Postfinance baut ein Schnäppchenportal auf

Das Post-Unternehmen will das Potenzial der Kundeninformationen für ein neues Nebengeschäft nutzen.

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Einzahlungen machen und dabei gleich noch einkaufen. Was die Post in ihren Filialen als zusätzliche Ertragsquellen zu nutzen versucht, soll auch auf dem E-Finance-Portal von Postfinance Realität werden. Der Codename für das Projekt lautet Bicicletta (= ital. Zweirad) und war bis jetzt geheim. Seit Monaten tüftelt Postfinance an dieser neuen Dienstleistung. Es handelt sich um ein Rabattportal, auf dem den Kunden personalisierte Angebote unterbreitet werden sollen. Von Drittfirmen. Und personalisiert heisst in diesem Fall: Anhand der Informationen, die aus den Kontobewegungen der Online-Kunden gewonnen werden, wird ein Kundenprofil erstellt. Nach dem Vorbild von Amazon, wo die Kunden aufgrund ihrer bisherigen Einkäufe Empfehlungen erhalten.

Die Zustimmung der Kunden, das mit ihren Daten anstellen zu dürfen, holt Postfinance derzeit gerade ein. Wer sich in diesen Tagen via Internet einloggt, muss neue Teilnahmebedingungen für die Nutzung des E-Banking akzeptieren. Unter Punkt 20, Angebote von Dritten, steht: «Postfinance bietet ihren Privatkunden in E-Finance eine Plattform an, auf welcher Drittanbieter Angebote in Form von persönlichen Rabatten und Aktionen aufschalten lassen.» Laut Postfinance-Sprecher Marc Andrey ist vorgesehen, die Rabattangebote ab kommendem April Schritt für Schritt einzuführen. Obwohl es bis zum Starttermin noch Monate dauert, sind die Eckpunkte bereits klar.

Transaktionen unter der Lupe

Was das für die Kunden bedeuten könnte, zeigt ein fiktives Beispiel: Eine vierköpfige Familie war in den verregneten Sommerferien im Technorama in Winterthur und im Zürcher Landesmuseum. Beide Male hat sie die Eintritte an der Kasse mit der Postfinance-Karte bezahlt. Als der Vater nun über das Familienkonto Online-Zahlungen erledigt, wird ihm über das prominent angepriesene Schnäppchen-Portal von Post­finance ein dazu passendes Angebot gemacht: Fährt die Familie bis im November ins Verkehrshaus nach Luzern, spart sie 20 Prozent – bei einem Eintrittspreis von 90 Franken.

Für Firmen wie das Verkehrshaus ist das Rabattportal attraktiv, weil Post­finance das Angebot nur Kunden unterbreitet, die sich auch für derartige Ausflüge interessieren. Die Informationen dazu entspringen den Datenspuren, die die Kunden durch Einzahlungen und Gutschriften hinterlassen. Diese profitieren laut Postfinance, weil sie ein Produkt oder einen Dienst, für den er sich vielleicht sowieso interessiert hätte, günstiger erhalten. Aber auch Postfinance selbst hat ein finanzielles Interesse: Sie erhält von den Drittfirmen eine Provision.

Ein zentraler Punkt des Dienstes ist die Zusicherung, dass die Identität des E-Finance-Kunden zu keinem Zeitpunkt an die Drittfirma weitergegeben wird. In den Nutzungsbedingungen steht dazu: «Bei diesen Angeboten bleiben die Kunden anonym, selbst wenn sie die Angebote einlösen.» Damit dieses Ziel erreicht wird, schiebt sich Postfinance bei jedem Schritt als Vermittler zwischen Anbieter und Kunde.

Bereits jetzt werden alle Daten ausgewertet

Im Fall des Verkehrshaus-Beispiels heisst dies: Der Vater reserviert das Angebot auf dem E-Finance-Portal von Postfinance. Die Familie reist nach Luzern und zahlt an der Kasse den vollen Betrag – und zwar zwingend mit einem Zahlungsmittel von Postfinance. Deren System erfasst die Zahlung, ordnet sie der Rabattaktion zu und schreibt dem Konto des Kunden die 20 Prozent Ermässigung gut. Der Kunde profitiert, ohne dass das Verkehrshaus je erfährt, welcher Besucher weniger bezahlt hat.

Den Grundstein für diesen Dienst hat Postfinance bereits vor über zwei Jahren gelegt: Eine Anwendung namens E-Cockpit erfasst bereits heute alle Transaktionen und wertet sie aus. Auf Wunsch erhalten die 1,6 Millionen Online-Nutzer von Postfinance damit eine detaillierte Aufschlüsselung aller Einnahmen und Ausgaben, die über ihr Konto verbucht werden. Und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine Überweisung handelt oder eine Zahlung mit einer Konto- oder Kreditkarte von Postfinance in einem Onlineshop, einem Res­­taurant oder einem realen Geschäft. Viele Transaktionen erkennt das System dabei automatisch: Ein Einkauf in der Apotheke wird etwa in der Kategorie «Gesundheit, Arzneimittel / Apotheke / Drogerie» erfasst. Der Kunde kann aber auch selbst eingreifen und automatisch zugeteilte Kategorien ändern oder neue Kategorien schaffen.

Konkurrenz aus den USA

Was dem Kunden die Übersicht über seine Ausgaben und sein Haushaltsbudget erleichtern mag, bietet Postfinance gleichzeitig tiefen Einblick in das Konsumverhalten der E-Finance-Kunden. Dass der Versuch, aus den sensiblen Bankdaten Kapital zu schlagen, brisant ist, dessen ist sich Postfinance offenbar bewusst. Sie hat darum bereits im Januar den Eidgenössische Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür über die Pläne in Kenntnis gesetzt, wie dessen Sprecher Kosmas Tsiraktsopoulos bestätigt. Ende Juli dann gab Thür seine Empfehlungen für die Umsetzung ab.

