Wirtschaft

Pensionskassen: 60 Milliarden weg

Grosses Nervenflattern: Seit Beginn der Finanzkrise vor einem Jahr haben die Kassen jeden zehnten Vorsorgefranken verloren.

Die Finanzkrise trifft die Pensionskassen mit voller Wucht. Die dicken Polster, die sie sich in den letzten guten Börsenjahren zugelegt haben, sind empfindlich dünn geworden. Die Nervosität unter den Kassenwarten ist entsprechend gross: «Man versucht, ruhig Blut zu bewahren, was mit jedem Tag, an dem die Kurse weiter bröckeln, schwieriger wird», sagt Christoph Auckenthaler, der die Kapitalanlagen der Pensionskasse Energie betreut. «Ich habe auch schon besser geschlafen», meint ein anderer Kassenverantwortlicher.

Immerhin ist die Angst noch nicht so gross, dass bei den Pensionskassen die zittrigen Hände regieren. «Die meisten unserer Kunden diskutieren derzeit die Frage, ob sie wegen der Krise den Aktienanteil reduzieren sollen. Einen Entscheid hat bisher aber noch keine dieser Kassen gefällt», sagt der Pensionskassenspezialist der Bank Pictet, Thomas Häfliger. Der Deckungsgrad der meisten Kassen sei genügend hoch, im Schnitt liege er leicht über 100 Prozent. Deshalb seien nur wenige Kassen gezwungen, ihre Risiken jetzt mitten im Börsensturm zu reduzieren.

Im Schnitt 10 Prozent verloren

Die Verluste der Kassen, die noch Anfang Jahr rund 600 Milliarden Vorsorgegelder verwalteten, sind immens. Wie hoch, zeigen die BVG-Indizes der Bank Pictet. Seit Anfang Jahr haben Kassen im Schnitt 7 bis 8 Prozent verloren. Solche mit einer risikoreichen Anlagestrategie sind sogar 12,93 Prozent im Minus. Die Unterschiede zwischen guten und schlechten Vorsorgeeinrichtungen seien beträchtlich. Jene, die viel Geld direkt in Immobilien oder in Risikokapital-Gesellschaften investiert hätten, seien besser gefahren, sagt Häfliger. Wichtig: Es handelt sich um nicht realisierte Buchverluste. Wendet sich an den Aktienmärkten das Blatt, werden sie sich verringern.

Seit Beginn der Finanzkrise sind die Verluste noch grösser. Pensionskassen, die eine riskante Strategie mit sehr hohem Aktienanteil fahren, haben 16 Prozent der Anlagegelder verspielt; Kassen, die stark auf Obligationen abstellen, nur 5 Prozent, hat die Bank Pictet errechnet. Laut Schätzungen des «Tages-Anzeigers», die zwei unabhängige Pensionskassenspezialisten bestätigt haben, belaufen sich die Buchverluste mittlerweile auf rund 60 Milliarden Franken. Weil die Hälfte der Pensionskassengelder von Versicherungen verwaltet wird und deshalb besser geschützt ist, müssen sich die Versicherten nur rund 45 Milliarden Franken ans Bein streichen. So viel, wie die UBS im Verlauf der Subprime-Krise abschreiben musste.

Damit nicht genug. «Viele Pensionskassen rechnen mit falschen demografischen Grundlagen, einem zu hohen technischen Zinssatz und weisen einen zu hohen Deckungsgrad aus», sagt der Zürcher Finanzmarkt-Professor und Pensionskassenspezialist Martin Janssen. «Die Lage ist ernster, als uns die Kassen mit ihren Statistiken weismachen wollen.»

Keine falsche Panikmache

Doch Pensionskassenspezialisten warnen vor Panikmache. Es wäre ein Fehler, wenn die Kassen ihre Anlagestrategie kurzfristig über Bord werfen und den Aktienanteil massiv senken würden. Man sei heute in einer grundsätzlich anderen Situation als vor fünf Jahren. Damals sahen sich die Versicherungen gezwungen, ihre Leistungen drastisch zu reduzieren und lösten so die Rentenklau-Diskussion aus. «Nachdem die Aktienkurse zweieinhalb Jahre lang gefallen waren, senkten sie im dümmsten Moment den Aktienanteil. Die Folge: Die nachfolgende Hausse machten sie nur zum Teil mit», sagt Häfliger. Die Erinnerung an diese Krise sei noch so frisch, dass die Kassen den gleichen Fehler kein zweites Mal begehen würden.

«Eine Pensionskasse, die von dieser Situation überrascht wird, hat ihren Job nicht gut gemacht», meint auch Janssen. Was können die Versicherten tun? «Sie können sich bei ihren Personalvertretern über die Situation der eigenen Pensionskasse informieren, den Beizug unabhängiger Experten fordern und die Struktur ihrer privaten Ersparnisse anpassen», sagt Janssen. Mehr nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2008, 14:25 Uhr

Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz