«So kostet das Glasfasernetz zwei bis drei Milliarden Franken mehr»

Die Telecombranche ringt um das Netz der Zukunft. Heutige Entscheide können den Wettbewerb auf Jahre hinaus prägen. Sunrise-Chef Christoph Brand erklärt, wie er sich sein Stück vom Kuchen sichern will.

Glasfasernetze: Sunrise-Chef Christoph Brand bevorzugt Zusammenarbeit mit Elektrizitätswerken.

Glasfasernetze: Sunrise-Chef Christoph Brand bevorzugt Zusammenarbeit mit Elektrizitätswerken.
Bild: Keystone

Christoph Brand

Christoph Brand ist seit November 2006 Chef von Sunrise. Zuvor war er ein Jahrzehnt lang für die Swisscom tätig – erst als Projektmanager, dann als Chef von Bluewin, zuletzt als Strategiechef. Der 40-Jährige studierte Betriebswirtschaft an der Uni Bern. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. (aba)

Im Streit um das Telecomnetz der Zukunft kämpfte Sunrise an der Seite des Stadtzürcher Elektrizitätswerks (EWZ). Seit Anfang Oktober ist bekannt, dass sich die Swisscom durchgesetzt hat. In der ganzen Schweiz sollen vier Glasfasern pro Haushalt verlegt werden – und nicht nur eine. Sehen Sie sich als Verlierer?
Nein. Ich sehe die Volkswirtschaft, die Konsumenten und die Gemeinden potenziell als Verlierer. Die Durchschnittskosten pro Anschluss werden steigen. Profitieren wird vor allem die Swisscom.

Wir dachten, die branchenweite Einigung sei zur Zufriedenheit aller?
Wir haben ein paar wirklich gute Grundsätze beschlossen. Erstens: Glasfasernetze sollen nicht parallel gebaut werden, um die Kosten tief zu halten. Zweitens: Es gibt ein einheitliches Steckerformat. Drittens: Elektrizitätswerke und Swisscom haben versprochen, den Diensteanbietern zwei verschiedene Zugriffsformen auf das Netz zu gewähren – zu nicht diskriminierenden Konditionen. Grundsätzlich ist das alles sehr gut.

Aber?
Wir werden sehen, ob die Grundsätze auch in die Realität umgesetzt werden. Teure Doppelspurigkeiten wird es wohl trotzdem geben. Nun kann man argumentieren, dass ein politischer Kompromiss in der Schweiz nie gratis ist. So, wie im Moment gebaut wird, kostet das Glasfasernetz zwei bis drei Milliarden Franken mehr. Falls das der politische Preis ist, nehme ich das zur Kenntnis. Ich möchte mir später nur nicht vorwerfen lassen, nicht auf die Mehrkosten hingewiesen zu haben.

Marc Furrer, Chef der Kommunikationskommission, sagt, die Mehrkosten für vier Fasern seien vernachlässigbar. Ist Furrer zu blauäugig?
Sicher nicht, aber der Teufel steckt im Detail. Man kann auf verschiedene Arten mehrere Fasern ziehen. Je nachdem steigen die Kosten um 30 bis 50 Prozent.

Ist sich Furrer dessen bewusst?
Natürlich. Darum sagt er ja auch: Wir wollen einen Parallelbau vermeiden. Für uns ist aber ein anderer Punkt der Einigung wichtiger: Nämlich dass alle Anbieter über zwei verschiedene Zugangsformen auf das Netz zugreifen können. Entweder die Anbieter überlassen Teile des Netzbetriebs und Datentransports der Swisscom und den EW. Oder sie bauen wie bei der Letzten Meile selbst Elektronik in den Ortszentralen auf, und nehmen damit alles selbst in die Hand. Die Swisscom und die EW haben zugesichert, dass vor allem bei der zweiten Variante kein Anbieter diskriminiert werden darf.

Was heisst das genau?
Streng genommen würde das bedeuten, dass Sunrise gleich viel zahlen würde, wie die EW der Swisscom verrechnen – oder die Swisscom intern sich selbst. Für uns wäre das ein Meilenstein.

Wäre? Sie trauen der Sache nicht?
Bis jetzt sind es nur unverbindliche Versprechen. Darum werden wir der Swisscom und den Elektrizitätswerken in den kommenden Tagen Briefe schicken und Garantien einfordern.

