Rohstoffriese Glencore Xstrata unter scharfer Beobachtung

Globalisierungsgegner kritisieren in einem Buch die Geschäfte des Schweizer Rohstoffkonzerns.

Angestellte kontrollieren einen riesigen Lastwagen in der Kohlemine El Cerrejón in Kolumbien. Foto: Jose Miguel Gomez (Reuters)

Angestellte kontrollieren einen riesigen Lastwagen in der Kohlemine El Cerrejón in Kolumbien. Foto: Jose Miguel Gomez (Reuters)

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Vor einem Jahr fusionierten die beiden Zuger Unternehmen Glencore und Xstrata zu einem der grössten Rohstoffkonzerne weltweit. Glencore und rund 500 andere Unternehmen haben die Schweiz zu einem der wichtigsten Rohstoffhandelsplätze gemacht. Das Verhalten dieser Unternehmen wird von Nichtregierungsorganisationen (NGO) kritisch verfolgt. Multiwatch, eine Plattform von NGOs, Gewerkschaften und globalisierungskritischen Bewegungen, hat gestern in Bern das Buch «Milliarden mit Rohstoffen – Der Schweizer Konzern Glencore Xstrata» vorgestellt.

Anhand von Beispielen aus neun Ländern übt das Buch Kritik am Verhalten des Schweizer Rohstoffkonzerns. Karmen Ramirez Boscan, Angehörige des Volkes der Wayuu, schilderte an der Buchvernissage im Kulturzentrum Progr in Bern den Konflikt um die Kohletagbaumine El Cerrejón in Kolumbien. Sie gehört zu einem Drittel Glencore Xstrata. Die Mine verschmutze das Wasser, Flüsse würden umgeleitet, und Angehörige der Wayuu würden in Regionen mit schlechteren Böden umgesiedelt.

Vergewaltigung von Mutter Erde

Karmen Ramirez Boscan zeigte aber auch auf, dass es sich nicht nur um einen Umweltkonflikt handelt, sondern auch um unterschiedliche Weltanschauungen: «Bei den Wayuu ist die Mutter Erde die grösste Frau, welche die ganze Menschheit geboren hat. In unserer Kultur ist die wahllose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nur mit der Vergewaltigung einer Frau vergleichbar», sagte sie. Bergbauprojekte sind demnach für das Volk der Wayuu, dem in Kolumbien etwa 145 000 Menschen angehören, ein Verbrechen.

Die Aussenpolitische Kommission des Schweizer Nationalrats (APK) hat sich im vergangenen Jahr in Kolumbien umgesehen und ist dort sowohl mit Vertretern der indigenen Völker als auch mit Verantwortlichen von Glencore Xstrata zusammengetroffen, wie APK-Präsident Carlo Sommaruga, SP-Nationalrat aus Genf, ausführte. Im Oktober plant die Kommission eine Reise nach Peru.

Sommaruga engagiert sich stark für die Kampagne «Recht ohne Grenzen», die verlangt, dass in der Schweiz ansässige Konzerne dafür sorgen müssen, dass ihre Tochtergesellschaften im Ausland die Regeln bezüglich Umweltschutz und Menschenrechte einhalten. Nach den Banken seien die Rohstoffhändler die zweite Branche, die dem Bild der Schweiz im Ausland schadeten, warnte Sommaruga. Um den Schaden in Grenzen zu halten, seien verbindliche Regelungen nötig. Leider sehe der Bundesrat in seinem Rohstoffbericht nur unverbindliche Empfehlungen vor.

Nur Kritiker kommen zu Wort

Das gestern veröffentlichte Buch bringt keine grundsätzlich neue Kritik. So drohte der argentinische Generalstaatsanwalt Antonio Gustavo Gomez dem Xstrata-Konzern schon vor zwei Jahren an einem Vortrag in Bern mit einer Klage. Die Mine La Alumbrera, die zur Hälfte Glencore Xstrata gehört, verschmutze das Wasser, und der Konzern spare durch entsprechende Verbuchungen der Gewinne massiv Steuern, sagte Gomez. Neu ist laut Stephan Tschirren, Vorstandsmitglied von Multiwatch, dass die Beispiele aus Australien, den Philippinen, Sambia, Südafrika, Kongo, Argentinien, Bolivien, Peru und Kolumbien ein Gesamtbild der Rohstoffbranche ergeben. Multiwatch ist Teil eines Netzwerks von weltweit 17 Organisationen, die Glencore Xstrata beobachten. Das Buch ist Teil der Kampagne «Wir schauen hin», in deren Rahmen Multiwatch, Bethlehemmission und Solifonds vor einer Woche anlässlich der Generalversammlung des Konzerns in Zug demonstriert haben.

Insgesamt 15 Autorinnen und Autoren haben am Buch mitgearbeitet, darunter der ehemalige grüne Nationalrat Jo Lang sowie die Gewerkschafter ­Roland Herzog und Hans Schäppi. Da nur Kritiker der Rohstoffbranche mitgewirkt ­haben, ist letztlich ein einseitiges Bild entstanden. In eine umfassende Berichterstattung über Kosten und Nutzen der Rohstoffbranche müssten auch die Meinungen von Glencore Xstrata und jene der Schweizer Behörden sowie der ­Regierungen in den betreffenden Ländern einbezogen werden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.05.2014, 06:47 Uhr)

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Glencore will Buchinhalt prüfen

Am Tag der Publikation des Artikels nahm Glencore Xstrata wie folgt zum Buch Stellung:

«Glencore hat im Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches mehrmals den Kontakt mit Multiwatch gesucht, Multiwatch hat diesen aber stets abgelehnt. Wir werden nun den Inhalt des Buches sorgfältig prüfen und wo nötig die Fakten berichtigen. Der offene und konstruktive Dialog mit allen Interessensgruppen ist uns sehr wichtig. Wir hoffen, dass Multiwatch sowie die Autoren bereit sein werden, zukünftig einen sowohl für uns als auch für Multiwatch konstruktiven Dialog zu führen.»

Milliarden mit Rohstoffen. Der Schweizer Konzern Glencore Xstrata

Multiwatch (Hg.)

Edition 8, Zürich 2014 220 Seiten, ca. 28 Fr.

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