Plötzlich wollen alle ein bisschen Amazon sein

Nach Swisscom, Coop und Tamedia lanciert auch die Post ihren eigenen Online-Marktplatz.

Arbeit für die Paketzusteller: Neuerdings liefert die Post auch Artikel der eigenen Plattform Kaloka aus. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)

Arbeit für die Paketzusteller: Neuerdings liefert die Post auch Artikel der eigenen Plattform Kaloka aus. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)

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Lauter kleine Schweizer Amazons: Vor wenigen Monaten schalteten Swisscom und Coop mit Siroop ihre Version eines Online-Marktplatzes auf. Bereits 2014 hat Ricardo mit Ricardoshops eine vergleichbare Plattform lanciert – die neue Ricardo-Besitzerin Tamedia, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, will diese in den nächsten Jahren bei Ricardo integrieren. Nun zieht die Post nach und tritt damit dem Staatskonzern Swisscom entgegen. Im nächsten Halbjahr testet der gelbe Riese in den Gemeinden Bern, Köniz und Ostermundigen eine Plattform namens Kaloka – was auf Tagalog, der Hauptsprache der Philippinen, so viel bedeutet wie verrückt.

Wie bei Amazon und Siroop können auch bei Kaloka Händler ihre Produkte auf der Plattform vertreiben. Die Post bietet ihnen im Hintergrund verschiedene Dienstleistungen an, von der Logistik bis zum Inkasso. Das Besondere an Kaloka ist, dass den Kunden die bestellte Ware auf Wunsch am gleichen Tag ausgeliefert wird. Anders als bei den Konkurrenten stehen zudem die Läden – derzeit gut 40 Berner Geschäfte – und nicht die Produkte im Vordergrund. Ein Besuch bei Kaloka solle möglichst dem traditionellen ­«Lädele» gleichen.

Unter der Fokussierung auf die Läden leidet allerdings die Übersichtlichkeit. Teilweise sind die Produkte in komplett falschen Kategorien aufgeführt. Etwa die Zahnpasta, die in der Rubrik Rasieren zu finden ist. Ist dies der Grund, dass Kaloka-Kunden per SMS Suchaufträge aufgeben können, statt die Website selber zu durchstöbern?

Deutlich teurer als Siroop

Die Übersichtlichkeit wurde auch beim Start von Siroop bemängelt. Man habe zu früh losgelegt, hiess es damals von­seiten der Kritiker. Hat sich auch die Post zu einem überhasteten Agieren gezwungen gefühlt, nach der Lancierung von Siroop? Post-Sprecher Oliver Flüeler verneint: Die Post habe nicht unter Zugzwang gestanden, vielmehr gebe sie im Onlinehandel den Takt an.

Kritisiert wurde nicht nur die fehlen­de Übersichtlichkeit bei Siroop, sondern auch die hohen Versandkosten. Dabei liegen diese mit 5 Franken für ein A Post-Päckchen deutlich tiefer als bei Kaloka, wo der Versand per B-Post sogar 7 Franken kostet. Die Lieferung am Bestelltag kostet Kaloka-Kunden 15 Franken. Das jedoch erst ab dem 11. April. Bis dann spendiert die Organisation Bern City, die als Kaloka-Partner auftritt, die Liefer­kosten. Durchgeführt wird die Gleichtagszustellung vom Velokurier Notime. Ob die Post dereinst auch diesen Teil der Logistik übernehmen wird, lässt Post-Sprecher Flüeler offen.

Zwischen Flüelers Zeilen hört man heraus, dass die Gleichtagszustellung für die Post im Moment so oder so eher eine Spielerei ist. Ein grösseres Kundenanliegen als die Gleichtagszustellung ist laut Flüeler, dass Sendungen gezielt gesteuert werden können, beispielsweise der Lieferzeitpunkt oder die Versand­adresse verändert werden kann. Darauf habe sich die Post konzentriert.

Nicht nur will die Post ein bisschen Amazon sein, auch Amazon will ein bisschen Post sein. Kaum ein anderes Thema gab in den letzten Monaten in der Logistik­branche so viel zu reden wie ein Vorstoss des Onlinehändlers in Deutsch­land. Im Grossraum München hat Amazon letztes Jahr den Expressversand selbst in die Hand genommen. In Deutschen Medien wird nun darüber spekuliert, ob Amazon das Projekt schon bald nach Hamburg und Berlin ausweiten könnte. Die Amerikaner halten sich dazu bedeckt. Klar ist: Für die Deutschen Paketunternehmen DHL und Hermes ist das Vorpreschen von Amazon keine erfreuliche Nachricht. Auch wenn Amazon nicht müde wird, zu betonen, es gebe genug Pakete für alle.

Bei der Post wiegelt man ab: Noch sei Amazon nicht in der Schweiz, sagt Flüeler zur Entwicklung. Gleichzeitig macht er eine klare Ansage: «Die Post ist die Nummer eins im Schweizer Paketmarkt. Und das wollen wir auch bleiben.» Als Retourkutsche in Richtung Amazon will er den Kaloka-Pilot­versuch nicht verstanden haben. In sechs Monaten werde die Post entscheiden, ob sie die Plattform weiterführen und auf andere Städte ausdehnen werde.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.03.2016, 23:58 Uhr)

Lieferung am Bestelltag

Computer per Pizzakurier

Bestellt und nur Stunden später geliefert: Gleichtagszustellung oder Same-Day-Delivery nennen die Logistiker den neuen Trend. Nicht nur die Post gab gestern bekannt, dass sie mit dem Onlineportal Kaloka in ­dieses Geschäft vorstossen will. Auch Elektronik­händler Steg wird nächste Woche ein entsprechendes Projekt vorstellen. Dabei setzt Steg nicht nur auf seine schweizweit 16 Filialen, sondern auch auf Pizza-Blitz als Lieferpartner. Ohne Details zu nennen, rühmte sich Steg gestern schon damit, die späteste Bestellschlusszeit anbieten zu können.

Das Zustellen am Bestelltag ist keine Exklusivität des Onlinehandels. So bietet etwa die Stadtberner Media-Markt-Filiale Same-Day-Delivery im ganzen Kanton an. Bei Kaloka muss die Ware bis 17 Uhr geordert werden, damit sie noch am selben Tag zugestellt werden kann. (stü)

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