Wirtschaft

«Schwarzgeldkunden sind anspruchslos»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 23.02.2012 23 Kommentare

Manuel Ammann, Bankenspezialist der HSG, hält die verpflichtende Selbstdeklaration für keinen grossen Wurf. Auch die buchstabengetreue Befolgung von US-Vorschriften sei keine langfristige Strategie.

«Keine Strategie für die Mehrheit der Schweizer Banken»: Bankenexperte Manuel Ammann von der Universität St. Gallen.

«Keine Strategie für die Mehrheit der Schweizer Banken»: Bankenexperte Manuel Ammann von der Universität St. Gallen.
Bild: Keystone

Zur Person

Manuel Ammann (42) ist ein Schweizer Ökonom und Professor für Finance an der Universität St. Gallen. Seit 2002 ist er Lehrstuhlinhaber sowie Direktor am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen.

Teure Weissgeldstrategie

Die Basler Privatbank Sarasin hat im vergangenen Jahr 7 Milliarden Franken an Kundengeldern verloren, wie am Donnerstag bekanntgegeben wurde. Bankchef Joachim Strähle führt dies unter anderem auf die Weissgeldstrategie zurück. Die Fokussierung auf versteuerte Vermögen habe ihren Preis: «Wir verzichten auf attraktive Margen.» Bis Ende 2012 will Sarasin aussschliesslich korrekt versteuertes Geld verwalten.

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US-Aufsicht

Die SEC (Securities and Exchange Commission) wurde als Reaktion auf den New Yorker Börsencrash von 1929 am 6. Juni 1934 durch den Securities Exchange Act gegründet, um eine staatliche Aufsicht über die bis dahin unkontrolliert ablaufenden Wertpapiergeschäfte zu schaffen. Ihre Aufgaben sind die Überprüfung des Handels auf Recht- und Ordnungsmäßigkeit und der Einhaltung börsenrechtlicher Anordnungen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben wurden ihr umfangreiche legislative, exekutive sowie judikative Kompetenzen eingeräumt, so dass sie manchmal auch als «Vierte Gewalt» bezeichnet wird.

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Der Schwarzgeld-Test

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Ist die SEC-Zertifizierung wie bei der Bank Sarasin ein mustergültiger Weg hin zu einer Weissgeldstrategie? In dem Fall muss eine Bank den US-Behörden automatisch Einblick gewähren.
Die SEC-Zertifizierung wird von mehreren Schweizer Banken durchgeführt werden. Im grenzüberschreitenden Onshore-Geschäft ist man dann aufsichtsrechtlich den USA unterstellt und befolgt deren Regulatorien. Das wird aber keine Strategie für die Mehrheit der Schweizer Banken sein, sondern eher für die grossen und einige spezialisierte Institute. Für die meisten Banken wäre der Aufwand in Anbetracht der wenigen US-Kunden, die sie haben, zu kostspielig.

Ist das aktuelle Konzept der Selbstdeklaration des Bundes die zündende Idee zur Weissgeldstrategie? Ändert das was am Status quo?
Die Selbstdeklaration ist kein Durchbruch, aber in gewissen Fällen sinnvoll, vor allem für Kunden ausserhalb der USA und der EU. Bei den USA kommt mit Fatca (Anm.: Foreign Account Tax Compliance Act) ohnehin der automatische Informationsaustausch. Hier bringt die Selbstdeklaration nichts mehr. Bei der EU wird die Selbstdeklaration auch nicht ausreichen, um diese zufriedenzustellen. Bei Kunden aus anderen Ländern kann das hingegen sehr wohl ein Signal sein, dass unversteuerte Gelder nicht willkommen sind. Die Selbstdeklaration der Kunden kann für die Banken zudem schützend wirken, wenn später einmal der Vorwurf kommen sollte, dass die Bank Beihilfe zum Steuerbetrug geleistet hätte. Mit dieser Selbstdeklaration hat die Bank mehr in der Hand als bisher, um diesem Vorwurf entgegenzutreten. Im US-Geschäft war ja die Beihilfe ein zentraler Bestandteil der Vorwürfe an die Schweizer Banken.

Man versucht die Grundlagen dafür zu schaffen, dass man für die aktuellen Vorwürfe später nicht mehr belangt werden kann?
Man stellt damit klar, dass unversteuerte Gelder nicht willkommen sind und dass die Verantwortlichkeit für die Versteuerung beim Kunden liegt. Dass der Kunde lügen könnte, kann die Bank aber letztlich nicht verhindern. Eine Kontrollpflicht der Banken beurteile ich skeptisch, weil die Bank das gar nicht wirksam kontrollieren kann.

Zu einem Geschäft gehören immer zwei. Und Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Oder?
Nun, die Selbstdeklaration wird sicher nicht in jedem Fall ausreichen, um die Bank vor Vorwürfen zu schützen, das ist klar. Das sollte von der Bank aber auch nicht als Alibi missbraucht werden.

