SBB planen Navi für Bahnhöfe

Die Bahn lässt eine App entwickeln, die Reisende künftig zu Perrons, Läden und WC lotst. Damit will sie auch Geld verdienen.

Wo nur geht es hier zum Anschlusszug? Eine Navigations-App der SBB soll den Weg zeigen.

Wo nur geht es hier zum Anschlusszug? Eine Navigations-App der SBB soll den Weg zeigen. Bild: Sophie Stieger

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Reisende, die sich im Gewühl des Hauptbahnhofs Zürich nicht zurechtfinden, erhalten bald einen digitalen Assistenten: Die SBB lassen eine Navigations-App für Smartphones entwickeln. Diese hilft Kunden in den grossen Schweizer Bahnhöfen beim Umsteigen und bei der Suche nach Schaltern, WC und Geschäften. Das geht aus einer Ausschreibung auf der Beschaffungsplattform Simap hervor, die dem TA vorliegt.

Vorgesehen sind mehrere Ausbaustufen: Zuerst soll das Programm wie ein Strassen-Navi dem Anwender einen Plan des Bahnhofs zeigen und eine Route zum Ziel vorschlagen. Später sollen dynamische Informationen wie Baustellen oder defekte Rolltreppen hinzukommen. Angedacht ist auch, dass das Telefon dem Anwender automatisch mitteilt, wo es in «seinem» Zug noch freie Plätze gibt.

Den Shops Kunden zuführen

SBB-Sprecher Christian Ginsig bestätigt die Pläne: «Ein Smartphone kann heute eine Hilfe beim Umstieg sein, gerade auf grossen Bahnhöfen.» Vielen Kunden sei zum Beispiel in Zürich nicht klar, wo ihr Tram abfahre – beim Landesmuseum, beim Central oder vielleicht doch an der Bahnhofstrasse? «Die ÖV-Navigation soll helfen, dass man sich bereits vor oder während der Reise über das Umsteigen informieren kann», sagt Ginsig.

Neben dem Kundenservice verfolgen die SBB ein zweites Ziel. In der Ausschreibung heisst es: «Das System unterstützt die SBB beim Generieren von Werbeeinnahmen und durch Erhöhung der Umsatzmiete, indem man Shops im Bahnhof anzeigt und dadurch Kunden zuführt.»

Mit anderen Worten: Man will mit dem Navi auch Geld verdienen. Zum einen soll die App Werbung auf den Handy-Bildschirm der Nutzer bringen. Wer zum Beispiel in den Katakomben des HB vor einem Starbucks steht, könnte etwa ein Angebot für einen Frappuccino zum halben Preis auf sein Telefon erhalten. Zum anderen sollen mit der Orientierungshilfe mehr Kunden in die Bahnhofgeschäfte gelockt werden, die dadurch mehr Umsatz machen. Dies spült Geld in die SBB-Kassen, da die Mieten an die Umsätze gekoppelt sind. Dass die App in erster Linie als Werbevehikel dient, weist Sprecher Ginsig allerdings zurück: «Der Fokus liegt auf der Kundenlenkung.» Wie viel Entwicklung und Wartung des Programms kosten, sagen die SBB nicht.

In «Gebetshaltung» unterwegs

Digitale Navigation in Bahnhöfen ist ein europaweiter Trend. Die französische SNCF bietet mit «Gares360» bereits eine umfassende App an, die deutsche Bahn geht mit dem «Navigator» in eine ähnliche Richtung.

Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, ist skeptisch, ob diese Apps einem Bedürfnis entsprechen: «Vielleicht können sich einige Technikfans dafür begeistern.» Aber eigentlich müssten die klassischen Hinweistafeln ausreichen. «Es ergibt doch keinen Sinn, dass der Reisende in gekrümmter Gebetshaltung durch den Bahnhof läuft, weil er immerzu auf den Bildschirm seines Telefons starren muss.»

Teil einer digitalen Offensive

Auch Software-Entwickler sind zurückhaltend. Zum Beispiel Michael Frankenberg von der deutschen Firma Hacon, die sich um den SBB-Auftrag beworben hat. Er sagt, viele Transportunternehmen hätten schon mit solchen Apps experimentiert, zum Beispiel der Flughafen Frankfurt. Ergebnis: «Das war zwar schön gemacht, wurde aber kaum benützt. Die Leute wollen nicht die ganze Zeit auf ihr Telefon schauen, wenn sie von A nach B gehen.» Man müsse die Navigation auf jene Reisenden ausrichten, die davon wirklich einen Nutzen hätten. Zum Beispiel auf Leute mit Rollstuhl, Kinderwagen oder mit viel Gepäck. «Die App zeigt dann einen hindernisfreien Weg durch den Bahnhof an. Das ist aufwendig, aber machbar.»

Bei den SBB ist die Smartphone-Navigation Teil einer digitalen Offensive: Zurzeit rüstet das Unternehmen rund hundert Schweizer Bahnhöfe mit Gratis-WLAN aus. Ein elektronisches Portemonnaie namens Wally ist ebenfalls in Entwicklung. So sollen Reisende künftig in Bahnhofshops mit dem Telefon bezahlen können. Die SBB wollen die Navi-App als Pilotprojekt am HB Zürich bereits im Juni aufschalten – zur Eröffnung der Durchmesserlinie. Am Ende sollen die 20 bis 30 wichtigsten Bahnhöfe der Schweiz dazugehören, etwa Basel, Bern oder Luzern, aber auch Touristendestinationen wie zum Beispiel Interlaken. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2014, 08:30 Uhr)

Datenschützer klärt ab

Damit die Navi-App Weg und Ziel automatisch berechnen kann, wollen die SBB jederzeit wissen, wo sich ein Kunde im Bahnhof aufhält. Ziel ist laut Ausschreibung eine auf 5 oder sogar auf 3 Meter genaue Ortung. Schon heute ist es den SBB technisch möglich, den Standort von Nutzern zu registrieren – immer dann, wenn das Gratis-WLAN genutzt wird, das sich zurzeit im Aufbau befindet (TA vom 18. 11. 2013).

IT‑Rechtler weisen darauf hin, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) dieses Angebots den SBB erlauben, Bewegungsprofile zu erstellen und den Kunden mit «Werbeinformationen oder Umfragen» anzusprechen. Wenn sich die Ortung der Bahnkunden durch SBB-Dienste verfeinert, werden auch die Bewegungsprofile immer exakter. Das könnte rechtlich problematisch sein: Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte nimmt den Sachverhalt zurzeit unter die Lupe. (ms)

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