Ein zentrales Element: «Die Kunden müssen über die Schritte transparent informiert werden, damit sie ihre Einwilligung geben können», sagt Thürs Sprecher Tsiraktsopoulos. Und: «Sie müssen die Möglichkeit erhalten, nicht teilzunehmen.» Laut Auskunft von Postfinance wird dies der Fall sein.

Wenn sich Postfinance daran und an die anderen Empfehlungen halte, sehe Thür also kein Datenschutzproblem. Als Persilschein will sein Sprecher diese Aussage jedoch nicht verstanden wissen: «Sollte die Umsetzung nicht unseren Empfehlungen entsprechen, behalten wir uns weitere Schritte vor.»

Bei der UBS derzeit nur die persönliche Auswertung

Das Projekt von Postfinance ist eine Premiere auf dem Schweizer Finanzplatz – aber es dürfte nicht das einzige bleiben. Die Banken sitzen an einer zentralen Schnittstelle, wo wertvolle Informationen anfallen. «Es gibt im Moment kaum eine Bank, die nicht ebenfalls ein Digitalisierungsprojekt verfolgt», sagt Tom Schmidt, Partner Financial Services Advisory bei EY (Ernst & Young). Im Trend sind Anwendungen, die unter dem Begriff Personal Finance Management zusammengefasst werden.

Auch das neue E-Banking-System der UBS beinhaltet eine Funktion, mit der die Transaktionen auf dem Konto kategorisiert werden. Allerdings plant sie derzeit keine Verwendung darüber hinaus: «Die Daten im Persönlichen Finanzassistenten stehen ausschliesslich dem Kunden zur Verfügung, um seine Ausgaben zu überwachen und seine Budgets zu planen. Die UBS wertet die Daten nicht weiter aus», heisst es dazu bei der Grossbank.

Hinter dem Schritt von Postfinance, das eigene System nun weiter auszureizen, vermutet Tom Schmidt nicht nur die Suche nach neuen Einnahmequellen: «Neben den Provisionen geht es auch darum, die Kunden an den Transaktionskanal zu binden.» Postfinance ist beim Zahlungsverkehr in der Schweiz zwar Marktführer. Doch der Markt ist im Umbruch: «Mit Amazon, Apple, Google oder auch Facebook werden für Banken völlig neue Konkurrenten in den Zahlungsverkehr eintreten», sagt Schmidt. Dafür hat sich Postfinance nun bei Amazon dazu inspirieren lassen, wie aus Daten von Transaktionen ein neues Geschäftsmodell erstellt werden kann. Ob der Kunde es nutzt, entscheidet er selbst.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.08.2014, 23:20 Uhr)

Sammelwut der Firmen kann gravierende Folgen haben

Firmen werten Kundendaten immer umfassender aus. Dies zeigt nicht nur der Fall der Postfinance. Das seit März eingeführte Bonusprogramm der Kreditkartenherausgeberin Viseca hat bei Kunden für Ärger gesorgt. Der Grund: Die Firma sammelt Kundendaten und ergänzt diese durch Informationen, die sie etwa bei Adresshändlern einkauft, wie Radio SRF berichtete.

Diese Daten werden auch für das Bonusprogramm ausgewertet und ergänzt. So erhalten Kreditkartenkunden personalisierte Werbung der Partnerfirmen des Bonusprogramms. Kunden befürchten deshalb, dass ihre detaillierten Kundenprofile an die Partner weitergegeben werden.

Bei den gesammelten Daten handelt es sich laut Viseca um Ort, Datum und Betrag des Einkaufs. Was genau der Kunde eingekauft habe, erfahre die Firma allerdings nicht. Zudem würden die Partnerfirmen unter keinen Umständen mit Informationen über die Kunden beliefert, wird eine Viseca-Sprecherin von Radio SRF zitiert.

Die Sammelwut der Unternehmen stösst auch beim Eidgenössischen Datenschützer Hanspeter Thür auf Kritik. Die systematische Auswertung der enormen Datenbestände durch Firmen stelle eine massive Gefährdung der Privatsphäre dar, sagte er an der Präsentation seines Jahresberichts Ende Juni.

Ein äusserst sensibler Bereich sind auch Daten über die Gesundheit der Menschen. Selbst Daten harmlos anmutender Produkte wie Gesundheitsbänder können für Anwender zum Boomerang werden. So ist es etwa möglich, dass ein Lebensversicherer einen Kunden aufgrund seiner schlechter Gesundheitsdaten ablehnt.

Zur Vorsicht mahnen Datenschützer zudem beim elektronischen Patientendossier, das je nach Kanton unterschiedlich weit gediehen ist. Gelangen heikle Daten an die falsche Stelle, kann dies gravierende Folgen haben. So ging etwa eine Laborrechnung für einen HIV-Test an den Arbeitgeber des Patienten, worauf diesem gekündigt wurde. «Wir bekommen es immer wieder mit Einzelfällen zu tun, in denen Daten weitergegeben wurden, ohne dass der Patient um Einwilligung gebeten worden wäre», sagt Bruno Baeriswyl, der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich. Im Fokus stünden vor allem Spitäler, da diese sehr viele Patienten behandelten, sagte Baeriswyl der «Limmattaler Zeitung».
Andreas Möckli

(Tages-Anzeiger)

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Vergünstigungen im Austausch gegen Kundeninfos: Erlauben Sie Firmen Zugriff auf Ihre Daten, wenn Sie etwas dafür erhalten?

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