Wirtschaft
Pfizer gibt Arbeitslosen gratis Viagra
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 14.05.2009 2 Kommentare
Blaue Muntermacherin: Viagra ist eines von über 70 Medikamenten, die Pfister Arbeitslosen kostenlos anbietet. (Bild: Keystone)
Die Abgabe der Gratismedikamente wurde kurzfristig beschlossen, wie Pfizer mitteilte. An einem Seminar des Konzerns vor fünf Wochen erkundeten Führungskräfte Mittel und Wege, um den Rückgang im Verkauf von Medikamenten zu bremsen, der einerseits auf die wachsende Zahl von Nichtversicherten und anderseits auf den Generika-Trend zurückgeht. Pfizer lagen auch Berichte vor, wonach Diabeteskranke schwere Komplikationen erlitten hatten, weil sie arbeitslos geworden waren und damit die vom Unternehmen offerierte Versicherung verloren.
Jorge Puente, Chef des Pharmageschäfts ausserhalb der USA, sagte, dass immer mehr Patienten wegen der verlorenen Krankenversicherung Probleme hätten und Pfizer deshalb mindestens für eine Überbrückung sorgen wolle, bis die Betroffenen eine neue Stelle gefunden hätten. Die Präparate werden gegen einen entsprechenden Antrag bis zu einem Jahr kostenlos abgeben. In die Aktion einbezogen sind mehr als 70 Mittel, darunter das Cholesterinmedikament Lipitor, das Schmerzmittel Celebrex und die Erektionsdroge Viagra. Pfizer wollte nicht bekannt geben, wie viele Patienten erfasst werden könnten und wie viel die Aktion kosten dürfte. Zuvor bereits hatten einige Bundesstaaten mit der kostenlose Abgabe von verschreibungspflichtigen Präparaten begonnen. So gewährt New Jersey seit dem Frühjahr den Arbeitlosen eine Bezugskarte für Medikamente mit einem Rabatt von 50 Prozent, und West-Virginia schickt den 245'000 Nichtversicherten kostenlose Medikamente per Post zu. Völlig selbstlos ist die Aktion nicht, wie Annette Catino, Geschäftsführerin von Qualcare in New Jersey, sagt. Die Pharmafirmen hätten die Präparate gestiftet und sehen diese Gabe «als Marketinginstrument, um so den Umsatz anzukurbeln». Gerade Pfizer ist markant von der zunehmenden Verschreibung von Generika betroffen. So ist der Absatz des Cholesterinpräparats Lipitor seit 2006 stark zurückgegangen, als der Patentschutz auslief und der Konkurrent Merck ein Nachahmerprodukt auf den Markt brachte, das viermal günstiger ist. Das unabhängige Marktforschungsinstitut IMS Health schätzt, dass die Amerikaner seit 1999 mehr als 734 Milliarden Dollar gespart haben, indem sie Generika kauften.
Junge am stärksten betroffen
Am meisten betroffen von Entlassungen und damit vom Verlust der Krankenversicherung sind junge Amerikaner. Gemäss einem Bericht des Commonwealth Fund haben 29 Prozent der 19- bis 29-Jährigen keine Krankenversicherung. Mehr als 13 Millionen der 47 Millionen Nichtversicherten sind jünger als 30 Jahre. Dies ist mit der hohen Arbeitslosigkeit der Jungen zu erklären, aber auch mit der Tatsache, dass angesichts der fehlenden Versicherungspflicht ein Anreiz besteht, auf eine Krankenkasse zu verzichten, solange es geht. Untersuchungen in New York deuteten darauf hin, dass Jugendliche grosse Risiken eingehen. Bei einer Erkrankung verschreiben sie sich mithilfe des Internets eine eigene Kur, und sie beschaffen sich die ungebrauchten Medikamente von Freunden und Bekannten. Im Grossraum New York hat die Zahl der Jugendlichen auf den Notfallstationen der Spitäler mit der Wirtschaftskrise zugenommen. Notfalldienste müssen alle Patienten behandeln, auch die Nichtversicherten. Die Kosten dafür werden auf die Versicherten abgewälzt. Auch dies ist ein Grund für die ungebremste Kostenspirale im US-Gesundheitswesen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.05.2009, 23:30 Uhr
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2 Kommentare
Als Chemiker kenne ich den Aufwand für die Entwicklung neuer Medikamente. Wenn aber der Aufwand für Werbung denjenigen für Entwicklung erreicht (Zitat Vasella), dann ist etwas aus den Fugen geraten. Wieso verkauft man die Medikamente nicht zu vernünftigen Preisen? Ich würde lieber das Generikum zum gleichen Preis beim Entwickler kaufen, als beim Nachahmer. Antworten
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