmen 31 Millionen Euro in den Kauf von bis zu 60 gebrauchten Schlaf- und Liegewagen und 15 Autotransportwaggons investieren will. Die Ausschreibung läuft bereits und richtet sich gezielt an die DB, die jetzt ihren Wagenpark für den Nachtverkehr loswerden wollen dürfte. Ausserdem werden die Österreicher 20 Sitzwagen in Liegewagen umbauen. In der ÖBB-Zentrale in Wien konnten Passagiere unlängst Modelle der neuen Schlafkojen testen. Im Moment deute viel darauf hin, «dass zumindest ein Nachtzug zwischen der Schweiz und Deutschland erhalten bleibt», hofft Daniel Costantino von Umverkehr.

Die verkehrspolitische Umweltorganisation sammelte über 11'000 Unterschriften zur Erhaltung der Nachtzüge und übergab die Petition letzten Herbst Doris Leuthard. Das Interesse der Bundesrätin sei jedoch nicht gross gewesen, sagt Kampagnenleiter Costantino: «Sie ist vermutlich davon nicht persönlich betroffen.» Eine Umfrage der Umweltorganisation zeigte, dass die meisten Fahrgäste nach Streichung des Nachtzugs nicht einen Tagzug, sondern das Flugzeug wählen würden. Umverkehr klagt über die stiefmütterliche Behandlung des Schienennachtverkehrs, vor allem in Deutschland und Frankreich, sowie über steuerliche Benachteiligungen. Die SBB führen zwar schon lange keine eigenen Nachtzüge mehr. Die Chefs des Unternehmens sollten sich bei den deutschen Nachbarn aber mindestens dafür einsetzen, «dass die letzten Nachtverbindungen bleiben», fordert Costantino.

Deutlich stärker ist die Lobby für den Nachtverkehr auf Schienen in Deutschland. Nicht nur Umwelt- und Verkehrsorganisationen, auch die Gewerkschaften fordern ein Umdenken in der DB-Zentrale. Diese Woche übergab eine Delegation der Initiative «Bahn für alle» dem Verkehrsausschuss des Parlaments eine Petition mit fast 30 000 Unterschriften. «Ich habe das Gefühl, dass die Politik unser Anliegen ernst nimmt», sagte «Bahn für alle»-Sprecher Bernhard Knierim. Bei der DB gebe es hingegen «keine Verhandlungsbereitschaft».

«Mit mehr Herzblut»

Die Leitung der Personenverkehrssparte der DB argumentiert mit hohen Kosten und zu geringer Auslastung: Bei nur 1,4 Millionen Passagieren sei vergangenes Jahr ein Minus von 31 Millionen Euro eingefahren worden, heisst es. ­Kritiker entgegnen, dass die DB mit den Zahlen trickse und 1,2Millionen Passagiere nicht mitrechne, die in den Nachtzügen Sitzwagen statt Schlaf- oder Liegewagen benutzten. «Bahn für alle» ging diese Woche denn auch mit einem eigenen Nachtzugkonzept für ganz Europa an die Öffentlichkeit. «Luna Liner» ist ein nächtlicher Taktfahrplan auf 17 Hauptstrecken quer durch Europa, von Warschau bis Paris, von Kopenhagen bis Rom. Zürich ist in diesem fiktiven Nachtnetz ein zentraler Knotenpunkt.

Knierim hofft nun, «dass die Österreicher die Nachtzüge mit mehr Herzblut als die DB betreiben». Langfristig aber könnte der Nachtverkehr nur durch ein Gemeinschaftsprojekt aller grossen europäischen Bahnverwaltungen gesichert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 20:44 Uhr

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