Wirtschaft

S&P: «Die Märkte zu beruhigen ist nicht unsere Aufgabe»

Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 08.08.2011 37 Kommentare

Das US-Finanzministerium und Standard & Poor's liefern sich einen PR-Krieg. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht sich der S&P-Chefanalyst für Europa bereits für einen zweiten Schlag stark.

Während der Aktienmarkt nach unten geht, haben sich US-Staatsanleihen kurzfristig erholt: Fassade des Department of Treasury in Washington.

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Bild: Keystone

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«Das ist eine häufig zu beobachtende Verhaltensweise von Politikern, bei schlechten Nachrichten dessen Überbringer Fehler zu unterstellen, um die Relevanz der Entscheidung kleinzureden», sagt Moritz Krämer. Der S&P-Chefanalyst für Europa lässt im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet kein gutes Haar an den US-Behörden. Wir haben diese Entscheidung nicht einsam getroffen, sondern stehen in ständigem Kontakt, sowohl mit dem US-Finanzministerium als auch mit dem Budgetausschuss.

Washington ortet Rechenfehler

Von dort komme letztlich auch die Datenbasis für die Herabstufung der Wirtschaftsmacht. S & P ist ursprünglich von zwei Szenarien ausgegangen. Entweder die Staatsausgaben steigen proportional zur Wirtschaftsleistung an oder analog zur Inflation. Aus politischen Gründen habe das Treasury Departement gegenüber S & P darauf gepocht, eher die Inflation zur Berechnungsgrundlage heranzuziehen. Während die Ratingagentur bei der Wirtschaftsleistung mit einem Wachstum von drei Prozent rechnet, liegen die Einschätzungen für die Inflation bei zwei Prozent. Das bedeutet natürlich, dass die Ausgaben langsamer steigen und damit die Defizite geringer ausfallen. An der Herabstufung ändere dieser Prozentunterschied aber nichts, erklärt Krämer. Auch wenn von US-Regierungsseite mit einem Rechenfehler argumentiert wird.

S & P wehrt sich

S & P geht nach der Attacke auf die eigens angewendeten Berechnungsmethoden in die Offensive: Seit Juni habe die Ratingagentur darauf hingewiesen, dass die Politik bis zuletzt nicht glaubwürdig vermitteln konnte, unter allen Umständen einen Zahlungsverzug zu vermeiden. Auch mit dem Paket, auf das sich Demokraten und Republikaner kürzlich geeinigt haben, sei nichts gewonnen. «Die Kommission muss erst über die Details befinden, wo überhaupt gespart werden soll.» Eine grobe Einigung darüber, dass das notwendig ist, reiche den Rating-Analysten nicht. «Von einem Rechenfehler kann keine Rede sein», sagt Krämer.

Die politische und wirtschaftliche Tragweite der Bewertung ist enorm: Mit Negativeinflüssen auf Devisenkurse und Rohstoffpreise wird gerechnet. Für S & P aber steht die Verpflichtung den Investoren gegenüber im Vordergrund, rechtzeitig die Risiken zu benennen, zu analysieren und gegebenenfalls auch mitzuteilen. «Wir können nicht in eine Rolle abdriften, wo wir beginnen, die Märkte zu beruhigen, das ist nicht unsere Aufgabe», stellt Krämer klar.

China will mitreden

Realwirtschaftlich ist die Herabstufung ein Anschlag auf den US-Dollar als Leitwährung. «Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen», liess etwa die regierungstreue Nachrichtenagentur in China verlauten. Das Reich der Mitte verliert offenbar die Geduld. Immerhin 1,15 Billionen US-Dollar hat China in US-Staatsanleihen investiert. Jetzt verlangt das Land quasi ein Mitspracherecht, um nicht auf Staatspapieren sitzen zu bleiben, die schlagartig an Wert verlieren könnten.

So drastisch sieht das S & P aber auch wieder nicht. Die Ratingagentur hält explizit daran fest, dass der Dollar Leitwährung bleibt. «Das ist eindeutig eine Kreditstärke der USA», sagt Krämer, «deswegen haben wir das Transferrisiko der Vereinigten Staaten weiterhin auf Triple A gehalten.» Ein klares Signal an die Exporteure, die sich demzufolge sicher sein können, dass ihre Lieferungen weiterhin problemlos beglichen werden können. Für China ist das entscheidend, gehört das Land auch zu den grössten Exporteuren in die USA.

Keine Änderung in Sicht

An der Herabstufung wird sich allerdings so bald nichts ändern, eine Aufwertung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Agentur hält es mittlerweile für mehr als 33 Prozent wahrscheinlich, dass es demnächst zu einer weiteren Herabstufung kommen wird. «Wir glauben nicht, dass sich die Situation der USA in den nächsten zwei Jahren wesentlich ändern wird», heisst es. Erfahrungsgemäss dauert die Rückgewinnung der verlorenen Bestnote Triple A ziemlich lange, um die Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Das hat man in der Vergangenheit schon bei skandinavischen Ländern, Australien oder Kanada gesehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2011, 18:20 Uhr

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37 Kommentare

Uriel Berlinger

08.08.2011, 19:19 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Erhalten diese kriminellen Rating Agenturen nicht von diversen Unternehmen gutes Geld, siehe Börsengeschäfte. Jedes Kind weiss, dass die einen an der Börse Geld verlieren und andere dafür grosse Gewinne machen. Ich frage mich, was für dreckige Spiele diese Rating Agenturen treiben. Zumindest arbeiten diese Leute nicht kostenlos, sondern verdienen massenweise Dollars auf Kosten der Gesellschaft. Antworten


Rolf Schumacher

08.08.2011, 18:44 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Lächerliche Ratingsagenturen. Bereits vor 10 Jahren hätten sie die Kreditwürdigkeit der USA auf ein AA+ herunterstufen müssen, mit dem Verweis der galoppierenden Staats- und Privatverschuldung, das wäre fair gewesen. Das geschah absichtlich nicht, denn die Rüstungausgaben der USA konnten nur unter AAA Flagge ins Uferlose ansteigen. Nun ist man bereit für den Krieg. Die Maske Obama tritt ab. Antworten



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