Schweizer Banken verteidigen Geschäft mit Agrarrohstoffen

Nach öffentlicher Kritik an der Spekulation mit Nahrungsmitteln haben sich in Deutschland mehrere Banken aus dem Geschäft zurückgezogen. Die Schweizer Banken sehen sich selber als unbedeutend.

Die Weltmarktpreise für Weizen, Mais und Soja befinden sich auf Rekordhöhen: In Colorado werden vertrocknete Maispflanzen zu Tierfütter verarbeitet. (22. August 2012)

Die Weltmarktpreise für Weizen, Mais und Soja befinden sich auf Rekordhöhen: In Colorado werden vertrocknete Maispflanzen zu Tierfütter verarbeitet. (22. August 2012) Bild: AFP

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Die Dürre in den USA führt zu Ernteausfällen und lässt die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel auf Rekordhöhen steigen: Weizen, Mais und Soja werden immer teurer. Angesichts der höheren Preise fordern zivilgesellschaftliche Organisationen ein Ende der Spekulationen mit Agrarrohstoffen. In Deutschland haben bereits mehrere Banken auf die öffentliche Kritik reagiert und sich aus dem Handel mit Agrarrohstoffen zurückgezogen. So nahm mit der Commerzbank das zweitgrösste deutsche Institut Grundnahrungsmittel aus seinem Rohstoff-Fonds heraus.

Auch in der Schweiz nehmen Nichtregierungsorganisationen die Banken wegen ihrer Agrargeschäfte ins Visier. «Die Schweizer Banken wären gut beraten, den Beispielen aus Deutschland zu folgen», sagt Oliver Classen von der Erklärung von Bern gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Durch die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln drohten grosse Reputationsschäden.

«Sehr kleiner Marktteilnehmer»

Bei den meisten Schweizer Banken stösst Classens Rat allerdings auf taube Ohren. Die Credit Suisse bietet nach eigenen Angaben im Rahmen von Rohstofffonds auch Investitionen in Agrarrohstoffe an. Sie sei in diesem Bereich aber «ein sehr kleiner Marktteilnehmer», betont Mediensprecher Daniel Cavelti. «Insofern stellt sich die Frage nach einem Ausstieg nicht.»

Die Privatbank Sarasin hat ebenfalls Rohstofffonds, bei denen die Kunden unter anderem in Agrarrohstoffe investieren. Das Gesamtvolumen dieser Rohstofffonds beträgt laut Sarasin-Sprecher Benedikt Gratzl 1,3 Milliarden Franken. Davon seien rund 35 Prozent in Agrarrohstoffe investiert. Allerdings verfolge die Bank eine antizyklische Anlagestrategie und trete deshalb bei steigenden Preisen als Verkäufer auf.

Auch die UBS bietet ihren Kunden Fonds an, darunter auch ein spezifischer Agrarrohstofffonds, dessen Volumen «unter 50 Millionen Franken» liegt, wie Mediensprecherin Tatiana Togni sagt. Die Grossbank will ihr Angebot auch in Zukunft aufrechterhalten. Sie will aber laut Togni «mit Bedacht vorgehen, um sicherzustellen, dass unsere Aktivitäten die entsprechenden Märkte nicht destabilisieren».

Ähnlich tönt es bei der Zürcher Kantonalbank. Sie hat strukturierte Produkte im Angebot, bei denen sie im Auftrag von Kunden Termingeschäfte eingeht, wie Mediensprecher Igor Moser sagt. Die Produkte hätten einen langfristigen Zeithorizont.

Zusammenhang umstritten

Wie gross der Einfluss von Finanzgeschäften auf die Preise von Agrarrohstoffen ist, ist umstritten. Weitgehende Einigkeit besteht in der Fachwelt darüber, dass solche Spekulationen die Preise nicht nachhaltig erhöhen.

Tatiana Togni von der UBS sieht die steigende Nachfrage der Schwellenländer, hohe Energiepreise, widrige klimatische Bedingungen sowie die Forcierung der Bio-Treibstoffproduktion als wichtigste Ursachen für die gegenwärtige Preissteigerungen. Die Aktivitäten von Investoren könnten aber kurzfristig zu einer höheren Volatilität der Preise führen.

Wie gross dieser Einfluss ist, sei allerdings schwierig zu sagen, erklärt Oliver Classen. Wissenschaftliche Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Schlüssen.

Igor Moser von der ZKB weist darauf hin, dass es letztlich die Entscheidung des Kunden sei, ob er in Agrarrohstoffe investiert. Den Kunden Rohstoffe als Anlagemöglichkeit von vornherein vorzuenthalten, sei «keine vernünftige Basis».

Vontobel will Produkte überprüfen

Die Bankkunden sind beim Thema Agrarrohstoffe inzwischen allerdings vorsichtig, wie Sabine Döbeli, Leiterin Nachhaltigkeit bei der Bank Vontobel, sagt. «Die Kunden sind in jüngster Zeit sensibler geworden.»

Die Bank will nun den Zusammenhang zwischen dem Verhalten von Investoren und den Preisveränderungen bei Nahrungsmitteln genauer unter die Lupe nehmen. «Gegenwärtig sind wir daran, uns fundiertes Wissen anzueignen», sagt Döbeli. «Auf dieser Grundlage werden wir anschliessend unsere Produkte überprüfen.»

Weltbank: Millionen bedroht

Wie ernst die Lage wegen der steigenden Nahrungsmittelpreise unterdessen ist, unterstrich Weltbankpräsident Jim Yong Kim. Die akute Verteuerung «bedroht die Gesundheit und das Wohlergehen von Millionen von Menschen», sagte Kim in Washington. In besonderem Masse seien Afrika und der Nahe Osten betroffen.

Unter dem Strich sind die Nahrungsmittelpreise der Weltbank zufolge allein von Juni auf Juli im Schnitt um 10 Prozent geklettert, mit historischen Höchstständen bei Mais (plus 25 Prozent) und Soja (plus 17 Prozent).

Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich demnach allerdings erheblich höhere Ausschläge in einzelnen Ländern, vor allem in Afrika. Die Region südlich der Sahara erlebe die höchsten Anstiege bei Mais, zum Beispiel 113 Prozent in Mosambik. Für die Hirse stiegen die Preise im Südsudan um 220 und im Sudan um 180 Prozent. (mw/sda)

(Erstellt: 01.09.2012, 00:06 Uhr)

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