Wirtschaft
Seid umschlungen, Arbeiter
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 23.02.2012 7 Kommentare
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Eigentlich leben wir ja in einer sogenannt postindustriellen Gesellschaft. In den westlichen Gesellschaften ist der Anteil der Industriearbeiter an der erwerbstätigen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. In der Schweiz ist er auf etwas über 20 Prozent geschrumpft. In den USA oder Grossbritannien beträgt er kaum mehr als 10 Prozent. Kontinuierliche Steigerung der Produktivität und das Verlagern von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer sind der Hauptgrund für diese Entwicklung.
Seit der Wirtschaftskrise wird der Arbeiter im blauen Übergewand bei den Politikern aber wieder populär. In Grossbritannien träumt die konservativ-liberale Regierung davon, die alten Industriegebiete in Mittel- und Nordengland zu neuem Leben zu erwecken. Die Deutschen sind derweil stolz darauf, dass sie den zweiten Sektor nie so weit haben schrumpfen lassen wie die Angelsachsen.
Obama wird die Wiederbelebung der Autoindustrie ausschlachten
Doch auch in den USA ist der «blue collar worker» wieder angesagt. Präsident Barack Obama wird seinen erfolgreichen Wiederbelebungsversuch der US-Autoindustrie im Wahlkampf gebührend ausschlachten. In seiner State-of-the-Union-Rede betonte er ausdrücklich die zentrale Stellung des «manufacturing», der Produktion, und soeben hat die Regierung auch eine Senkung der Unternehmenssteuern angekündigt. «Mein Ziel ist es, neue Möglichkeiten für hart arbeitende Amerikaner zu schaffen und so dafür zu sorgen, dass wir wieder mehr Dinge selbst herstellen», erklärt Obama.
Da wollen die Republikaner nicht zurückstehen: Bei den Primärwahlen in Michigan – dem Heimatstaat der Autoindustrie – überschlagen sie sich mit Lobeshymnen auf die Industriearbeiter. Mitt Romney, der als Unternehmensberater einst im grossen Stil Jobs für genau diese Arbeiter vernichtet hat, verspricht nun, «alles zu tun, um Industriearbeitsplätze nach Amerika» zurückzubringen. Das beteuert selbstverständlich auch Rick Santorum. Er will gar die Unternehmenssteuer für Industriebetriebe abschaffen und ihnen erlauben, im Ausland erzielte Gewinne steuerfrei heimzuschaffen.
Heute reicht ein Job in der Autoindustrie grade mal zum Überleben
Was ist Traum, was Wirklichkeit? In den USA sind in den letzten zwei Jahren tatsächlich 400'000 neue Arbeitsplätze im Industriesektor geschaffen worden. Doch der langfristige Trend ist damit keineswegs gebrochen worden. Seit dem Jahr 2000 sind 5,5 Millionen Industriejobs vernichtet worden, seit 1990 gar 12 Millionen.
Kommt dazu, dass gerade die Industriearbeitsplätze sehr unattraktiv geworden sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Job bei GM, Ford oder Chrysler die Garantie für ein anständiges Mittelstandsleben. Heute reicht es gerade mal knapp zum Überleben. Die Löhne für «blue collar worker» haben sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Mit anderen Worten: Wenn überhaupt noch Jobs in der Industrie geschaffen werden, dann zu Bedingungen, wie sie in Schwellenländern herrschen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2012, 12:08 Uhr
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7 Kommentare
Dass ein Industrie-Job in den USA überhaupt zum Überleben reicht, ist schon bemerkenswert. In der Schweiz und Deutschland braucht es SKOS-, bzw. Hartz-IV-Zuschüsse - wenn es überhaupt solche Jobs gibt. Der Lohn des westlichen Industriefacharbeiters und Elektro-Ingenieurs gegen den seines asiatischen Kollegen ist nun einmal der Preis der Globalisierung. Und das kann und will niemand mehr ändern. Antworten
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