Rohner ratlos

Marcel Rohners Auftritt gestern in London gibt zu denken – und wirft Fragen auf. Etwa: Wie war es möglich, dass dieser Mann bei der UBS Chef von 80'000 Mitarbeitern wurde?

Ein Auftritt gibt zu reden: Ex-UBS-Chef Marcel Rohner machte gestern vor britischen Parlamentariern eine schlechte Figur.

Ein Auftritt gibt zu reden: Ex-UBS-Chef Marcel Rohner machte gestern vor britischen Parlamentariern eine schlechte Figur.

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Wer es gestern nicht am Mittag in den Onlinemedien gesehen hatte, staunte spätestens bei der «Tagesschau» (siehe Box links) am Abend: Da sass ein Marcel Rohner, seines Zeichens Ex-Chef der UBS, (UBSN 15.22 0.86%) einer der weltgrössten Banken, britischen Parlamentariern gegenüber und lieferte einen denkwürdig schwachen Auftritt ab. Nicht dass er Fehler eingestehen musste, das wäre ja an sich positiv. Nein, die Person Rohner schien gänzlich ohne Energie, hatte selbst in der Haltung den Befragenden nichts zu entgegnen. Kein Wunder, kommentierte SRF-Korrespondent Peter Balzli Rohners Hearing mit Superlativen im negativen Sinn: «Es ist ein gigantischer Imageschaden für die UBS.» Und: «Noch nie in der Wirtschaftsgeschichte musste eine Bank öffentlich derart viele Fehler eingestehen.»

Auch andere Beobachter scheinen fassungslos. «Der Auftritt von Herrn Rohner wirkt hilflos, unsicher, nervös und unvorbereitet», sagt etwa Thomas Biland. Der Zürcher Headhunter vermittelt auch Kader im Finanzbereich und sagt: «Für einen CEO ist es heute sehr wichtig, dass er öffentliche Auftritte souverän bestehen kann.» Das war bei Rohner gestern definitiv nicht der Fall, wie auch Personalvermittler Mark Schneider von Stanton Chase in Zürich feststellt: «Der Auftritt wirkte unsicher, das Englisch war katastrophal.»

Schweizer können es nicht

Ein Teil des Makels steckt wohl in der Tatsache, dass Rohner Schweizer ist. «Amerikaner treten allgemein eloquenter auf», sagt Schneider dazu kurz. Biland zielt in die gleiche Richtung: «Das scheint ein Problem von Schweizer Managern zu sein. Zwar ist es etwas besser geworden, aber immer noch beobachten wir Auftritte, die sehr hausbacken rüberkommen.» Auch er glaubt, Amerikaner würden das besser machen, «da hätte Energie dringesteckt». Und Biland weiter: «Bei Herrn Rohner spürte man nichts, er war schlaff und absolut defensiv.»

Der schwache Auftritt wirft aber auch die Frage auf, wie Marcel Rohner jemals Chef von damals 80'000 Mitarbeitern weltweit werden konnte. Immerhin muss ein UBS-Chef rund um den Erdball Tausende Menschen vertreten und mehrsprachig souverän auftreten können. Und es war ja nicht das erste Mal, dass Rohner einen schwachen Eindruck hinterliess. Man denke an seinen Auftritt im «Club» von SRF vom Februar 2009, einen Tag bevor er durch Oswald Grübel abgelöst wurde.

Seilschaften statt harter Prüfungen

«Man kann mit Bewerbern Dutzende Assessments durchführen. Und sie können alle mit Bravour bestanden haben. Am Schluss muss für mich als Vermittler auch das Gesamtpaket stimmen, das Gefühl für den Menschen muss stimmen. Sozialkompetenz ist genauso wichtig wie Fachkompetenz», sagt der Zürcher Headhunter André Veya.

Sein Branchenkollege Nicolas Reichstein sieht einen Grund in den Seilschaften innerhalb der Konzerne. «Dann treten die ganzen Assessments und Tests in den Hintergrund», so der Personalvermittler. Marcel Rohner war ein Ziehsohn von Marcel Ospel. «Das beobachten wir doch häufig, dass so charismatische Persönlichkeiten wie Ospel weniger starke Leute nachziehen», so Reichstein.

Diesen Job wollte gar niemand

Womöglich war die damalige Ablösung von Peter Wuffli durch Marcel Rohner im Sommer 2007 auch einfach eine Nacht-und-Nebel-Aktion. «Damals brauchte es möglichst rasch einen Nachfolger für Wuffli. Es war vermutlich keine Zeit da, die Kandidaten in langen Assessments zu prüfen», sagt Biland.

Allenfalls war der Job damals gar nicht so begehrt. «Ich gehe davon aus, dass die Liste der möglichen Nachfolgekandidaten für den Job des UBS-Chefs nicht allzu gross war», sagt Veya. Wer wollte sich bei einem leckgeschlagenen Supertanker schon auf die Kommandobrücke schwingen? Man ahnte das Übel. «Für einige potenzielle Kandidaten war die Lage der UBS womöglich ein No-go. Sie wollten sich nicht verheizen lassen», erklärt Biland. Headhunter Veya sagt, er habe Kandidaten, die einen potenziellen Arbeitgeber zuerst auf Herz und Nieren abgecheckt haben wollen: «Die wollen sich nicht verheizen lassen, weil der künftige Arbeitgeber noch Leichen im Keller hat.»

Einfach nicht krisenerprobt

Mark Schneider glaubt ganz einfach, dass die Schweizer Finanzbranche lange sehr gut gelebt habe und sich – im Gegensatz zu anderen Branchen – kaum durch Krisen getestet sah. «Vor der Finanzkrise hätte ein Herr Rohner bestanden. Er war aber definitiv kein Krisenmanager.»

Rohner sah damals, im Sommer 2007, wohl einfach die Chance seines Lebens und schlug zu. Mit seinem Auftritt gestern in London hat er knapp vier Jahre nach seinem Abgang nochmals für Aufsehen gesorgt – im negativen Sinn. Biland, der die Finanzbranche gut kennt, stimmt mit SRF-Mann Balzli überein: «Dieser Auftritt bringt noch mehr Schaden über den Schweizer Finanzplatz.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.01.2013, 13:01 Uhr)

Rohner in der SRF-«Tagesschau»

War Rohner schlecht vorbereitet?

«Ich frage mich, ob sich Herr Rohner vor diesem Hearing hat beraten lassen. Wenn nicht, dann wäre das umso schlimmer», stellt Headhunter André Veya in den Raum. Die Frage haben wir der UBS gestellt, doch bei der Bank will man dazu nichts sagen. Laut Brancheninsidern hat sich Rohner im Vorfeld des Hearings in London von eigenen Leuten beraten lassen. Zur durchschimmernden Strategie sagt Personalvermittler Thomas Biland: «Auch wenn die Strategie gewesen sein sollte ‹Asche auf unser Haupt, bringen wir es möglichst rasch hinter uns› – das hätte man auch mit Souveränität machen können.» (cpm)

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