Hintergrund

Schadenfreude, Missverständnisse

Die Welt feiert die Schweiz wegen deren Ohrfeige an die «Abzocker». Doch: Ist die teils überspitzte Interpretation des Urnengangs mit Hintergedanken behaftet? Oder wird dieser nur einfach falsch verstanden?

In London dürfte sich manch einer über die Verschärfung der Bedingungen für Unternehmen freuen: Finanzdistrikt im Herzen der britischen Hauptstadt.

In London dürfte sich manch einer über die Verschärfung der Bedingungen für Unternehmen freuen: Finanzdistrikt im Herzen der britischen Hauptstadt. Bild: Keystone

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«Schweizer kürzen Chefs die Gehälter», titelte die «Bild»-Zeitung gestern in ihrer Internetausgabe. So schnell kann es gehen. Eben noch hat die Schweiz über die Verschärfung des Aktienrechts abgestimmt, schon müssen die Manager eingesackte Millionen wieder hergeben. Das hat zwar mit der Realität nichts zu tun, verkauft sich aber zumindest bestens.

Klar, das ist Boulevard. Aber auch anderswo hat man sich mit den Interpretationen der hiesigen Abstimmung schon weit aus dem Fenster gelehnt. So schreibt der britische «Telegraph», die Annahme der Initiative sei ein Schlag ins Gesicht all jener internationalen Unternehmen, welche in den vergangenen Jahren ihren Firmensitz in die Schweiz verlegt hätten, um von den tiefen Steuern zu profitieren. Und die französische Wirtschaftszeitung «Les Echos» meint, die Schweiz werde nun «eine echte Revolution» erleben.

Den britischen Konservativen kann es recht sein

Verlassen nun also scharenweise internationale Konzerne die Schweiz, weil das «merkwürdige Bergvolk» («Süddeutsche») mit der Faust auf den Tisch geschlagen hat? Zwar gab es im Vorfeld des Urnengangs Stimmen, die davor warnten, dass eine Verschlechterung der Bedingungen für die Unternehmen diese dazu bewegen könnte, ihren Standort zu überdenken. Von einem Exodus geht derzeit aber trotzdem niemand aus.

Warum also diese Zuspitzungen? «Zumindest einigen Konservativen in Grossbritannien dürften die Verschärfungen in der Schweiz recht sein. Man denkt, das schmälert die Konkurrenzfähigkeit der Schweiz im internationalen Wettbewerb», sagt der Grossbritannien-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», Peter Nonnenmacher. Schadenfreude schallt aus dem Inselreich Richtung Schweiz.

Die Warnung des «Wall Street Journal» an Investoren

Das passt jedenfalls auch zum Kommentar, den das «Wall Street Journal» in den Tagen vor der Abstimmung publizierte. «Vorsicht bei ihrem Schweizer Geschäft», titelte das angesehene Wirtschaftsblatt. Darin war von einer Coporate-Governance-Reform die Rede, die «Amok» läuft. Man kenne weltweit keinen Grosskonzern, der nach den Richtlinien, welche Initiant Thomas Minder vorschlage, geführt werde. «Wer will da noch in der Schweiz investieren?», denkt sich wohl manch ein Leser.

Dass sich diese Spitzen gerade aus London und New York gegen die Schweiz richten, verwundert nicht. Schliesslich sind es auch diese Standorte, welche im internationalen Wettbewerb um Unternehmen und Spitzenkräfte werben.

Die «Revolution» dürfte auf sich warten lassen

Etwas anders ist die Lage in der Grande Nation. «Für Frankreich geht es nicht ums Gleiche wie für die Briten», sagt TA-Korrespondent Oliver Meiler. «Man denkt hier nicht an den internationalen Standortwettbewerb und daran, dass sich die Schweiz nun selber geschwächt haben könnte.» Wenn von «révolution» die Rede ist, dann sei das wohl nicht mehr als ein Schlagwort. «In Frankreich betrachtete man diese Abstimmung aus der Ferne. Was das konkret bedeuten könnte, damit haben sich wohl nur die wenigsten befasst», sagt Meiler. Die Stossrichtung der Initiative komme aber sicher gut an, sagt Meiler. «Bekanntlich sind auch die Franzosen dem Geldadel gegenüber kritisch eingestellt.»

In Deutschland wiederum würde die SPD am liebsten gleich auf den Minder-Zug aufspringen. Schon sprechen die Sozialdemokraten über entsprechende Vorstösse. Ganz nach dem Motto der «Bild»-Schlagzeile «Schweizer kürzen Chefs die Gehälter».

Kürzen die Aktionäre wirklich die Löhne?

Die einen üben sich in Schadenfreude, die anderen versprechen sich womöglich zu viel vom Urnengang in der Schweiz: Ob mehr Aktionärsdemokratie in der Schweiz tatsächlich zu tieferen Löhnen führen wird, muss sich erst weisen. Bekanntlich sind gerade bei grossen Konzernen ein guter Teil der Aktionäre Fonds und Pensionskassen aus dem Ausland, nicht zuletzt aus dem angelsächsischen Raum. Und bekanntlich hat man dort keine Berührungsängste mit hohen Entschädigungen für Manager. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2013, 13:45 Uhr

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