Wirtschaft
Professor Frey soll Professor Frey abgeschrieben haben
Untersuchte das Verhalten der Menschen in Extremsituationen anhand der Titanic: Professor Bruno S. Frey. (Bild: Keystone )
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Der 70-jährige Ökonom gehörte bisher zu den Aushängeschildern der Uni Zürich. Seine Schaffenskraft ist, gemessen an der Zahl der Publikationen in internationalen Zeitschriften, beeindruckend. In den entsprechenden Ranglisten ist Bruno S. Frey immer weit oben – im angesehenen Ranking des deutschen «Handelsblattes» etwa figurierte er schon mal auf Platz eins unter den Volkswirtschaftlern im deutschsprachigen Raum. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er unter anderem wegen seiner Glücksforschung bekannt.
Auch der Untergang der Titanic interessiert ihn. Zusammen mit dem in Australien arbeitenden Professor Benno Torgler und dessen wissenschaftlichem Mitarbeiter David A. Savage ging er der Frage nach, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten.
Verpönte Eigenplagiate
Am 30. April dieses Jahres wunderte sich der auf Wirtschaftsthemen spezialisierte US-Blog «Economic Logic», dass Freys Titanic-Papier in den renommierten Fachzeitschriften «Journal of Economic Perspectives» (JEB), «Journal of Economic Behavior and Organization» (JEBO) und in «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS) abgedruckt worden war – ohne dass die jeweiligen Versionen aufeinander Bezug nahmen. Damit nicht genug: Einen Tag später stiess ein Mitblogger auf die gleiche Titanic-Studie in «Rationality and Society». Auch hier kein Verweis auf die anderen Papiere.
Fachzeitschriften dieses Kalibers verlangen von ihren Autoren, dass sie einen Beitrag nicht gleichzeitig bei einer anderen Publikation einreichen und dass auf bereits erschienene Studien verwiesen werden muss. Solche Mehrfachpublikationen, auch «konkurrenzierende Publikation» oder «Eigenplagiat» genannt, sind in der Wissenschaft verpönt.Wenige Tage später wurde über den Blog bekannt, dass JEBO-Chefredaktor William Neilson Bruno S. Frey und seinen zwei Ko-Autoren in einem Schreiben mitgeteilt hatte, dass sie mit diesem «Eigenplagiat» die ethischen Standards verletzt hatten. Seine Zeitschrift werde in Zukunft keine Publikationen mehr von Frey & Co. publizieren.
«Schwerwiegende Fehler»
Doch das ist nicht alles: Im Blog tauchten Hinweise auf ältere Titanic-Studien von anderen Autoren auf, deren Namen in Freys vier Publikationen nirgends erwähnt werden. Dazu gehört eine Studie von Wayne Hall von 1986. Der Professor ist an derselben australischen Universität tätig wie Freys Ko-Autoren Torgler und Savage.
Bruno S. Frey war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch Torgler reagierte auf Anfragen des TA nicht. Gegenüber dem «Handelsblatt», das die Eigenplagiatsvorwürfe in seiner gestrigen Ausgabe publik machte, hat Frey zugegeben, dass er und Torgler einen «schwerwiegenden Fehler» gemacht hätten. Er habe sich deshalb bei drei der vier Fachzeitschriften entschuldigt. Laut «Handelsblatt» will das «Journal of Economic Perspectives» in der nächsten Ausgabe seine Rüge an Frey dennoch publik machen.
Josef Falkinger, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich, hat inzwischen ein Verfahren gegen Frey eingeleitet, wie Uni-Sprecher Beat Müller erklärt. Die Untersuchung soll von externen Gutachtern durchgeführt werden. Diese werden laut Müller derzeit noch gesucht. Frey, der als emeritierter Professor mit einem 50-Prozent-Pensum an der Uni angestellt ist, werde seine Arbeit wie gewohnt weiterführen. Sein privatrechtlicher Anstellungsvertrag ist bis zum 31.Juli 2012 befristet. Die Vorwürfe gegen ihn seien zwar schwerwiegend, sagt Müller, aber nicht zu vergleichen mit dem Plagiat des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers zu Guttenberg. Dieser habe geistiges Eigentum anderer verwendet und damit gegen das Urheberrecht verstossen.
Die Ironie der Geschichte
Mit der vierfachen Titanic-Publikation hat Frey auf jeden Fall seine Position im Publikationen-Ranking nach oben gedrückt. Ob er dabei ethische Standards verletzt hat, wird die Untersuchung zeigen. Der Vorfall entbehrt – so oder so – nicht einer gewissen Ironie: Frey ist in der Wissenschaftswelt seit einiger Zeit nicht nur als Kritiker der in Universitätskreisen viel beachteten Hochschulrankings bekannt. Er äusserte auch Bedenken gegenüber dem Publikationsdruck, dem die Akademiker ausgesetzt seien. So warnte er im März 2010 im «Handelsblatt» davor, zu viel Gewicht auf Top-Zeitschriften und Rankings zu legen. In einem im Herbst 2010 erschienenen Papier zur Bedeutung von Zitationsrankings für Wirtschaftsforschende geisselt er den zunehmenden Publikationsdruck auf junge Forscherinnen und Forscher. Das könne dazu führen, dass die jungen Leute zu Betrügern werden, um im harten Wettbewerb zu bestehen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.07.2011, 10:02 Uhr
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