Wirtschaft

«Sarkozy strebt eine schnelle Lösung an»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 08.12.2011 13 Kommentare

Heute beginnt der entscheidende Gipfel der EU. Wirtschaftsprofessor Thomasz Michalski sagt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, welche unterschiedlichen Ziele die Staatschefs Sarkozy, Merkel und Cameron verfolgen.

1/5 Bis die EU-Verträge geändert sind, soll nicht die EZB, sondern der IWF einspringen: Direktorin Christine Lagarde. (6. Dezember 2011)
Bild: Keystone

   

«Viele der strategischen Überlegungen zur Rettung des Euro sind auf den bevorstehenden Wahlkampf Sarkozys abgestimmt»: Thomasz Michalski (33) ist Assistenzprofessor für Volkswirtschaftslehre an der französischen Eliteuniversität HEC in Paris.

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Wie zerstritten sind Merkel und Sarkozy? Wie ist die Grundstimmung in Frankreich? Und welche Rolle spielt hier die Bonitätsbewertung?
Die Interessen der beiden Regierungschefs sind sehr unterschiedlich. Viele der strategischen Überlegungen zur Rettung des Euro sind auf den bevorstehenden Wahlkampf Sarkozys abgestimmt. Der Präsident muss den Rechten gegenüber Zugeständnisse bei der Einwanderungspolitik und bei der Regulierung des Finanzmarktes machen. Im Gegenzug wird er erwarten, dass die nötigen Mehrheiten bei gesetzlichen Änderungen für eine Fiskalunion der EU erreicht werden. Sarkozy strebt eher eine schnelle Lösung für die Währungsunion an als Merkel, weil der Druck auf die Bonität Frankreichs am grössten ist.

Mit welchem Ziel?
Er will mit allen Mitteln versuchen, eine Kreditklemme zu vermeiden. Das ist ein grosses Problem für die französischen Banken und die Realwirtschaft, die dadurch zum Erliegen kommen kann. Merkel hingegen hat mehr politische Lösungen im Auge. Denn was bei den deutschen Banken schlagend werden kann, sind Leichen im Keller noch aus der Zeit der Subprimekrise. Das ist bis jetzt noch nicht voll durchgedrungen. Da stellt sich die Frage, ob der Staat vereinzelt einspringen wird müssen, um einzelne Banken aufzufangen.

Was ist die Rolle des britischen Premiers David Cameron in der Eurokrise?
Die Frage ist, ob mit den Änderungen nur die Eurozonenländer oder die gesamte EU erfasst werden. Grossbritannien ist nicht Euromitglied und darf bei der Einschränkung auf die Euroländer ohnehin nicht mitstimmen. Den Briten geht es mehr um verfahrenstechnische Angelegenheiten. Sie sorgen sich darum, dass Entscheidungen künftig nicht mehr einstimmig, sondern nach Mehrheiten getroffen werden. Besonders die mögliche Einführung einer Finanztransaktionssteuer oder die Harmonisierung der Mehrwertsteuer sind für die Briten ein Problem, gegen das sie sich bei neuen Abstimmungsverfahren nicht mehr wehren könnten.

Wie wird die EZB handeln?
EZB-Chef Mario Draghi gehört zu den Falken, das Inflationsziel wird wohl oberste Priorität bleiben. Aber für heute ist eine Zinssenkung zu erwarten, um den Geldfluss zwischen den Banken aufrechtzuerhalten. Und das wird wohl für längere Zeit so bleiben. Was aber bestimmt nicht passieren wird, ist die vollständige Haftungsübernahme aller hoch verschuldeten Euroländer durch die EZB. Das käme einer Änderung des EZB-Mandats gleich und müsste am EU-Gipfel beschlossen werden. Ich rechne nicht damit, Deutschland ist dezidiert dagegen. Was aber sein kann, ist die teilweise Schuldenübernahme für ein Land wie etwa Spanien oder Italien. Vorausgesetzt, das Land kann beweisen, dass es die dazu notwendigen Sparauflagen auch wirklich einlöst.

