Wirtschaft

Rüstige Rentner wollen keine Senioren-Handys

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 21.11.2008

Der Markt ist attraktiv, knacken konnte ihn bisher niemand. Am prominentesten scheiterte die Swisscom. Jetzt wagt eine Firma aus Österreich einen Versuch.

Senioren wollen nicht wie eine besondere Zielgruppe behandelt werden.

Senioren wollen nicht wie eine besondere Zielgruppe behandelt werden.

Der Markt ist attraktiv: Von den 1,2 Millionen Schweizern über 65 besitzen zwei Drittel noch kein Handy. Kein Wunder, bemühen sich immer neue Anbieter um ein Stück des Kuchens. Jüngster Neuzugang: die österreichische Firma Emporia.

International hat sich Emporia als Nischenanbieter bereits einen Namen gemacht. 2008 wird sie in 21 Ländern 400 000 Geräte verkaufen. In der Schweiz liegt das Verkaufsziel bei 25 000 im ersten Jahr. Ein ehrgeiziger Wert. Beletec, Importeur des schwedischen Konkurrenzprodukts Doro, verkauft pro Jahr gerade mal einige Tausend – und bezeichnet das als Erfolg.

Älteren Menschen begeistert – kaufen aber nicht

Kein Wunder. Denn der Markt ist kompliziert, wie das Beispiel der Swisscom zeigt. Vor gut drei Jahren scheiterte sie an einem Einfach-Handy. Während der Tests waren die älteren Menschen begeistert gewesen von den der einfachen Bedienung, der gut lesbaren Schrift, den grossen Tasten. In den Regalen der Swisscom-Shops lagen die Geräte dann aber wie Blei.

Dabei hatte sich die Swisscom solche Mühe gegeben: Das Comfort-Handy, wie man es nannte, zielte vordergründig nicht nur auf Senioren ab. Im Swisscom-Shop wurde ein eigener Bereich reserviert. «Ältere Personen bevorzugen eine ruhige Ecke und brauchen länger, um sich zu entscheiden», erklärt Philipp Erb, bei der Swisscom für die Benutzerführung verantwortlich, die Massnahme. Auch das ein Fehler: Ältere Kunden mieden die Ecke. «Sie wollten behandelt werden wie jeder andere», sagt Erb. Auch die Ansprüche ans Design hatte die Swisscom unterschätzt. Zudem wurden die Geräte von Sagem hergestellt, einer unbekannten Marke. Und weil die Comfort-Handys anders funktionierten als normale Geräte, mussten Kinder und Enkel bei Fragen passen.

Nischen in der Seniorensparte

Der Fall zeigt das Dilemma bei Produkten, die speziell auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten werden sollen. «Es reicht nicht, die Tasten einfach grösser zu machen», sagt Christoph Rytz, der für die Swisscom das Verhalten der Menschen untersucht. «Man darf nicht mit Klischees an so ein Gerät herangehen, sondern muss die Bedürfnisse der Kunden wirklich verstehen.» Sonst stosse man die Zielgruppe vor den Kopf. So stimmt es nicht, dass Senioren mit ihrem Handy nur telefonieren wollen. «Ältere Menschen nutzen das Handy als eine Form der Kommunikation mit der jüngeren Generation. Sie wollen SMS und MMS von ihren Enkeln empfangen.»

Anfangs Jahr hat die Swisscom das Einfach-Handy aus dem Sortiment gestrichen. «In der ganzen Zeit haben wir nur gerade einige Tausend Geräte verkauft», sagt Sprecher Carsten Roetz. Heute kaufen die meisten älteren Kunden ein Nokia-Handy.

Innerhalb der Zielgruppe gibt es aber durchaus Nischen, die erfolgreich von Firmen wie Doro, Emporia oder dem Schweizer Anbieter Secufone bedient werden – etwa Menschen mit gesundheitlichen Problemen und Seh- oder Hörbehinderungen. Mehr als die Hälfte der Emporia-Geräte sind mit einem Notfallknopf ausgerüstet, den rüstige Senioren wenig goutieren. Und die Mehrzahl der Emporia-Handys kaufen sich die Senioren nicht selbst, sondern die werden ihnen geschenkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2008, 22:09 Uhr

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