«Snowden müsste Marc Richs Geschichte studieren»

Marc-Rich-Biograf Daniel Ammann spricht über die letzte Begegnung mit dem heute verstorbenen Rohstoffhändler, familiäre Tragödien und US-Agenten, die Rich per Heli aus der Schweiz holen wollten.

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Herr Ammann, wann hatten Sie zum letzten Mal Kontakt mit Marc Rich?
Vor ein paar Wochen telefonierten wir noch. Obwohl er schon länger etwas angeschlagen wirkte, schien es ihm den Umständen entsprechend gut zu gehen. Wir trafen uns Ende Februar in St. Moritz, und er fuhr noch Ski. Das war wirklich erstaunlich, denn beim Laufen hatte er je nach Tagesform etwas Mühe. Marc Rich war bis zuletzt sportlich tätig, er spielte auch Tennis.

Wie wurde Marc Rich in der Zentralschweiz als Privatmann wahrgenommen?
Alle kannten ihn natürlich. Seit der Begnadigung durch den damaligen Präsidenten Bill Clinton gab es auch ein etwas neues Bild von ihm. Zwar wurde er von der politischen Linken immer hart kritisiert. Da gab es aber auch die Seite des Mäzens, der sich mit seinen Stiftungen sozial und kulturell engagierte, zum Beispiel beim KKL in Luzern oder bei den Médecins sans Frontières.

Die Kritik an ihm und seinen Geschäften riss aber nie ab. Was fing er damit an?
Er sagte mir einmal: «Das habe ich schon so oft gehört, ich bin immun.» Marc Rich hat sich auch so verhalten, er war sehr selbstbewusst. Ich denke aber, dass ihn gewisse Kritik schliesslich doch mehr traf, als er nach aussen zugab.

Hat er überhaupt Schweizer Medien konsumiert?
Das weiss ich nicht. Er konnte zwar schon Deutsch, wir haben aber immer Englisch miteinander gesprochen.

Dann musste er sich die Kritik in den angelsächsischen Wirtschaftsmedien anhören…
…wobei man hier unterscheiden muss. Die britische Presse hat ihn vielmehr als Geschäftsmann und mit seinem unternehmerischen Erfolg wahrgenommen. Ganz im Gegensatz dazu die amerikanische Presse, in welcher der Grundton immer sehr negativ war. Man hat ihm das sehr übel genommen, dass er mit iranischem Öl gehandelt hatte.

In den 80er-Jahren verlangten die USA sogar seine Auslieferung. War er seit seiner Flucht in den 70er-Jahren jemals wieder in den Staaten?
Nein. Trotz der Begnadigung durch Bill Clinton hatte er Angst, dort verhaftet zu werden. Er bewegte sich – wenn er die Schweiz verliess – immer äusserst vorsichtig. Die ganze Geschichte hat sogar einen sehr aktuellen Zusammenhang. Edward Snowden müsste Richs Geschichte studieren.

Sie meinen, wie man sich vor dem langen Arm Uncle Sams versteckt?
Ja. Die Amerikaner schienen in den 80er-Jahren zu fast allem bereit, um Marc Rich zu schnappen. Das ging sogar so weit, dass sie zwei Agenten des sogenannten Marshall-Service in die Schweiz schickten, um dessen Entführung vorzubereiten. Die beiden klärten sogar ab, ob bei Richs Haus ein Helikopter landen könnte.

Damit hätten die Amerikaner aber eine schwere diplomatische Krise ausgelöst.
Eben. Und darum kam es auch nie zu dieser Kommandoaktion. Jemand aus dem US-Aussendepartement warnte die Schweiz heimlich davor – und verpfiff damit gleichzeitig das federführende US-Justizdepartement.

