Wirtschaft

So setzt die SNB ihr Kursziel durch

Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 08.09.2011 24 Kommentare

Wie greift die Schweizerische Nationalbank in den Frankenkurs ein? Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet beispielhaft aus dem Maschinenraum einer skandinavischen Nationalbank.

1/7 Die Mechanik hinter Deviseninterventionen – aus dem Maschinenraum der Nationalbank: SNB-Emblem über dem Eingangstor und die Wartung von Dampfmaschinen.

   

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Die Situation der Schweizerischen Nationalbank ist delikat: Auf Biegen und Brechen muss sie nun die Untergrenze des Frankens zum Euro verteidigen. Dabei darf sie sich nicht in die Karten schauen lassen. Nur so biete sie Spekulanten weniger Angriffsfläche. Deshalb hat sich Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei einer anderen Zentralbank in Europa umgehört, um hinter die Kulissen zu blicken.

Ein passendes Beispiel wäre Dänemark, das für die Dänische Krone nicht nur eine Untergrenze festgesetzt hat wie die Schweizerische Nationalbank für den Franken. Sie hat die Landeswährung sogar fest an den Euro gebunden. Dieses fixe Währungsband muss aufrechterhalten und verteidigt werden. Den technischen Ablauf und die Stolpersteine dabei erklärt ein skandinavischer Nationalbankhändler im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Börsenfunktion der Banken

Am Anfang steht die Entscheidung des Nationalbank-Gremiums. Das ist ein interner Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann interveniert sie möglicherweise im Devisenmarkt, sodass sich der nationale Währungskurs gegenüber einer Fremdwährung nicht mehr bewegt – oder eben nur in eine Richtung.

In so einem Fall greift ein Händler der Nationalbank zum Hörer und tritt mit herkömmlichen Geschäftsbanken in Kontakt. Meist wendet sich der Händler an die grösste Geschäftsbank im jeweiligen Währungsmarkt. Für den Schweizer Franken ist das die UBS. Die Deutsche Bank und die UBS gehören im Übrigen zu den grössten Fremdwährungshändlern der Welt. Einige grosse Geschäftsbanken ihrerseits halten sich über eine Art «Market Agreement» daran, einen Kurs zu stellen, zu dem sie bereit sind, die Währung zu handeln. Das heisst, sie treten als Marktmacher auf. Sie sind die sogenannten Primärdealer im Auftrag Dritter, die den Markt und den Preis bilden und dadurch eine Art Börsenfunktion erfüllen. Angebot und Nachfrage formen letztlich den Preis für die Währung – also den Kurs, zu dem die Währung notiert.

Eine Nationalbank ist kein gleichrangiger Player unter den Geschäftsbanken. Deshalb kann sie auch punktuell in den Markt gehen und entweder einen Preis ausrufen, zu dem sie Währungsbestände kauft oder verkauft, oder ihre Bereitschaft signalisieren, Währungen zum von den Geschäftsbanken ausgegebenen Kurs zu handeln. Der Markt wird also von den Geschäftsbanken gewährleistet, die Nationalbank ist nur ein Kunde, wenn auch ein bedeutender.

Elektronischer Handel

Oft reicht ein Anruf der Nationalbank bei einer Geschäftsbank. Die Notenbank sagt, sie sei bereit, eine konkrete Menge von Franken zum Kurs von 1.20 zu handeln. Diese Information wird in den Markt weitergegeben. Der Markt sieht sich das «Angebot» an und bewertet dies. Die zweite Variante ist, nicht einen Händler einer Bank per Telefon anzurufen, sondern direkt im elektronischen Devisenmarktmarktsystem den Wert einzugeben und so an die Marktteilnehmer zu übermitteln: Und zwar die gehandelte Menge und den Kurs. Zwei elektronische Systeme kommen weltweit im Devisenhandel primär zum Einsatz: die Softwaresysteme Reuters Dealing und FX All.