Reagiert die Regierung wehleidig, wenn sie in ihrem Papier zur Weissgeldstrategie sagt: «Angesichts der vergleichsweise stabilen Wirtschaftslage und des gesunden Staatshaushalts steigt der politische Druck auf die Schweiz, ihren Teil zur Stabilisierung des internationalen Finanzsystems zu leisten und einige seit längerem geforderte Anpassungen im Finanz- und Steuerbereich voranzutreiben.»
Als wehleidig würde ich das nicht bezeichnen. Es ist grundsätzlich richtig, dass man auf Schnellschüsse verzichtet. Dass man nur noch versteuertes Geld annehmen möchte, ist ja keine von Grund auf neue Strategie. Die Bestrebungen um die Abgeltungssteuer gehen in diese Richtung.

Das Abkommen mit Deutschland wird vorerst nicht ratifiziert und der Rat der Finanzminister will eine Globallösung für die gesamte EU erwirken. Warum will der Bundesrat Sonderlösungen vereinbaren, die langfristig nicht halten?
Wenn man ein bilaterales Abkommen mit Deutschland und Grossbritannien hätte, wäre das innerhalb der EU ein relativ starkes Signal. Das sind Länder mit entsprechender Bedeutung und Gewicht innerhalb der EU. Gelingt mit diesen Ländern das Steuerabkommen, hätte die Schweiz ein gutes Argument für ihren Weg der bilateralen Abkommen. Die Verhandlungsposition würde damit gestärkt und andere EU-Länder würden vielleicht mitziehen. Damit könnte die Schweiz möglicherweise den automatischen Informationsaustausch abwehren.

Wenn das alles nicht gelingt: Was bedeutet das für die Schweizer Banken? Früher konnten sie es sich leisten, weniger Geld zu verdienen, weil viele Kunden keine Steuern für das Schwarzgeld zahlen mussten. Bei einer Weissgeldstrategie steigt auch der Renditedruck auf die Banken. Werden sie im internationalen Wettbewerb bestehen können?
Der Druck auf die Geschäftsmodelle der Vermögensverwaltungsbanken steigt zweifellos jetzt schon. Schwarzgeldkunden sind tendenziell anspruchslose Kunden, mit welchen gute Margen verdient wurden.

Warum sollten Kunden heute noch zu einer Schweizer Bank gehen?
Die Banken müssen sich andere Wettbewerbsvorteile erarbeiten. Ich denke hier an betriebeswirtschaftliche Faktoren: eine bessere Performance, besserer Service bei vernünftigen Kosten und eine hohe Innovationskraft. Daneben gibt es wichtige volkswirtschaftliche Wettbewerbsfaktoren wie politische Stabilität, Rechtssicherheit, gefestigte Institutionen und eine solide Währung. Aber eines ist sicher: Kleinanleger werden im grenzüberschreitenden Geschäft der Banken an Bedeutung verlieren, weil sie weniger Anreize haben, ihr Geld in die Schweiz zu tragen. Grössere Privatkunden werden aber auch in Zukunft ihre Bankbeziehungen international auswählen. Und in diesem Wettbewerb haben einige Schweizer Banken keine schlechten Karten.

Gehen die Banken deshalb jetzt zum Kunden statt umgekehrt? Zahlreiche Schweizer Banken eröffnen Repräsentanzen und Niederlassungen in Asien.
Das ist die Onshore-Strategie: Für den Kunden sind die Transaktionskosten geringer, wenn er das Geschäft vor Ort machen kann. Eine Onshore-Strategie kann deshalb einen zusätzlichen Kundenkreis erschliessen, welcher im grenzüberschreitenden Geschäft nicht erreicht werden kann.

Aber die Personalkosten steigen massiv.
Ja, es ist sicherlich so, dass dies mit hohe Kosten verbunden ist. Deshalb werden sich nur die ganz grossen Banken eine flächendeckende Onshore-Strategie leisten können. Die kleinen hingegen werden sich vermehrt auf die Schweiz konzentrieren oder sich auf einzelne Auslandsmärkte beschränken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.02.2012, 17:55 Uhr

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23 Kommentare

David Meier

23.02.2012, 19:10 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Schwarzgeld wird es immer geben, aber wenn das so weiter geht, wird es überall auf der Welt versteckt sein, nur in der Schweiz nicht. Bitte etwas weniger vorauseilender Gehorsam den USA und der EU gegenüber. Ist unsere Position so schwach, dass wir bei allen Forderungen gleich nachgeben müssen? Antworten


Rudolf Bächtold

23.02.2012, 18:19 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Die Performance von Schweizer Banken in der Vermögensverwaltung ist und war immer hundsmiserabel. Damit lässt sich nun wirklich kein Geld mehr verdienen und auch keine Neugelder mehr anlocken. Das hat Banquier (nicht Banker!!) Hans J. Bär (+) schon vor rund zwanzig Jahren öffentlich erklärt. Man muss es einfach zur Kenntnis nehmen: Sowohl der Finanz- wie der Bankenplatz Schweiz ist am Ende. Antworten



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