Wirtschaft
«Reichtum ist keine Gnade, sondern eine Herausforderung»
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 29.12.2008
Thomas Druyen.
Zur Person
Thomas Druyen
Der 51-jährige deutsche Soziologe Thomas Druyen hat an der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität einen Lehrstuhl für vergleichende Vermögenskultur. Daneben ist er an der Westfälischen Wilhelms-Universität und an der Freien Universität Berlin tätig. Zudem ist er Mitglied der LGT Academy in Freudenfels und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Dialog der Generationen. 2007 veröffentlichte er das Buch «Goldkinder», für das er Superreiche interviewte. Druyen ist verheiratet mit der Schauspielerin Jenny Jürgens, der Tochter des Sängers Udo Jürgens.
Herr Druyen, Sie erforschen die Vermögenden. Haben Sie damit eine lukrative Marktnische im akademischen Betrieb entdeckt?
Wenn Sie mit «lukrativ» Verantwortung und Sinnstiftung assoziieren, haben Sie Recht. Ein Angebot, mich zu adoptieren, hat es noch nicht gegeben.
Sie unterscheiden zwischen Vermögenden und Reichen. In welche Kategorie gehört Dagobert Duck? Und Warren Buffett, der in seinen jüngeren Jahren von Biografen als überaus geizig beschrieben wird?
Reiche kümmern sich nur um sich selbst. Gewinn und Profit sind ihr Evangelium. Der wahrgenommene Tellerrand geht über das Eigene nicht hinaus. Vermögende wissen, dass sie Teil eines grösseren Ganzen sind. Ihr Credo heisst Verantwortung, das schliesst Erfolg keineswegs aus. Ihr Augenmerk liegt mehr auf der Vernunft als auf der Spekulation. Dagobert Duck ist demnach die Inkarnation des Reichen. Und der heutige Buffett gehört zweifellos zu den Vermögenden. Kann man mehr tun, als 90 Prozent seines Vermögens in die Philanthropie zu investieren! Was den Geiz seiner Jugend anbetrifft, sollten wir ihm nicht vorwerfen, klüger geworden zu sein.
Gibt es mehr Reiche als früher?
Auf jeden Fall. In der Schweiz besassen die Reichen 1989 ein Vermögen von rund 66 Milliarden Franken, heute dagegen von rund 368 Milliarden. 2006 gab es weltweit etwa 700 Milliardäre, heute sind es 1250. Die Zahl der Reichen wächst seit Jahren unentwegt, vor allem in Indien und China.
Kann man den Umgang mit Reichtum lernen?
Das ist keine Mathematik, in der man richtig und falsch eindeutig identifizieren kann. Aber sicherlich gibt es Methoden, um den Umgang durchschaubar und bewusst zu machen. Das hat auch sehr viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Die faktische Handhabung kann man wie ein Rezept erlernen, aber die Speise selbst ist immer mit Risiken behaftet. Jedenfalls sollten Kinder schon viel mehr über das Wirtschaften generell erfahren.
Gehen Frauen anders um mit Vermögen als Männer?
Immer mehr Frauen sind bei finanziellen Entscheidungen beteiligt oder gar federführend. In den mir bekannten Fällen sehe ich eine deutlichere Nachhaltigkeit und lebenspraktische Kompetenz bei Frauen im Umgang mit Vermögen. Der Realitätsbezug scheint grösser als die Spekulation. Das spricht in diesen Zeiten für sich.
Was unterscheidet den 30-jährigen Banker, der mit fantastischen Boni ein Vermögen aufgehäuft hat, vom Spross aus guter Familie, der ein Millionenvermögen erbt?
Unter Umständen ist der Erstgenannte nun pleite, und der Spross berät sich mit seiner Familie, welcher Weg in seinem Fall aus der Krise führt. In zehn Jahren treffen wir die beiden wieder. Der Banker arbeitet für den Nobelpreisträger Mohammed Yunus und seine Armenbank, und der Erbe hat ein eigenes Windkraftunternehmen aufgebaut. Alles ist möglich. Wir erleben eine Finanzkrise, und wahrscheinlich folgt darauf auch eine Wirtschaftskrise. Aber wir sollten nicht so tun, als wäre es eine Naturkatastrophe. Die Vorkommnisse der Gegenwart sind ein Spiegelbild unserer inneren Verhältnisse. Das ist tragisch, aber darin steckt auch der Kern zur Umkehr.
Können Sie verstehen, wenn wir normalen, nicht vermögenden Menschen etwas Schadenfreude empfinden, weil auch ganz Reiche auf den US-Betrüger Bernard Madoff reingefallen sind?
Schadenfreude ist eine brotlose Kunst. Wie viel sinnstiftendes Vermögen ist hier durch kriminelle Energie verbrannt worden. Wir sollten uns eher die Frage stellen, wie solche Vorgänge unter den Augen von Fachleuten überhaupt möglich sind.
Hatten sie schlechte Berater?
Hinterher ist man immer klüger. Das Bedrohliche ist doch das Mass der Ahnungslosigkeit und der Ignoranz. Es hat ja warnende Hinweise gegeben. Der Rat zu Bodenhaftung und Verzicht ist offensichtlich kein attraktives Beratungsprodukt.