Wie kommt Standard & Poor's zu seinem umstrittenen Ausblick für die Eurozone?
Jede internationale Ratingagentur hat ihre eigenen Berechnungsmethoden. So ein Rating sagt nichts anderes aus als die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. Gleichgültig, ob es sich dabei um eine Unternehmens- oder eine Staatsanleihe handelt. Das Rating ist immer vergangenheitsbezogen, auf Basis der gesammelten statistischen Daten. Das wird Ratingagenturen auch oft zum Vorwurf gemacht. Standard & Poor's existiert seit rund hundert Jahren. Der Datenpool, den diese Agentur in dieser langen Zeit angelegt hat, erlaubt durchaus profunde Berechnungsmethoden über die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens oder eines Staates.

Jetzt steht aber nicht nur ein Land am Pranger, es geht gleich um alle 17 Euroländer.
Eine Ratingagentur macht immer auch eine statistische Auswertung, wie viel Prozent gemessen an den hauseigenen Standards ein Triple A verfehlen. Wenn der Prozentsatz so hoch ist, dass das alle Euroländer betrifft, dann ist das das Ergebnis.

Ratingagenturen geben aber auch einen Ausblick. Und im konkreten Fall noch dazu zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Wenn wir der Ratingagentur das Beste unterstellen, dann wurden einfach die am Montag vorgestellten Massnahmen als nicht ausreichend beurteilt. Denn im Grunde will man sich den Reden von Merkel und Sarkozy zufolge nur stärker an die bereits bestehenden Maastricht-Kriterien halten. Das einzig Neue dabei ist die automatisch ausgelöste Sanktion, wenn das Budgetdefizit von drei Prozent überschritten wird. Das ist nicht gerade revolutionär. Wie um alles in der Welt soll Italien auf diesem Weg seine Gesamtverschuldung von 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts reduzieren?

Aber warum kommt die Ankündigung ausgerechnet jetzt? Der grosse Wurf wurde für nach dem EU-Gipfel am 8. und 9. Dezember angekündigt.
Standard & Poor's hat ja nicht herabgestuft, sondern nur einen negativen Ausblick gegeben. Wenn es zu einer glaubwürdigen Lösung kommt, kann sich das sehr rasch wieder ändern.

Innerhalb von Tagen?
Ja.

Was ist die skeptische Sicht auf die Standard-&-Poor's-Aktionen?
Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass es sich dabei um eine politisch motivierte Aktion der USA handelt. Ich denke aber, dass es dabei auch um einen Marketing-Schachzug geht. S&P will nicht in den Ruf kommen, eine potenzielle Herabstufung verschlafen zu haben. Da würden wohl US-amerikanische Pensionsfonds, die zahlreiche europäische Papiere im Portfolio haben, der Ratingagentur auf die Füsse treten.

Die EU will einmal mehr eine eigene europäische Ratingagentur in Stellung bringen. Ist das sinnvoll?
Die Märkte würden eine Ratingagentur, die nur aus diesem Grund ins Leben gerufen wird, nicht für glaubwürdiger halten. Ausserdem dürften die Ratingergebnisse einer solchen Agentur nicht anders ausfallen als die der bestehenden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2011, 09:11 Uhr

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13 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

08.12.2011, 09:46 Uhr
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«Standard & Poor's existiert seit rund hundert Jahren. Der Datenpool, den diese Agentur in dieser langen Zeit angelegt hat, erlaubt durchaus profunde Berechnungsmethoden über die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens oder eines Staates.» Sicherlich. Darum wurden ja auch sämtliche Subprime CDOs mit AAA bewertet. Offenbar taugen weder die mathematischen Modelle noch der Datenpool sehr viel. Antworten


Alfred Brand

08.12.2011, 10:25 Uhr
Melden 15 Empfehlung

"Heute beginnt der entscheidende Gipfel der EU". Ist das nun völlig öd oder vielleicht gar lustig? Seit zig Wochen lese ich, dass morgen oder heute "der entscheidende Gipfel" stattfindet. Nach Lektüre des gestrigen, äusserst interessanten Artikels über den Niedergang Argentiniens und den Weg zurück ans Tageslicht, wären M+S vielleicht endlich bereit zum definitiv letzten aller Gipfel. Antworten



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