Und was fordern Sie?
Wir wollen eine schriftliche Bestätigung dessen, was uns versprochen wurde: dass wir in den Ortszentralen Zugang zum Glasfasernetz erhalten und dort unsere eigene Elektronik installieren können. Gleichzeitig wollen wir eine Offerte für die andere Variante – falls wir einen Teil des Betriebs der Swisscom und den EW überlassen. Über die Preise wird es in beiden Fällen sicher eine lange Diskussion geben. Ebenso zur Frage: Was heisst nicht diskriminierend? Werden alle gleich diskriminiert, mit Ausnahme desjenigen, der baut? Oder heisst es: Alle erhalten die gleichen Konditionen, wie sie sich die Swisscom selbst gewährt? Das wird eine spannende Diskussion werden.

Was passiert, wenn man sich beim Preis nicht einigen kann?
Das ist der entscheidende Punkt: Kann es sich die Schweiz leisten, bei einer zentralen Infrastruktur wie dem Telecomnetz die Entwicklung einfach laufen zu lassen? Unseres Erachtens muss die Kommunikationskommission ein Instrument erhalten, um eingreifen zu können, falls ein Unternehmen den Markt beherrscht und diese Stellung missbraucht.

Dazu braucht es ein neues Fernmeldegesetz. Eine Revision dauert aber mindestens drei bis fünf Jahre.
Ein Grund mehr, sofort damit anzufangen. Sunrise hat einen langfristigen Horizont. Darum investieren wir auch in den nächsten drei Jahren 500 Millionen Franken in den Mobilfunk. Unsere Investitionsquote beträgt im ersten Halbjahr übrigens 35 Prozent – gemessen am Gewinn vor Steuern.

Die Einigung hat für Sunrise auch Vorteile. Nur dank dem Vierfasermodell erhalten Sie die Chance, selber Elektronik aufzustellen. Das ist für grosse Anbieter attraktiv.
Da haben Sie Recht. Wir sind nach wie vor der Ansicht, das vom EWZ vorgeschlagene Modell wäre aus volkswirtschaftlicher Optik besser gewesen. Aber die Swisscom hat sich geweigert, und für uns hat das den Vorteil, dass wir in eigene Elektronik investieren können. So sind wir später freier in der Gestaltung unserer Angebote.

Laut Schätzungen wird das Glasfasernetz zwischen sechs und zehn Milliarden kosten. Welchen Anteil davon wird Sunrise tragen?
Selbst das Wirtschaftsmagazin «Economist» bezeichnet das Glasfasernetz als öffentliche Infrastruktur. Die sechs bis zehn Milliarden beziffern die Kosten für die Basisinfrastruktur, daran wird sich Sunrise nur indirekt beteiligen, indem wir Mietpreise bezahlen. Stattdessen investieren wir in Elektronik, in tiefere Preise, in den Wettbewerb und in Produkte. Eine Summe kann ich natürlich nicht nennen.

Auch nicht ausgehend von den Erfahrungen mit der Letzten Meile?
Das Prinzip ist dasselbe: Wir mieten ein bestehendes Kabel und investieren in die Elektronik. Beim Kupferkabel wurde 2006 das Gesetz verabschiedet, 2007 war die Verordnung da, 2008 konnten wir im grossen Stil mit dem Bau beginnen. Ende Jahr werden wir 80 Prozent der Haushalte erschlossen haben. Wie viel und wie schnell wir ins Glasfasernetz investieren, hängt davon ab, wie rasch es gebaut wird.

Und davon, wie interessiert die Kunden an den Produkten sind.
Selbstverständlich. Das wiederum hängt massgeblich von der Preisgestaltung ab. Umso wichtiger ist es, dass die Infrastruktur nicht parallel gebaut wird. Jeden Franken, den das Netz zu viel kostet, zahlen die Konsumenten.

Es gibt keinen direkten Zusammenhang. Deutsche Anbieter zahlten 100 Milliarden für Mobilfunklizenzen, in der Schweiz waren es nur 50 Millionen. Trotzdem liegen unsere Mobilfunkpreise heute 60 bis 90 Prozent über dem EU-Niveau.
Bei den Preisen von Sunrise gilt das nicht mehr. Sie liegen heute im europäischen Durchschnitt. Aber warum ist das Mobilfunknetz in Deutschland weniger dicht als in der Schweiz? Weil das Geld für die Infrastruktur fehlte. Es steht nicht endlos Geld zur Verfügung – weder im Mobilfunk noch beim Glasfasernetz.

Die Stadtwerke von Basel, Bern, Genf, St. Gallen und Zürich haben sich auf einen gemeinsamen Standard für Glasfaserdienste geeinigt. Wie wichtig ist dieser Schritt?
Er ist zwingend. Vor allem kleinere Anbieter sind nicht in der Lage, sich mit mehreren Standards auseinanderzusetzen, wenn sie ihre Dienste in mehreren Städten anbieten wollen.

