Wirtschaft

Selbstmordwelle erschüttert France Télécom – mehr als 20 Tote

Rätselhafte Serie von Selbstmorden bei France Télécom: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich beim Telekommunikationskonzern 23 Angestellte das Leben. Sind die Arbeitsbedingungen schuld?

Stress am Arbeitsplatz: Ist das der Grund für die Suizide bei France Télécom?

Stress am Arbeitsplatz: Ist das der Grund für die Suizide bei France Télécom?

Am Freitag stürzte sich eine 32-Jährige während der Arbeit aus dem Fenster. «Ich bin tief getroffen, das ist schrecklich», sagte Personalchef Olivier Barberot der Zeitung «Journal du Dimanche». Die Angestellte sollte einen neuen Chef bekommen. Sie habe aber auch persönliche Probleme gehabt, sagte Barberot. Ab sofort sollen alle Betriebsärzte psychisch labile Mitarbeiter melden. In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich nach Gewerkschaftsangaben 23 Beschäftigte das Leben.

Eine weitere Folge des jüngsten Suizids ist, dass der Konzern-Umbau vorerst ausgesetzt wird. Bis Ende Oktober werde das Projekt auf Eis gelegt, teilt das Unternehmen mit. Gleichzeitig würden hundert zusätzliche Personalexperten angeheuert. Mit den Gewerkschaften haben heute Gespräche über Stress am Arbeitsplatz begonnen.

22’000 Stellen abgebaut, 7000 Mitarbeiter versetzt

Erst am Mittwoch rammte sich ein Störungstechniker, der im Zuge des Umbaus auf einen anderen Posten wechseln sollte, vor seinen Kollegen ein Messer in den Bauch, weil er einen anderen Posten übernehmen sollte. Er überlebte zwar, Tausende Konzernmitarbeiter beteiligten sich aber am Donnerstag an Protesten gegen ihre Arbeitsbedingungen und die Methoden des Managements.

Die Gewerkschaften gehen davon aus, dass ein Teil der Selbstmorde direkt auf die Arbeitsbedingungen und den Konzernumbau bei France Télécom zurückzuführen sind. In den vergangenen Jahren wurden 22’000 Stellen abgebaut und 7000 Mitarbeiter versetzt.

Bereits nach den ersten vier Selbstmorden hatte die Gewerkschaft Sud-PTT Alarm geschlagen. Ein Mann hatte gemäss «Spiegel online» einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er schrieb, wie sehr ihn die neuen Arbeitszeiten und die Versetzung in einen Vorort von Strassburg belasten. Ein anderer Mitarbeiter aus Südfrankreich soll sich umgebracht haben, weil er nur schlecht mit der neuen Technik am Arbeitsplatz zurechtgekommen sei.

Suizide nicht über französischem Durchschnitt

Alle Suizide bei France Télécom wurden – mit Ausnahme der Angestellten vom Freitag – von Männern begangen. Rechnerisch liegt die Zahl der Suizide in dem Konzern mit 100'000 Beschäftigten nicht über dem französischen Durchschnitt.

In der Gesamtbevölkerung kommen laut dem französischen Gesundheitsforschungsinstitut INSERM auf 100'000 Menschen 17,1 Selbstmorde pro Jahr; bei Männern zwischen 35 und 65 Jahren sind es demnach zwischen 30 und 40 auf 100'000 Menschen. (bru)

Erstellt: 14.09.2009, 13:52 Uhr

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14 Kommentare

Roland Di Dario

15.09.2009, 09:53 Uhr
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@ Dieter Wundrig - Genau so ist es! Und nicht zu vergessen die jungen Menschen, u.a. auch Anfang 40,. die an einem 'plötzlichen Herzversagen' sterben. Kenne deren 2 junger Männer, die diesen Sommer und vor 2 Jahren in genau diesem Alter gestorben sind. Beide dauernd im Stress bei der Arbeit - und sicherlich auch privat (diesen Rhythmus kann man schwer stoppen!). Traurig, aber leider Realität! Antworten


Sibylle Weiss

14.09.2009, 22:30 Uhr
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Eine Versetzung, ein neuer Chef od.neue technische Mittel sind als solche noch kein Grund für ein Suizid.Da muss mehr im Spiel gewesen sein! Antworten


Dieter Wundrig

14.09.2009, 18:31 Uhr
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Also, nur nach Frankreich brauch man wirklich nicht zu starren um über Mobbing,Überlastung und Arbeitslosigkeit zu schreiben.Dieses Übel grassiert in unmittelbarer Nähe, es wird nur nicht über den wahren Grund eines Selbstmordes geredet oder geschrieben.Was sind persönliche Probleme?Diese entstehen eben oftmals am Arbeitsplatz und werden dann in die Familien getragen. Antworten