Das tönt wie im spannendsten Krimi.
Das war sein Leben in gewissem Sinne auch. Marc Rich hatte ja einen persönlichen Sicherheitsberater, einen ehemaligen Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad. Dieser warnte ihn zum Beispiel einmal vor einer Reise nach Moskau, weil er sie als Falle erkannte. Ein weiteres Mal entging er dem Zugriff der USA in London nur durch Glück, weil sein Flugzeug wegen schlechten Wetters wieder umkehrte.

Wie konnte sich Marc Rich unter diesen Umständen überhaupt bewegen?
Er flog nicht mit Linienflugzeugen, weil er dann erkannt worden wäre. Meist mietete er bei Businessjet-Anbietern Maschinen. In die Hotels checkte er unter falschem Namen ein. Einigermassen frei bewegte er sich nur in Spanien und Israel, wo er die Staatsbürgerschaft hatte und wusste, dass man ihn nicht ausliefern würde, sowie in der Schweiz, wo sein Wohnsitz war.

Marc Rich war ein Workaholic, wie immer wieder zu hören war. Trotzdem hatte er auch Familie. Wie brachte er das zusammen?
Das war schwierig. Er war zweimal geschieden, hatte drei Töchter und in der vollen Blüte seiner Schaffenskraft praktisch keine Zeit für seine Angehörigen. Es gibt da diese Anekdote, wonach er seiner Frau Denise Rich – als sich diese über mangelnde Familienzeit beschwerte – einmal sagte, er habe für sie am Samstag 30 Minuten und am Sonntag 45 Minuten Zeit. Den familiären Tiefschlag erlebte er sicher mit seiner Tochter, die in den USA an Krebs starb. Die USA gewährten ihm kein freies Geleit zu ihrer Beerdigung. Wann immer später die Rede davon war, hatte er Tränen in den Augen.

Die Schweiz hat ihn quasi vor dem Zugriff der Amerikaner geschützt. Was bedeutete ihm das?
Er sagte einmal in Deutsch mit seinem englischen Akzent: «Die Schweiz hat sich vor den USA nicht verbeugt.» Ich glaube, er hat das geschätzt.

In der Schweiz wird trotzdem immer das zwiespältige Bild Marc Richs verbleiben. Wie sehen Sie sein Vermächtnis?
Die Karriere ist und bleibt herausragend, wenn man bedenkt, dass er in einer Zuger Wohnung mit ein paar Kollegen ins Geschäft eingestiegen war und was daraus wurde. Er war ein Pionier der Globalisierung und hat den Welthandel revolutioniert. Mit Glencore, Xstrata und Trafigura gehen drei der weltgrössten Rohstofffirmen auf diese Wurzeln zurück. Aber da sind natürlich diese Geschäfte mit von den USA boykottierten Ländern wie dem Iran und Südafrika, die den Argwohn der internationalen Gemeinschaft weckten und die zur Anklage in den USA führten. Meines Wissens ist er aber nie verurteilt worden. Kam hinzu, dass seine Firma diese Geschäfte legal abwickeln konnte, weil sich damals die Schweiz nicht an diesen Boykotten beteiligte.

Moralisch wurde er allerdings weitherum verurteilt.
Das ist so. Vielleicht liegt auch hier, in diesem Zwiespalt, ein grosser Teil der Geschichte von Marc Rich. Er arbeitete quasi als Mittelsmann für viele Regierungen, die der Öffentlichkeit etwas sagten und im Hintergrund das Gegenteil davon taten. Zum Beispiel, indem er von den Iranern Öl kaufte und dieses an Israel weiterverkaufte. Beide Regierungen wussten das, und für beide Regierungen wäre das offiziell ein absolutes No-go gewesen. Aber aus Opportunitätsgründen gingen sie auf den Deal ein. Zwischendrin stand Marc Rich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.06.2013, 14:08 Uhr)

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«In die Hotels checkte er unter falschem Namen ein»: Daniel Ammann schrieb 2010 die Rich-Biografie «King of Oil».

«King of Oil. Marc Rich. Vom mächtigsten Rohstoffhändler der Welt zum Gejagten der USA», erschienen 2010 im Verlag Orell Füssli.

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