Wirtschaft

Pleite als Wettbewerbsvorteil

Aktualisiert am 30.11.2011 2 Kommentare

American Airlines ist keine Ausnahme: Seit 9/11 retten sich US-Fluggesellschaften regelmässig in die Insolvenz. Während die Airline durch die Pleite profitiert, leiden vor allem Mitarbeiter und Gläubiger.

Gewerkschaften befürchten einen massiven Stellenabbau: Flugzeuge der American Airlines in Dallas. (Archivbild)

Gewerkschaften befürchten einen massiven Stellenabbau: Flugzeuge der American Airlines in Dallas. (Archivbild)
Bild: Keystone

Insolvenz nach Kapital 11

Die USA kennen zwei unterschiedliche Insolvenzverfahren, die nach den jeweiligen Kapiteln im US-Konkursrecht als Chapter 7 und Chapter 11 (Kapitel 11) bezeichnet werden. Während das Ziel eines Kapitel-7-Verfahrens die Liquidierung eines bankrotten Unternehmens ist, kann man das Verfahren nach Kapitel 11 eher als Sanierungsverfahren unter gerichtlicher Aufsicht bezeichnen. Oberste Priorität hat dabei der Erhalt des betroffenen Unternehmens.

Das Insolvenzverfahren nach Kapitel 11 unterscheidet sich deutlich vom Insolvenzrecht in der Schweiz oder Deutschland. So gibt es keinen Insolvenzverwalter. Vielmehr behält fast immer das bisherige Management die Kontrolle über das Tagesgeschäft. Wichtige Transaktionen, wie etwa der Verkauf von Unternehmensteilen oder anderen wesentlichen Vermögenswerten, müssen aber vom zuständigen Gericht genehmigt werden.

Das Kapitel-11-Verfahren bietet für bedrohte Firmen zahlreiche Vorteile. So können Gläubiger, die sich zuvor mit dem betroffenen Unternehmen nicht auf einen Forderungsverzicht einigen konnten, vom Insolvenzgericht zu einer Einigung gezwungen werden. Das insolvente Unternehmen kann sich frisches Kapital besorgen. Forderungen der Gläubiger können nicht sofort vollstreckt werden. Ausländische Tochterfirmen werden nicht zu einer Folgeinsolvenz gezwungen. (dapd)

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Gestern vermeldete die US-Fluggesellschaft American Airlines (AMR 0.24 0.00%) und deren Mutterkonzern AMR ihre Insolvenz. Es handelt sich dabei um eine «Sanierung durch Bankrott» wie die «Süddeutsche Zeitung» es nennt.

Die Insolvenz nach Kapitel 11 (siehe Box), wie sie die drittgrösste amerikanische Airline nun beantragt hat, ist bei US-Konzernen ein oft angewendetes Mittel. Prominentes Beispiel ist General Motors. ( 22.44 1.81%) Der weltgrösste Autokonzern wurde im Jahr 2009 mit kräftiger Mithilfe der US-Regierung durch einen durchgeplanten Konkurs geschickt. Die Insolvenz wurde innerhalb von 40 Tagen abgewickelt. Der einst grösste Autobauer der Welt wurde dabei grösstenteils verstaatlicht. Um Kosten zu sparen, wurden mehrere Marken abgestossen und über 35'000 Mitarbeiter erhielten die Kündigung.

Nach dem Eingriff ging es bei GM wieder aufwärts. Nur ein Jahr später wagte sich der Autokonzern in die Offensive und den Sprung auf den Finanzmarkt: Mit einem Aktienvolumen von rund 23,1 Milliarden Dollar handelte es sich um den bis dato grössten Börsengang aller Zeiten.

Airlines fliehen in die Insolvenz

Die Insolvenz als letzte Rettung ist vor allem bei Fluggesellschaften ein beliebtes Mittel. American Airlines ist quasi die letzte der Gilde, die diesen Schritt vollzieht. Nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 nutzten diverse grosse US-Airlines die Insolvenz, um ihre Finanzen neu zu ordnen. Im Dezember 2002 meldete United Airlines ihren Konkurs an. Nach einem harten Sanierungskurs flog die zweitgrösste Fluggesellschaft der Welt weiter. Darauf folgten Delta und Continental. Auch für sie war der geordnete Konkurs die Voraussetzung für eine bessere Marktstellung, wie die «Financial Times» berichtet.

