Wirtschaft

Porsches Aufstieg, Plan und Crash

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 25.07.2009

Beinahe hätte der Winzling Porsche den Giganten VW geschluckt. Es kam umgekehrt. Die Geschichte eines Duells.

Wieder in Fahrt: Der Mythos Porsche lebt weiter.

Wieder in Fahrt: Der Mythos Porsche lebt weiter.
Bild: Keystone

Wolfgang Porsche, der auf dem Papier mächtigste Mann des Konzerns, weinte. Er sagte den Satz, der auf allen Beerdigungen gesprochen wird: «Der Mythos Porsche wird ewig leben!» Dann warf sich der Konzernboss an die weiche, massige Brust seines frisch entlassenen Topmanagers.

So endete ein Kampf, wie man ihn selten im Wirtschaftsteil und oft im Kino sieht: ein Duell zwischen zwei brutalen, intelligenten Machtmenschen, gewürzt mit Familienintrigen und überraschenden Wendungen.

Der einzige Unterschied zum Kino ist, dass am Ende kein Blut, sondern Geld floss: Der entlassene Manager Wendelin Wiedeking erhielt 50 Millionen Euro zum Abschied. Und die intrigierende Familie den zweitgrössten Autokonzern der Welt.

Die Wildheit des Kampfes von Porsche und VW erklärt sich daraus, dass er nicht den üblichen Mustern folgte: links gegen rechts oder Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber. Es war der Kampf zwischen zwei Stämmen einer Familie – ausgefochten von zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Der Angreifer, der Aufsteiger Wendelin Wiedeking, war nach 17 Jahren mit Rekordergebnissen als Chef der Porsche AG immer mehr zum Boss aus dem Bilderbuch geworden: Seine Nadelstreifen bedeckten immer breiter den breiteren Körper, und seine Zigarren ragten nun armdick in die Kameras.

Der andere war Milliardär und Asket: Ferdinand Piëch, Chef von Volkswagen, liebt zu kurze Socken, Wasser und Grüntee. Kaum einer seiner Topmanager wagt es, in seiner Gegenwart einen Cognac zu bestellen.

«Luxus und Stütze gehen nicht zusammen»

Beide leisten sich den Luxus, andere Bosse in Furcht zu versetzen. Wiedeking tat es durch Reden: Er verzichtete für Porsche als einziger deutscher Manager auf Subventionen – mit dem trockenen Satz «Luxus und Stütze gehen nicht zusammen». Er weigerte sich, wie alle anderen Dax-Firmen den Börsenanalysten Vierteljahresberichte zu liefern, weil diese zu kurzfristigem Denken führten. Und in Interviews zeigte er gerne Verachtung für Banker, Börsenjongleure und Steuervermeider. Kurz: Er liess seine Mitmanager klein, böse, ängstlich und grau aussehen.

Ferdinand Piëch hingegen verbreitet Schrecken genau mit dem Gegenteil: durch Schweigen, die Waffe aller echten Aristokraten. Sein einsilbiger Redestil, seine endlosen Pausen, sein starrer Blick sind gefürchtet: Der 72-jährige Glatzkopf Piëch entliess in seiner langen Karriere mehr Topmanager als sonst jemand. Und tat dies jeweils möglichst grausam. Betroffene erhalten ihre Botschaft entweder durch einen leisen Satz von Piëch wie: «Das finde ich keine gute Idee.» Oder durch die Verbannung in den hintersten Wagen beim Ausflug auf das VW-Testgelände. Oder in gravierenden Fällen durch ein Interview, wo Piëch die Sünden des Fehlbaren analysiert. Was folgt, ist immer gleich. Piëch bittet sein Opfer ins Büro und sagt: «Unsere Anwälte nehmen mit den Ihrigen Kontakt auf.»

Familienbande

Piëchs Härte ist Tradition in seiner Hälfte der Familie. Diese ist in zwei Clans gespalten: Der Autobauer Ferdinand Porsche, Konstrukteur des VW-Käfers, hatte einen Sohn Ferry und eine Tochter Louise, verheiratete Piëch. Diese erbten die Porsche-Firma zu gleichen Teilen.

Die Tochter Louise war die härtere von beiden: Sie baute den Vertrieb auf und ging bis ins hohe Alter auf Grosswildjagd. Ihren Sohn Ferdinand, der wegen seiner Legasthenie als «zu dumm» aus der Schule fiel, schickte sie in die Schweiz: nach Zuoz, «in ein typisches Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng». Dort lernte Ferdinand Einsamkeit und Willen. Und die Verachtung der Porsche-Kinder, die auf die Waldorf-Schule geschickt wurden. Während die Porsches die Piëchs in bösen Momenten «Nicht-Namensträger» nennen, beschreiben die Piëchs die Kompetenzen der Porsches wie folgt: «Basteln, häkeln, singen.»

Nach einem Ingenieursstudium an der ETH wurde Ferdinand Piëch blutjung Rennleiter bei Porsche. Er schuftete Tag und Nacht: Am Ende gewannen die Porsche-Rennwagen geschlossen in Le Mans – aber Ferdinand hatte das Budget weit überzogen. Die Porsches waren stinksauer und feuerten ihn. Piëch ging als Techniker zu VW. Und boxte sich in 20 harten Jahren zum Chef durch.

Volkswagen und Deutschland AG

Dass Piëch, Mitbesitzer des Konkurrenten Porsche, Boss bei VW wurde, war seltsam genug. Aber es passte zu den traditionellen Verflechtungen des VW-Konzerns mit Porsche: VW hatte der Familie des Käfer-Konstrukteurs das Vertriebsgeschäft für Osteuropa überlassen. Und es passte zur Familie. Die Porsches und Piëchs sahen VW (ohne eine einzige Aktie zu besitzen) als geistiges Eigentum: Grossvater Porsche hatte das Werk gegründet.

