Postfinance droht Online-Kunden mit dem Rauswurf

Die Post-Tochter will ein neues Schnäppchenportal aufbauen. Doch zuerst müssen die Nutzer die neuen Bedingungen akzeptieren.

Online wird sich einiges ändern, herkömmlicher Bargeldbezug bleibt sich gleich: Postfinance-Automat in Basel. Foto: Keystone

Online wird sich einiges ändern, herkömmlicher Bargeldbezug bleibt sich gleich: Postfinance-Automat in Basel. Foto: Keystone

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Postfinance will mit Kundendaten Geld verdienen. Doch das Vorhaben, diese sensiblen Informationen für die Geschäfte mit Drittfirmen zu verwenden und ein Rabattportal mit personalisierten Angeboten aufzubauen, passt vielen Kunden nicht. Auch wenn Postfinance verspricht, dass die Kunden jederzeit anonym bleiben. Nicht nur die Pläne stossen auf Kritik. Auch das Vorgehen bei der Umsetzung irritiert. Zuerst werden die Kunden gezwungen, dem Vorhaben zuzustimmen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird ihnen die Möglichkeit geboten, den Dienst abzulehnen.

Seit August werden Kunden, die das Online-Banking von Postfinance namens E-Finance nutzen, dazu aufgefordert, die neuen Teilnahmebedingungen zu akzeptieren (der TA berichtete). Bislang konnten die Kunden darauf verzichten, die neuen Bedingungen zu akzeptieren, und das Online-Banking von Postfinance weiterhin nutzen.

Damit soll bald Schluss sein. Stichtag ist der 12. Oktober. Von diesem Datum an werden die Kunden darauf hingewiesen, dass sie den Bedingungen zustimmen müssen, wenn sie das Online-Banking weiterhin nutzen wollen. Postfinance lässt dabei keinen Zweifel offen: «Kundinnen und Kunden, die die neuen Teilnahmebedingungen nicht akzeptieren, werden E-Finance ab dem 12. Oktober 2014 nicht mehr nutzen können», heisst es auf Anfrage.

Die neuen Bedingungen machen für Postfinance den Weg frei, Kundeninformationen für Geschäfte mit Dritten zu verwenden. Unter Punkt 20 steht: «Postfinance bietet ihren Privatkunden in E-Finance eine Plattform an, auf welcher Drittanbieter Angebote in Form von persönlichen Rabatten und Aktionen aufschalten lassen können. Bei diesen Angeboten bleiben die Privatkunden anonym, selbst wenn sie die Angebote einlösen.»

Wer diesen Teilnahmebedingungen zustimmt, erlaubt Postfinance gleichzeitig, Informationen über Zahlungen und Gutschriften, die über das eigene Konto laufen, zu erfassen und auszuwerten. Die dadurch gewonnenen Informationen werden dafür verwendet, dem Kunden passende Angebote zu unterbreiten. Etwa für vergünstigte Konzerttickets, wenn die Zahlungsflüsse über das Konto den Kunden als Musikliebhaber identifizieren.

Wer diese Dienstleistung von Post­finance nicht will, muss sich abmelden. «Wünscht der Privatkunde keine derartigen Angebote, kann er darauf (durch entsprechende Abmeldung innerhalb von E-Finance) verzichten und sich damit auch von der damit verbundenen Analyse seiner Daten abmelden. Bis dahin geht Postfinance vom Einverständnis des Privatkunden mit der Anzeige entsprechender Angebote und der dazu nötigen Datenbearbeitung aus», heisst es dazu in den Bedingungen.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Diese Abmeldung wird erst möglich sein, wenn das Rabattportal im April nächsten Jahres in Betrieb geht. Bis zu diesem Zeitpunkt wird Postfinance grundsätzlich die Daten von allen Online-Kunden auswerten, wie Postfinance-Sprecher Johannes Möri bestätigt: «Wir werden die Zahlungsverkehrsdaten analysieren, sobald die technischen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Dies dürfte im Spätherbst/Winter 2014 der Fall sein.»

Der Datenschützer klärt ab

Erst auf weitere Nachfrage hin wird eingeräumt, dass es einen Weg gibt, damit Kunden sich von Anfang an von der Datenanalyse ausschliessen lassen können: «Von jenen Kundinnen und Kunden, die uns heute schriftlich mitteilen, dass sie keine Angebote von Dritten wünschen, werden wir die Zahlungsverkehrsdaten nicht analysieren und ihnen keine Angebote unterbreiten», heisst es bei Postfinance. Doch den Kunden gegenüber hat Postfinance diese Möglichkeit bis jetzt nicht aktiv kommuniziert.

Die meisten der Kunden, die sich seit Publikation der neuen Teilnahmebedingungen einloggten, hätten zugestimmt, heisst es. Auf wie viele der rund 1,6 Millionen E-Finance-Benutzer dies zutrifft, legt Postfinance nicht offen.

Dieses Vorgehen finden Konsumentenschützer stossend. «Selbst wenn das Angebot von Rabatten den Kundinnen und Kunden zugutekommen kann, ist eine solche einseitige Anpassung der Bedingungen sehr unschön – zumal wenn es um derart wichtige Inhalte geht», sagt Patrick Hischier vom Konsumentenforum. Das Versprechen, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine Abmeldung möglich sei, «ist eine Farce, da in der Zwischenzeit dennoch Daten gesammelt werden».

Offensichtlich will nun auch der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür das Vorgehen von Postfinance genauer unter die Lupe nehmen. «Um die datenschutzkonforme Umsetzung zu überprüfen, wurde Ende August beschlossen, eine Sachverhaltsabklärung gemäss Art. 29 des Datenschutzgesetzes zu eröffnen», heisst es auf Anfrage.

Postfinance hatte den Datenschützer bereits Anfang Jahr über das Vorhaben informiert, worauf dieser Empfehlungen für die Umsetzung abgab. Man habe «ausführlich zu den besagten Diensten Stellung genommen und verschiedene datenschutzrechtliche Änderungen empfohlen, ohne jedoch eine Rückmeldung seitens Postfinance zu erhalten», sagt Sprecher Francis Meier.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.09.2014, 23:36 Uhr)

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Neuer Verwaltungsrat

Der 52-jährige Hans Lauber wird per 1. Januar 2015 Verwaltungsrat von Postfinance. Er folgt auf Patrick Frost, der seit 1. Juli 2014 CEO der Swiss Life ist und Ende 2014 aus dem Verwaltungsrat ausscheiden wird. Lauber begann bei der Credit Suisse, wechselte später zur UBS und zur Coutts Bank. Ab 2007 war er für die Winterthur Versicherung tätig. 2011 wechselte er zur Bank Julius Bär, wo er im März 2014 aus familiären Gründen von seinem Posten zurücktrat. (TA)

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