Weil auch in diesen Kreisen die Gier überhandgenommen hat?
Natürlich spielt der eindimensionale Tunnelblick auf absoluten Gewinn eine wesentliche Rolle. Aber hinter all diesen Pauschalisierungen stehen auch Lebensentwürfe, Geschäftsmodelle und unser Zeitgeist. Wir müssen uns die Frage stellen, ob unsere Lebenshaltungen der Komplexität unserer Gegenwart überhaupt noch gerecht werden. Ohne eine Rückbesinnung auf ethische Prinzipien geht die fatale Schere zwischen Spekulation und Vernunft immer weiter auseinander.
Wie reagieren Vermögende auf Verlust?
Das kann man nicht generalisieren. Dennoch ist es überraschend, wie abwartend und kontrolliert zurzeit reagiert wird. Dies hat auch mit der Unvorhersehbarkeit zu tun, da wir noch nicht wissen, ob der Tiefststand schon erreicht ist. Erst ein endgültiger Verlust erzwingt dementsprechende Emotionen und Reaktionen.
Die Kritik an den Millionen scheffelnden Topmanagern reicht bis tief ins bürgerliche Lager hinein. Welchen Tipp geben Sie Daniel Vasella, Joe Ackermann und anderen Grossbezügern?
Plakative Ratschläge verfehlen ihr Ziel. Grundsätzlich und ungeachtet der Person ist es intelligent, wenn exorbitante Gewinne in klaren philanthropischen oder sozialunternehmerischen Aktivitäten ein Gleichgewicht finden. Nicht der ehrliche Erfolg sorgt für Argwohn, sondern das Gefühl der Normalbürger, Arroganz, Machtmissbrauch und einseitige Vorteilsnahme seien im Spiel.
Die Manager in Europa verweisen stets auf die USA, wo noch viel höhere Löhne bezahlt werden. Wenn das nicht mehr klappt, müssen Stars im Sport oder Showbusiness herhalten.
Die Praxis der USA als Referenzmodell birgt im Moment wohl wenig Überzeugungskraft. Wir müssen lernen, die verschiedenen Facetten von Hocheinkommen gemäss ihres Leistungsvolumens zu differenzieren. Der Unternehmer, der im eigenen Risiko nicht nur Mehrwert erzeugt, sondern unserer Gesellschaft durch die Schaffung von Arbeitsplätzen dient, erfüllt eine andere Funktion als der angestellte Topmanager, der im Auftrag anderer Prioritäten setzt. Die Höhe der Vergütung muss in Relation zum persönlichen Risiko und der Übernahme von Verantwortung gesetzt werden. Aufsichtsgremien werden in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung erfahren.
Sollen Millionäre ihr Vermögen vererben oder an die Allgemeinheit zurückgeben?
Ich glaube, dass wir mit dem Begriff des Zurückgebens in Europa nicht weiterkommen. Das ist eine grossartige Einstellung in Amerika, aber bei uns geht es eher um ein intelligentes System, wie wir professionell und langfristig Verantwortung übernehmen können. Eine Verantwortung, die bei sozialen, humanitären, gesellschaftlichen und förderungswürdigen Herausforderungen zu praktischen Lösungen führt. Gemeinnützigkeit und Philanthropie sollten systematisch und netzwerkorientiert weiterentwickelt werden. Gutes zu tun bedeutet neben freiwilligen Aktivitäten, mit unternehmerischer Kompetenz den in Not geratenen Menschen zu helfen sowie Kultur, Bildung und Wissenschaft zu fördern. Die Vermögenden haben in diesem Sinne eine grosse Chance, der Gemeinschaft, und damit auch sich selbst, einen zukunftstragenden Dienst zu erweisen.
Microsoft-Gründer Bill Gates verfügt über Summen in seiner Stiftung, die höher sind als das, was viele Staaten aufbringen können. Ist das nicht beunruhigend?
Dieses grosse Engagement ist grundsätzlich ein leuchtendes Vorbild. Dennoch bleibt die Frage erlaubt, ob Einzelne darüber entscheiden können, welche Krankheiten in welchem Land vordringlich beseitigt werden sollten. Hier muss ein konstruktiver Dialog zwischen der Politik, den Vereinten Nationen und den entsprechenden Organisationen stattfinden, um das richtige Mass für Effektivität und Nachhaltigkeit zu finden. Zielführend bleibt jedoch die unternehmerische Praxis, mit der die Gates-Stiftung das Thema Humanität angeht.
Letzte Frage: Wie gross sind die Chancen für uns Normalverdiener, dass wir nach einem Millionengewinn im Lotto über längere Zeit reich bleiben?
Wenn wir uns die Statistik anschauen, sind die Aussichten trübe. Mehr als 70 Prozent der Lottogewinner haben nach drei oder vier Jahren ihren kurzfristigen Segen veräussert. Das beweist: Reichtum ist keine Gnade, sondern eine immerwährende Herausforderung. Wenn es gelingt, eine Vermögenskultur zu etablieren, in der die Gewinner systematisch ihre Verantwortung auch für die Gemeinschaft wahrnehmen, gibt es durchaus Gründe für optimistische Perspektiven.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.12.2008, 08:48 Uhr