Dabei war VW eine wilde Konstruktion: Nach dem Krieg beschlagnahmt, war VW halb Staatskonzern, halb privatisiert: Laut einem speziellen «VW-Gesetz» besass das Land Niedersachsen eine 20-Prozent-Beteiligung mit Vetorecht. Und die Gewerkschaft IG Metall war enorm stark.

Piëch schaffte die Sanierung mit einem Geniestreich: Er handelte mit den Gewerkschaften eine Viertagewoche aus, statt 30_000 Leute zu entlassen. Und tat dann das, was er am liebsten tat: Autos zu entwickeln. Die Modellpalette verdoppelte sich. Damit war er erfolgreich genug, um sämtliche Skandale zu überstehen: etwa dass die Topgewerkschafter von VW mit Sonderboni, Reisen und Bordellbesuchen bei Laune gehalten wurden.

Porsche, Porsche, Porsche!

Die Porsche AG war Anfang der 90er-Jahre fast pleite. Die Wagen galten als Zuhälterschlitten, der Absatz stagnierte. In der Not machte man den jungen Produktionschef zum Boss: Wendelin Wiedeking.

Wiedeking feuerte 2000 Leute, strich zwei Hierarchiestufen und setzte bei Porsche das japanische Modell der Just- in-Time-Produktion durch: Er zerschlug persönlich Eisenregale, um zu zeigen: Wir brauchen keine Lager mehr. Er war schnell, brutal und mitreissend: Porsche wurde über Nacht wieder rentabel. Und schrieb von Jahr zu Jahr Rekordzahlen. Im Finanzboom der 90er-Jahre verkauften sich Luxuswagen wie Kokain – und Porsche wurde der rentabelste Autokonzern der Welt: mit 18 Prozent Rendite.

Die Porsches und Piëchs waren von Millionären zu Milliardären geworden, Wiedeking der bestbezahlte Manager Deutschlands. Und dann präsentierte er den grossen Plan: VW zu kaufen.

Es war kühn: Porsche war ein Winzling, VW ein Gigant, Porsche baute 100'000 Autos im Jahr, VW sechs Millionen. Der Vorteil war: VW ging es unter Piëch nicht sehr gut. Die Produktepalette war unendlich breit, die Löhne waren hoch, die Bürokratie war gross. Also: die Aktien billig!

Wie aus dem Nichts gelang es Porsche 2003, über 20 Prozent der VW-Aktien zu kaufen. Und noch besser: Wiedekings Finanzchef, Holger Härter, hatte einen genialen Plan, wie sich der Einkauf des Autogiganten fast gratis finanzieren liesse: Porsche wettete im Geheimen mit Milliarden an Optionen auf das Steigen des VW-Aktienkurses. Und der stieg, als Porsches Pläne bekannt wurden.

Und dann lief plötzlich alles schief

Der Gewinn bei Porsche explodierte. Das Geld wurde sofort wieder in neue Optionen und Aktien gesteckt. Das Ziel waren die Schleifung des VW-Gesetzes und 75 Prozent von VW. Dann wäre man auf der sicheren Seite: Denn dann dürfte Porsche als neuer Besitzer den 10 Milliarden Euro schweren Kassenschrank von VW knacken, der die Übernahme endgültig finanzieren würde.

Porsche war unter dem Finanzjongleur-Kritiker Wiedeking von einem Autobauer zu einem Hedge-Fund geworden, der nebenbei Autos baute. Und dann lief plötzlich alles schief.

Denn Wiedeking hatte unvorsichtig über den begeisterten Konstrukteur Piëch gespottet: über dessen Hang, zu viele (unprofitable) Modelle zu bauen. Er deutete an, den Laden nach Porsche-Art aufräumen zu wollen. Und er verbündete sich mit Wolfgang Porsche, Piëchs verachtetem Basteln-Häkeln-Singen-Cousin.

Und plötzlich war Feuer im Dach. Die VW-Gewerkschaften nannten Wiedeking «Napoleon, der sein Waterloo erleben wird» und prozessierten gegen die Porsche-Gewerkschafter. Die Politik stellte sich quer: Kanzlerin Merkel und ihre CDU erneuerten das VW-Gesetz.

Damit hatte Porsche zwar 51 Prozent der VW-Aktien, aber keine Chance mehr, gegen ein politisches Veto den 10-Milliarden-Kassenschrank von VW zu knacken. Dafür 9 Milliarden Euro Schulden. Und die Zwangslage, die restlichen (sinnlosen, teuren) 25 Prozent VW-Aktien kaufen zu müssen, da die Banken im Porsche-Auftrag auf riesigen VW-Paketen sassen. Hätten die Banken auf eigene Faust verkauft, wäre die VW-Aktie tief gestürzt. Und Porsche, das nun vor allem aus VW-Aktien bestand, wäre über Nacht pleite gewesen.

Piëchs totaler Triumph

So gab es nur noch einen, der Porsche retten konnte: VW. Dessen Chef Piëch trommelte Journalisten zusammen und sagte: «Herr Wiedeking muss viele Stufen heruntersteigen, ein Rollenwechsel vom Durchmarschierer zur Demut.»

Eine Woche später kaufte VW Porsche – statt umgekehrt. Die Familie Piëch/Porsche besitzt 51 Prozent an VW. Konzernchef Piëch ist unbestrittener Herrscher in Firma und Familie. Wolfgang Porsche weint. Und Wendelin Wiedeking verhandelte. Man einigte sich auf 140 Millionen. Aber dann protestierten beide Gewerkschaften – und es wurden nur 50. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2009, 10:25 Uhr

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