Sein Geisterhotel nimmt ihm die ganze Arbeit ab

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 24.08.2009

Das erste vollautomatische Hotel der Schweiz widersteht der Wirtschaftskrise auf jeden Fall. Das innovative Geschäftsmodell eines cleveren Selfmademan.

Mehr Hauswart als Hotelier: Josef Oberholzer vor seinem vollautomatischen Tower Hotel.

Mehr Hauswart als Hotelier: Josef Oberholzer vor seinem vollautomatischen Tower Hotel.

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«Ich bin nicht der Hotelier, sondern der Hauswart», sagt Josef Oberholzer. So sieht er auch aus. Zum Gesprächstermin erscheint er in abgewetzten Shorts, schlampigem Hemd und Sandalen. Ein knorriger Typ mit Bart, wettergegerbter Haut und rauer Stimme. Als hätte er soeben den Rasen gemäht oder im Keller die Heizung repariert.

Der 52-jährige hat den Job des Hoteliers vollständig delegiert. Nicht an ein menschliches Wesen, sondern an den «Hotelomaten». Wer im Tower Hotel im sankt-gallischen Waldkirch ankommt, findet beim Einchecken auch keine Recéptionistin vor. Man gibt im Gerät die Reservationsnummer für das Zimmer ein, das man über Internet vorgemerkt hat, bezahlt mit Kreditkarte und erhält den Code fürs Zimmerschloss. Und schon ist man Gast im ersten vollautomatischen Hotel der Schweiz.

Die totale Anonymität

Wobei das Wort «Gast» fehl am Platz ist, zumal es ja keinen Gastgeber gibt. Falls überhaupt, finden zwischenmenschliche Kontakte im eigenen Zimmer statt. Oder spontan im kleinen Aufenthaltsraum, wo es Automaten für Getränke und Snacks gibt - die einzige Möglichkeit, sich mit dem Nötigsten zu verpflegen. Ansonsten herrscht hier totale Anonymität. «Von Leuten, die ohne Online-Reservation einchecken, kenne ich nicht einmal den Namen», sagt Oberholzer. Eine polizeiliche Registrierung ist ohnehin nicht nötig.

Ein Geisterhotel. Und eines, das auch aufgrund seiner Architektur aussergewöhnlich ist. Die 14 komfortablen Zimmer befinden sich in einem umgebauten Futterturm, der früher der landwirtschaftlichen Genossenschaft gehörte. Vom 40 Meter hohen Gebäude, höher als der Kirchturm von Waldkirch, geht der Blick über den Bodensee und in die Österreicher Alpen. Eine Oase der ländlichen Beschaulichkeit, rund 15 Kilometer von St. Gallen entfernt.

Aus dem Dorf stammt auch Oberholzer, Bauernsohn, gelernter Mechaniker und - dieser Berufstitel gefällt ihm am besten - Selfmademan. Er war viele Jahre als Monteur von Industrieanlagen tätig, hatte seine eigene Firma, veräusserte diese vor drei Jahren und investierte 4 Millionen Franken in den Kauf und Umbau des leer stehenden Futterturms.

«Meine Grundgedanke war zunächst bloss, dass ich im Turm wohnen wollte.» Tatsächlich belegt der Single heute die obersten beiden Stockwerke. Dann kam ihm die Idee eines Hotels - und zugleich die Einsicht, «dass ich nicht der Typ bin, der 18 Stunden am Tag hinter der Theke auf Gäste wartet». An einer Branchenmesse in Stuttgart fand er dann den Hersteller des Hotelomaten.

Tiefe Betriebskosten

Eine clevere Geschäftsidee. Ist das Tower Hotel nicht oder unterbelegt, sinken die Betriebskosten praktisch auf null. Umgekehrt steigt der Gewinn proportional zum Grad der Auslastung. Den Putz- und Zimmerdienst hat Oberholzer an eine externe Firma vergeben. Zudem ist das Haus bloss mit einer kleinen Hypothek belastet, was auch die Fixkosten auf ein Minimum reduziert.

55 Franken kostet die Übernachtung im Einzelzimmer, 88 Franken im Doppelzimmer ohne, 98 mit Balkon. Eröffnet wurde das Haus Anfang August. Und wie läuft das Geschäft? Oberholzer ist «sehr zufrieden». Obwohl er fürs Marketing noch keinen einzigen Franken ausgegeben habe, sei der Turm kürzlich über ein Wochenende komplett ausgebucht gewesen - mit einer deutschen Hochzeitsgesellschaft.

Seitenspringer willkommen

Langfristig rechnet Oberholzer mit einer Stammkundschaft, die sich vor allem aus Geschäftsreisenden mit kleinem Spesenbudget und Velotouristen rekrutiere. Ausserdem geht er davon aus, dass sein Hotel für Besucher des Golfparks Waldkirch - des grössten seiner Art in der Schweiz - attraktiv sein wird. Und gibts keine Bedenken, dass sich das anonyme Lowbudget-Etablissement zum Stundenhotel entwickeln wird? Oberholzers pragmatische Antwort: «Besser ein Seitensprung in meinem gepflegten Hotel als im Auto am Waldrand.»

«Hauswart» Oberholzer ist in der Hotellerie ein innovativer Einzelgänger. Kontakte mit Branchenkollegen sucht er nicht, in deren Lamento wegen der Wirtschaftskrise einstimmen mag er erst recht nicht. Um eine Sterneklassifizierung hat er sich beim Verband Hotelleriesuisse schon gar nicht bemüht. «Mein Haus passt in keine Kategorie und stösst gerade deshalb in eine Marktnische.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2009, 09:24 Uhr

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