Post lanciert heikle Werbe-Offensive

Der gelbe Riese versucht auf neuem Weg, den Stopp-Klebern gegen Werbung auszuweichen.

Werbung trotz Kleber: Postkunden sollen online wählen, von welchen Unternehmen sie Sendungen zulassen.

Werbung trotz Kleber: Postkunden sollen online wählen, von welchen Unternehmen sie Sendungen zulassen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist Werbung in eigener Sache, die die Post in den letzten Tagen und Wochen in Tausende Briefkästen mit Stopp-Werbe-Kleber steckte. Der Inhalt: ein Schreiben, das den Kunden einen neuen Onlineservice näherbringen soll. Mit der neuen Dienstleistung mit dem Namen «Angebote auf Wunsch» können die Kunden festlegen, von welchen Unternehmen sie Werbung erhalten. «Sagen Sie JEIN zu Werbung», versucht die Post die Kunden in der Betreffzeile des Briefes zu ködern.

Das Angebot richtet sich an Haushalte, bei denen ein Stopp-Werbung-Kleber angebracht ist. Vielleicht sind sie ja für Werbung à la carte zu gewinnen, werden sich die Postverantwortlichen gefragt haben.

Die Offensive stösst bei den Kunden auf Skepsis, wie Leserreaktionen zeigen, die in den letzten Tagen die Redaktion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erreichten. Die Leser ärgern sich, dass die Post den Stopp-Kleber ignoriere beziehungsweise damit ein Hintertürchen schaffe, den Stopp-Kleber zu umgehen. Solche Kritik weist Sprecher Bernhard Bürki zurück: «Das Angebot ist absolut transparent. Wer das Schreiben der Post ingnoriert, erhält auch keine Werbung zugestellt.» Die bisherige Entwicklung beim neuen Angebot bezeichnet die Post als erfolgreich und will das Angebot ausbauen: «Wir werden in den kommenden Monaten weitere Unternehmen bekannt geben können, die den Service unterstützen», sagt Bürki.

Kunden hinterlassen Datenspuren

Um die Dienstleistung zu nutzen, müssen die Kunden sich online registrieren und können dann die Firmen auswählen, von denen sie in Zukunft Werbung erhalten wollen. Die Auswahl ist noch bescheiden. Sie umfasst erst elf Anbieter – von A wie Ackermann bis S wie Schützengarten.

Der Kunde erhält die ausgewählte Werbung in einem adressierten Couvert zugestellt. «Die Post gibt Ihre Daten nicht an die werbetreibenden Unternehmen weiter», heisst es im Schreiben. Natürlich hinterlässt der Kunde aber durch die Nutzung dieses Dienstes eine Datenspur und diese wertet die Post auch aus.

Bei der Anmeldung für diese selektive Werbeflut muss der Kunde sich mit den dafür geltenden Allgemeinen Geschäftsbedingungen einverstanden erklären. Und darin nimmt sich die Post einiges heraus: «Um dem Kunden die bestmögliche Dienstleistung anzubieten, sind technische Analysemittel im Einsatz. Die Post kann solche Daten in anonymisierter Form mit Nutzerinformationen von Dritten abgleichen bzw. Nutzerstatistiken erstellen und diese Statistiken Dritten mitteilen.»

Kritik beim Datenschutz

Gleichzeitig setzt die Post bei den Kunden das Einverständnis voraus, dass sie «Login- und Nutzungsdaten zu Marktforschungs-, Beratungs- und Werbezwecken erfassen und bearbeiten darf», wobei daselbe gilt, wenn die Post bei solchen Firmen Drittfirmen einbezieht.

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) kritisiert diese Handhabung. «Anonymisiert mag gut tönen. Unter Zuhilfenahme von weiteren Informationen lassen sich daraus trotzdem Profile bilden, die sich Nutzern zuordnen lassen», sagt Geschäftsleiterin Sarah Stalder. Zudem seien die Bedingungen sehr unverbindlich und missverständlich formuliert, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit Drittfirmen. «Es ist offensichtlich. Die Post will mit diesen Daten ein Geschäft machen.»

Postsprecher Bürki erklärt, die Formulierung in den Datenschutzbestimmungen zum Beizug von Dritten seien so formuliert, weil die Post bei der Aufbereitung des Versands auch mit externen Unternehmen, sogenannten Lettershops, zusammenarbeite.

Konsumentenschützer positiv gestimmt

Zur eigentlichen Dienstleistung an sich äussert sich die Stiftung für Konsumentenschutz positiv: «Uns ist wichtig, dass man mit diesem Angebot nicht einfach der ganzen Werbeflut Briefkastentür und -tor öffnen muss und dass man selbstbestimmt wählen kann, welche Werbung man für wie lange Zeit zulassen will», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder.

Das neue Angebot der Post findet in einem sensiblen Bereich statt. Werbung im Briefkasten sorgt regelmässig für hitzige Debatten. Etwa als die Post mit Gratismüsterchen versuchte, die Kunden zum Entfernen der Stopp-Kleber zu bewegen. Damals kritisierte der Konsumentenschutz das Vorgehen als Bauernfängerei. Für Aufregung sorgte kurz darauf ein Bericht der Boulevard-Zeitung «Blick» über die Methoden, mit denen die Post ihre Pöstler anleitet, die Kunden zum Entfernen der Stopp-Kleber von den Briefkästen zu motivieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.03.2016, 19:37 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Plötzlich wollen alle ein bisschen Amazon sein

Nach Swisscom, Coop und Tamedia lanciert auch die Post ihren eigenen Online-Marktplatz. Mehr...

Sensible Daten in fremden Händen

Recht & Konsum Externe Schreibbüros unterstützen Arztpraxen und Spitäler beim Abtippen von Krankenberichten. Doch wie steht es um den Datenschutz, wenn Ärzte ihre Schreibarbeit auslagern? Mehr...

Postfinance droht Online-Kunden mit dem Rauswurf

Die Post-Tochter will ein neues Schnäppchenportal aufbauen. Doch zuerst müssen die Nutzer die neuen Bedingungen akzeptieren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...