Spiel mit Erwartungen

Oft reicht es aber auch, dass die Nationalbank den gewünschten Preis nur bekanntgibt, ohne zu handeln, und der Markt reagiert. Sei es, dass die Händler den Marktwert so übernehmen und die Banken die Währung zum ausgerufenen Kurs untereinander handeln, ohne dass die Zentralbank konkret Handlungen vornimmt. Oder die Notenbank tritt tatsächlich in den Handel mit den Geschäftsbanken ein und kauft oder verkauft Währungen. Kurz gesagt: Die Notenbank hat auch einen gewissen Spielraum, mit den Erwartungen im Markt zu spielen, ohne dafür selbst Geld in die Hand nehmen zu müssen. Hintergrund für das Vertrauen, das die Geschäftsbanken der Nationalbank entgegenbringen, sind die Glaubwürdigkeit der Institution, die politische Macht, die dahintersteht, und die Möglichkeit, die Gelddruckmaschine anzuwerfen. Wenn die Nationalbank über das elektronische System in den Markt geht, dann ist sie gezwungen, konkret zu handeln, dann reicht das Wort allein nicht.

Spekulanten-Abwehr

Der Markt kann die Glaubwürdigkeit der Nationalbank auch testen. Weil Währungen rund um die Uhr gehandelt werden, müssen die Händler der Notenbank rund um die parat stehen. Ein elektronisches System kann da nicht Wache schieben und selbständig eingreifen. So ein 24-Stunden-Betrieb ist insbesondere dann wichtig, wenn es sich bei der Lokalwährung um eine international gefragte und beachtete Währung handelt. Das ist der Schweizer Franken mehr als die Dänische Krone. Deswegen hat die Dänische Nationalbank im Gegensatz zur Schweizerischen einen solchen «Schichtdienst» nicht.

Dazu ist wichtig zu wissen, dass der Währungshandel mit Franken aus zum Beispiel dem Real heraus nicht direkt verläuft. Es wird also nicht aus so einer Währung direkt gegen mit Franken gehandelt oder spekuliert. Der brasilianische Händler muss den Umweg über den Euro oder den Dollar gehen.

Leitwährungen als Puffer

Gehandelt wird in der Regel immer über eine der zwei Leitwährungen, den US-Dollar oder den Euro, insbesondere bei grossen Summen. Das heisst: Will der brasilianische Spekulant Schweizer Franken kaufen, muss er vorher brasilianische Real verkaufen, dafür Euro kaufen und diese dann gegen Schweizer Franken eintauschen. Das ist fast so etwas wie ein Puffer, weil ein Handelsschritt zwischengeschaltet ist. Daraus können sich auch gravierende Marktbewegungen ergeben. Die Abwicklung der Währungsgeschäfte erfolgt in der Regel immer über die liquidesten Devisenmärkte. Und das sind nun einmal diese beiden Währungen. Hinzu kommt, dass bei liquideren Währungen auch die Transaktionskosten geringer sind.

Gefahr verfehlter Kursziele

Gefährlich wird es dann, wenn eine Zentralbank ein fixes Kursziel ausspricht, das nicht mit den Fundamentaldaten der Wirtschaft eines Landes übereinstimmt. Sprich: wenn der Frankenkurs bei 1.20 fixiert werden würde und nicht die Untergrenze wäre. Wenn sich herausstellt, dass der Kurs bei 1.40 eher der Wirtschaftsleistung entspricht, dann entstehen um das Level von 1.20 herum starke Ausschläge, die die Notenbank per Intervention ständig korrigieren muss. Das ist unter diesen Umständen nur schwer durchzuhalten, und das Kursziel müsste von der Notenbank früher oder später aufgegeben werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.09.2011, 11:20 Uhr

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24 Kommentare

Hampi Rick

08.09.2011, 11:50 Uhr
Melden 86 Empfehlung

Wer seine Währung aufgibt, gibt seine Identität auf. So lange Griechenland total pleite, Portugal nahezu pleite, Spanien fast pleite, Italien möglicherweise pleite, Frankreich bald pleite + die BRD zukünftig pleite ist, kann ein solcher Schritt der SNB nicht nachvollzogen werden. Unser starker Franken gegen künftigen Ramsch einzutauschen kann weder im Sinne der Politik noch der Unternehmer sein!! Antworten


Thomas Tschan

08.09.2011, 13:48 Uhr
Melden 30 Empfehlung

Zum Glück wurde die Narrenfreiheit geschaffen - so kommen all die Kommentierenden, die natürlich alles besser gewusst und gekonnt hätten, mit ihren intelligenten Äusserungen ungestraft davon. Man sollte sich aber dennoch gelegentlich vor Augen führen, dass es sich hier um eine komplexe Angelegenheit handelt, die sich nicht am Stammtisch lösen lässt. Antworten



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