Christian Cunier

14.09.2009, 16:43 Uhr
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Der Hintergrund: Ein massloser, vermutlich durch die rasante Informatik-Technologie ausgelöster Machbarkeitswahn beherrscht unsere Gesellschaft. Viele der heute Tonangebenden protestierten einst (1968) gegen die "Leistungsgesellschaft", heute fordern sie, nach ihrem bequemen Start, unrealistische "Exzellenz" von den Andern, ohne Rücksicht auf menschliche Gegebenheiten (auch in der Bildung). Antworten


peter Bering

14.09.2009, 16:04 Uhr
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"Rechnerisch liegt die Zahl der Suizide in dem Konzern mit 100'000 Beschäftigten nicht über dem französischen Durchschnitt." Warum ist diese Sache dann überhaupt interessant?? Antworten


Jack Welti

14.09.2009, 15:58 Uhr
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@Dino Schön: Danke für Ihr Statement. Sie bringen es genau auf den Punkt. Das ist leider die traurige Realität nicht nur im 'fernen' Frankreich... Antworten


Dino Schön

14.09.2009, 15:43 Uhr
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"Ab sofort sollen alle Betriebsärzte psychisch labile Mitarbeiter melden". Um ihnen zu helfen? Nein, damit man sie schnellstmöglich aus der Firma entsorgen kann. Wenn sie sich dann umbringen, völlig egal. Hauptsache der Konzern steht "sauber" da. So läuft das heutzutage. Zynisch und zutiefst Menschenverachtend bis zum bitteren Ende... Antworten


Roland Di Dario

14.09.2009, 15:29 Uhr
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@ johann stirni - Ja, da haben Sie schon (zum Teil) Recht. Dennoch - diese Leute bringen sich ja noch während ihres Angestelltenseins bei der Telecom um. Warum nicht zuerst einen Job suchen und dann allenfalls eine Beratung in Erwägung ziehen? Warum muss man denn gleich aufgeben und die Flinte ins Korn werfen? Bin sicher, man kommt zur Einsicht, dass es Auswege gibt - für etwelche Lebenssituation! Antworten


Cedric Egger

14.09.2009, 15:23 Uhr
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ja Herr Strini, sie sind ja witzig. Wissen Sie wieviele Leute sich heute gar nicht erst ein Auto und Eigenheim leisten können? Auf der anderen Seite haben Sie recht, das die Zeiten der Vollbeschäftigung vorbei sind. Das Problem ist doch, dass das ganze System zuviel Geld frisst. Die Kosten zu Hoch sind. Energie, Wohnen, "Gesundheit". Grundlegende Verbesserungen zu Gunsten des Volkes sind nötig. Antworten


Jack Welti

14.09.2009, 15:21 Uhr
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Tja, das ist der Preis für immer neue 'Optimierungsrunden', immer mehr Leistungsdruck. Die Profiteure sonnen sich im Leid der Betroffenen. Warum wehrt sich das Volk nicht? Antworten


johann stirni

14.09.2009, 15:02 Uhr
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arbeit ist heute grösstenteils der wichtigste inhalt des lebens. sozialkontakte werden heute hauptsächlich bei der arbeit geknüpft. eigenheim, auto, ferien müssen bezahlt werden. bei verlust gehen heute vielen leuten diese wertvorstellungen über alles, das eigentliche leben als solches nimmt man nicht mehr wahr. die zeiten der vollbeschäftigung sind vorbei. das ist unsere grosse chance. Antworten


Peter Piller

14.09.2009, 14:50 Uhr
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Es spricht ja an und für sich nichts gegen Optimierungsprozesse und Effizienzsteigerungen - solange diese realistisch von den Mitarbeitenden mitgetragen werden können. Aber meine eigene Erfahrung zeigt, dass die Hauruck-Methoden des Managements manchmal soweit praktiziert werden, so dass diese von den Mitarbeitenden erstens nicht (logisch) nachvollzogen werden können, noch kapazitätsmässig. Antworten


Tom Kuhn

14.09.2009, 14:46 Uhr
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Einige Neo-Liberalisten würden sowas gerne todschweigen. Jetzt können sich die Statistiker austoben, jedoch stellt sich die Frage, wofür der Mensch arbeitet. Ängste, zu wenig Lohn wobei mehr Arbeitsbelastung sind einige Stichwörter für eine Fehlentwicklung. Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit existieren immer noch, wobei alles zu kippen droht. Superreiche vs. Verlierer der Gesellschaft! Antworten


Dragan Pilic

14.09.2009, 14:13 Uhr
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Der stetig steigende Druck am Arbeitsplatz mag gut sein für den Bonus des Chefs, aber sicher nicht für die Menschen, die Mitarbeiter. Davon können auch Mitarbeiter der UBS und anderer 'gewinnoptimierter' Konzerne ein Lied singen... Selbstmord ist da nur eine Facette. Drogenkonsum, Ausraster, psychische Belastung treibt viele unschöne Blüten! Antworten



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