Im Dezember 2001 präsentierte sich die nun gescholtene American Airlines noch als Retterin in der Not: Trans World Airlines (TWA), eine der damals grössten Fluglinien der USA, geriet in eine hoffnungslose finanzielle Schieflage. Konkurrent American Airlines machte ein Kaufangebot – TWA akzeptierte.

Bessere Positionierung durch Pleite

American Airlines war bis heute die einzige der grossen US-Fluglinien, die nicht Konkurs anmelden musste. Und genau dies verschaffte ihr ironischerweise einen Wettbewerbsnachteil, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. Delta oder Continental nutzten damals ihre Pleiten, um sich schlanker aufzustellen. Die geordnete Insolvenz nach Kapitel 11 erlaubt es US-Firmen, sich bei ihren Gläubigern von Schulden zu befreien, Gehaltsverpflichtungen gegenüber Mitarbeitern nicht nachzukommen oder Forderungen von Lieferanten ins Leere laufen zu lassen.

Die Gewerkschaften haben bereits ihre Besorgnis zu möglichen Massnahmen geäussert, die den Mitarbeitern von American Airlines nun blühen könnten. Der Vorsitzende der Pilotengewerkschaft APA, Dave Bates, sagte, dass bei anderen Fluglinien die Insolvenz genutzt wurde, um Pensionsfonds zu schliessen. «Auch wenn der heutige Schritt nicht ganz unerwartet kam, ist es dennoch enttäuschend, dass wir jetzt für eine Fluggesellschaft arbeiten, die keine Richtung mehr hat», sagte Bates.

Sanierung auf Kosten der Mitarbeiter befürchtet

Darryl Jenkins, Unternehmensberater in der Fluglinienbranche, sagte, dass AMR während des Insolvenzverfahrens seine Kosten reduzieren könne. Die grossen Verlierer seien die Aktionäre und das Personal. «Die Mitarbeiter trifft es am härtesten», sagte Jenkins. «Die Pensionsfonds sind in Gefahr.»

Auf der anderen Seite stehen die Finanzexperten, die die Insolvenz durchaus begrüssen: Ray Neidl von der Investmentbank Maxim Group schätzte die Chancen des Unternehmens am Markt als gut ein. AMR brauche jetzt Ruhe zum Arbeiten und müsse den Umsatz steigern. Er könne sich gar vorstellen, dass die Fluglinie mit US Airways fusioniert. Auch die Airline selbst kündete an, dass der Flugbetrieb normal weitergeführt werden könne.

Insolvenz hat keinen Einfluss auf Bestellung von neuer Flotte

Inwieweit die Insolvenz von Fluglinien bewusst in Kauf genommen wird, davon zeugt auch ein riesiger Auftrag an die Flugzeugbauer, den die American Airlines im Juli an Airbus und Boeing vergeben hatte. Die gesamte Flotte wurde erneuert, dies obwohl die Pleite gemäss Experten vorauszusehen war. Das Unternehmen will nun 200 Maschinen vom Typ Boeing 737 sowie 260 Airbus A320 erwerben. Aus Konzernkreisen bei Airbus verlautete gestern, dass das Insolvenzverfahren keine Auswirkungen auf die Massenbestellung haben dürfte. (mrs)

Erstellt: 30.11.2011, 11:03 Uhr

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2 Kommentare

Roman Jakob

30.11.2011, 12:23 Uhr
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Und so ein Land hat ein Tripple A?... Diese Praxis mit bewusster Inkaufnahme eines Konkurses wird kaum alleine in der Mentalität der Privatwirtschaft isoliert bestehen - eigentlich ein Idiot, wer da den USA heute noch Geld leiht. Dazu passt, dass die Tea Party einen Zahlungsausfall durchaus hinnehmen würde, um höhere Steuern zu verhindern. Antworten


Ernst Rietmann

30.11.2011, 13:01 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Ein krankes System oder Gesetz, welches es einer Firma erlaubt, während der Insolvenz Geld zu verdienen und/oder Preise zu senken und damit die Konkurrenz zu schädigen. Der ursprünglich vermutlich gute Gedanke hinter dem Gesetz wird heute willkürlich ausgenützt. Es zeigt sich nur noch die hässliche und negative Seite. Antworten



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