Wirtschaft
Schweiz bleibt in USA beliebtes Reiseziel
Von Ralf Kaminski, New York. Aktualisiert am 18.07.2009
Mit den SBB hat alles angefangen
Das Tourismusbüro in New York wurde 1908 als dritte Auslandsvertretung nach London (1893) und Paris (1903) gegründet, zeitgleich mit Berlin. Allerdings war es zunächst ein reines SBB-Büro, wo die Schweizer Bahn ihre Tickets verkaufte; das Swiss National Tourist Office (SNTO) übernahm erst einige Jahre später. Den ersten grossen Aufschwung an US-Touristen erlebte die Schweiz, als viele GIs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur Erholung das unversehrte Land im Herzen Europas besuchten und davon schwärmten.
Die Blütezeit bei den US-Touristen war in den frühen 1970er-Jahren. Danach begann der Reisemarkt sich zu globalisieren – immer mehr Länder öffneten sich Touristen, und diese begannen ihre Destinationen zu diversifizieren. Allerdings erlaubten auch mehr und mehr Länder in dieser Zeit, ihren Bewohnern frei zu reisen, unter anderem Japan, was wiederum der Schweiz neue Touristenmärkte erschloss.
Das Ziel von Schweiz Tourismus besteht heute vor allem darin, die Schweiz als Reiseland und Kongressstandort zu bewerben. Im New Yorker Büro arbeiten elf Festangestellte und vier Praktikanten – alles Schweizerinnen und Schweizer. Daneben gibt es noch Vertretungen in Los Angeles und Toronto.
Nicht einen einzigen Anruf hat das Büro von Schweiz Tourismus in New York wegen der UBS erhalten. Die ganze Steuerbetrugsaffäre, über die in den US-Medien prominent berichtet wird, scheint an den Touristen spurlos vorüber zu gehen. «Politik ist selten ein Grund, ein Land zu besuchen oder es nicht zu besuchen», sagt Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus. Etwas anderes hatte mehr Folgen: Ein grosser Bericht mit Foto in der «New York Times» über Nacktwanderer in den Schweizer Bergen habe zu Stornierungen religiöser Gruppen geführt, erzählt Alex Herrmann, Leiter des New Yorker Büros.
Die USA sind nach Deutschland und Grossbritannien der wichtigste Touristenmarkt für die Schweiz. 2008 besuchte rund eine Million Amerikaner das Land; für die nächsten zwei Jahre rechnet Schmid mit einem Rückgang von Touristen aus aller Welt um 15 Prozent. Vor allem Kongress- und sogenannte Incentive-Reisen sind dramatisch eingebrochen. Letzteres sind Trips, mit denen Firmen Angestellte für gute Arbeit belohnen, was in jüngster Zeit mehrfach für schlechte Presse gesorgt hat.
Schweiz leidet weniger als andere
Die Schweiz, als Hochpreisland verschrien, leidet laut Schmid jedoch weniger unter der Wirtschaftskrise als andere Destinationen wie Italien oder die Karibik. Offenbar sind Leute, die sich die Schweiz normalerweise leisten, noch wohlhabend genug, dies auch weiterhin tun zu können. Den letzten wirklich grossen Einbruch hat das Land 2001 erlebt, nach den Terroranschlägen in New York. «Damals ist die Zahl der US-Touristen schlagartig um einen Drittel geschrumpft», sagt Schmid. Auch auf die Gästezahlen aus Japan habe sich der Anschlag ausgewirkt. «Japan ist generell der sensibelste Reisemarkt. Wenn immer irgendwo was passiert, neigen die Japaner dazu, lieber zu Hause zu bleiben – auch jetzt bei der Schweinegrippe gab es viele Stornierungen, obwohl die Schweiz vergleichsweise wenig betroffen war.»
Die Eidgenossenschaft hat seit 1908 ein Tourismusbüro in New York. Es gehört zu den wenigen Ländervertretungen in der Stadt, wo Touristen und Neugierige einfach hineingehen und Fragen stellen können. Ein Angebot, das noch immer genutzt und geschätzt werde, sagt Herrmann, auch wenn sich das Buchen von Reisen immer mehr ins Internet verlagere. «Viele buchen online oder über ein Reisebüro und kommen dann zu uns für konkrete Informationen oder Tipps über bestimmte Destinationen.» 25 bis 30 Prozent aller US-Reisenden nutzen die Dienste des Büros, das an bester Lage an der Fifth Avenue in Manhattan liegt.
Mietvertrag für die nächsten 16 Jahre
Früher galt das Gebäude als Swiss Center – auch die Swissair, die SBB und sogar die UBS hatten ihre Büros dort. Heute ist nur noch Schweiz Tourismus dort, deren alter Vertrag noch 16 Jahre lang läuft. «Wir zahlen nur einen Bruchteil der marktüblichen Miete, aber wenn der Vertrag ausläuft, müssen wir über die Bücher und möglicherweise umziehen», sagt Herrmann. Schweiz Tourismus wird zu 60 Prozent vom Bund finanziert, der Rest kommt von Partnern in der Reisebranche und muss jedes Jahr neu verhandelt werden. Dieses Jahr läuft es etwas harzig.
Dennoch profitiert die Tourismusbranche unmittelbar davon, wenn Schweiz Tourismus in den USA aktiv ist und es gelingt, etwa grössere Geschichten in Reisemagazinen zu platzieren wie bald im «Traveler» von Condé Nast. «Sowas wirkt sich sofort auf die Buchungen aus», sagt Schmid. Manchmal allerdings auch nachteilig, wie das Beispiel mit den Nacktwanderern zeigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.07.2009, 08:30 Uhr