Werden Sie Ihre Dienste über die Netze der EW anbieten, bloss um der Swisscom eins auszuwischen?
Wir begrüssen die Investitionen der Elektrizitätswerke sehr, weil wir dadurch eine Alternative zur Swisscom erhalten. Deshalb sind wir daran interessiert, ihnen möglichst viel Datenverkehr zuzuführen. Wenn Preis und Service der EW nicht von der Swisscom abweichen, werden wir sie tendenziell bevorzugen.

Und wenn die EW mehr verlangen?
Der Entscheid muss letztlich immer ein betriebswirtschaftlicher sein. Wenn uns ein Kunde sagt, dass er zu uns kommt, solange wir gleich gut sind wie die Konkurrenz, dann freut uns das extrem. Einem solchen Kunden würden wir nie zumuten, dass er mehr bezahlen muss.

Sie erwarten von den EW also ein günstigeres Angebot?
Ich würde nicht sagen günstiger: Für uns ist selbstverständlich, dass wir Preise zahlen, welche die Kosten decken und eine vernünftige Rendite erlauben. Wir werden aber auf jeden Fall auch mit der Swisscom intensive Geschäftsbeziehungen pflegen. Schliesslich wird es viele Regionen in der Schweiz geben, wo nur die Swisscom in Glasfasern investiert.

Wäre es da nicht einfacher, alles aus einer Hand zu beziehen?
Es wäre vielleicht einfacher – aber wäre es geschäftspolitisch richtig? Nein.

Aber wäre es nicht auch billiger?
Die Swisscom hat nicht gerade den Ruf, ihre Produkte günstig anzubieten.

Technisch ist es kein Problem, in Bern mit dem EWB zu arbeiten und in Thun mit der Swisscom?
Dort, wo wir unsere eigene Elektronik aufstellen, spielt das keine Rolle. Und das wird längerfristig im Vordergrund stehen. Ansonsten sind wir darauf angewiesen, dass sich die EW an den gemeinsamen Standard halten.

Werden sich die Investitionen für die Elektrizitätswerke jemals lohnen?
(zögert lange) Es kommt sehr darauf an, wie die Netze gebaut werden und wie die Vereinbarungen mit der Swisscom aussehen. Es gibt Szenarien, bei denen sich die Investitionen für die EW sehr wohl rechnen. Etwa, wenn das EW baut und die Swisscom eine Faser mietet – vorausgesetzt, es werden nicht zu viele Kabel parallel verlegt. Es gibt aber auch den anderen Fall. In Dänemark beispielsweise war der Abschreibungsbedarf riesig.

Zusammengefasst kann man sagen: Sunrise will in den kommenden Jahren stark investieren. Von einer Drosselung der Ausgaben oder gar einem Rückzug aus der Schweiz ist somit keine Rede?
Solche Gerüchte gab es immer wieder – aber wir haben uns nie in dieser Richtung geäussert. Und die entsprechenden Behauptungen wurden unterdessen durch unser Handeln widerlegt.

Hat nicht auch intern ein gewisser Strategiewechsel stattgefunden?
Ja, das stimmt. Entgegen allen Unkenrufen konnten wir unsere Eigentümer überzeugen, dass diese Investitionsoffensiven nötig sind. Wir sind überzeugt, dass der Erfolg kommt, wenn wir weiterhin investieren. Aber dazu muss es wieder attraktiv werden, in der Schweiz zu investieren.

So schlimm kann es nicht sein, sonst würden Sie kaum 500 Millionen in das Mobilfunknetz investieren.
Ja, sicher. Aber was sind schon 500 Millionen, wenn Milliardeninvestitionen ins Glasfasernetz oder in die vierte Mobilfunkgeneration anstehen. Solange die Swisscom den Markt derart beherrscht, sind solche Kosten für uns nicht tragbar.

Sunrise hat in den letzten Monaten viel Geld in die Entbündelung des Kupferkabels gesteckt. Zahlt sich das überhaupt noch aus?
Selbstverständlich. Wir wollen sogar noch mehr in die Entbündelung von Kupferleitungen investieren. Bis die Schweiz flächendeckend mit Glasfasern ausgerüstet ist, vergehen noch viele Jahre.

Glasfasernetze: Sunrise-Chef Christoph Brand bevorzugt Zusammenarbeit mit Elektrizitätswerken. Foto: Vinicio Barreno

Glasfasernetze: Sunrise-Chef Christoph Brand bevorzugt Zusammenarbeit mit Elektrizitätswerken. Foto: Vinicio Barreno

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2009, 04:00 Uhr

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