Wirtschaft
So wird der Energieriese Alpiq umgekrempelt
Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 30.09.2011 6 Kommentare
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Der Rücktritt von Alpiq-Chef Giovanni Leonardi besiegelt die neue Ära der Schweizer Energiewirtschaft. Leonardi ist seit jeher als Hardliner in der Atomenergiedebatte bekannt. Brancheninsider meinen, seine Haltung sei für die Neuausrichtung des Konzerns nicht mehr tragbar gewesen.
Der Verwaltungsrat hat das in einem Communiqué weitaus diplomatischer formuliert. Darin heisst es, der Verwaltungsrat danke Leonardi für seinen «massgeblichen Beitrag bei der Zusammenführung von Atel und EOS» zum Energiekonzern Alpiq. (ALPH 155.8 -0.26%)
Dreiervorschlag erwartet
Ob Leonardi nun aus eigenen Stücken den Hut nimmt oder vom Verwaltungsrat dazu gedrängt wurde, der derzeitige interimistische Alpiq-Chef und amtierende Verwaltungsratspräsident Hans Schweickardt besteht im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet darauf, dass Leonardi die Entscheidung selbst getroffen habe. Schweickardt werde zumindest so lange im Amt bleiben, bis ein Nachfolger für Leonardi gefunden wurde. «Wir suchen intern und extern nach einem Nachfolger. Ich erwarte eine Shortlist von zwei bis drei Kandidaten. Der Auftrag dazu muss aber erst erteilt werden.»
Bernhard Piller, Projektleiter bei der Schweizerischen Energiestiftung SES, vermutet hingegen andere Gründe für den plötzlichen Abtritt des Alpiq-Chefs. Vielmehr habe dessen auffallend stures Festhalten am Atomstrom der notwendigen Neuausrichtung des Konzerns im Weg gestanden. «Selbst Axpo-Chef Heinz Karrer hat mehr Flexibilität in der Atomsausstiegsdebatte bewiesen als Leonardi. Karrer ist Ökonom und macht am Ende des Tages das, was sich rentiert», attestiert Piller dem Axpo-Chef mehr Pragmatismus. Und auch BKW-Geschäftsführer Kurt Rohrbach sei anpassungsbereiter als der zurückgetretene Alpiq-Chef, der seine betonte Pro-Atom-Haltung nicht aufzugeben bereit gewesen wäre.
Energiekonzerne stellen sich neu auf
Nach dem Rücktritt Leonardis dürfte sich der Bundesrat noch ein Stück weit leichter tun, die Energiewirtschaft vom Atomausstieg zu überzeugen. Die Pläne sehen einen Atomausstieg bis zum Jahr 2035 vor. Eine Volksinitiative der Grünen plädiert sogar für einen noch früheren Ausstieg im Jahr 2029. Die Bevölkerung muss dazu noch befragt werden. Doch die Energiewende ist unweigerlich auf Schiene, die Energiekonzerne krempeln deshalb bereits ihre Geschäftsmodelle um.
Besonders bei Alpiq geht es deshalb turbulent zu: Im August hat das Unternehmen mitgeteilt, seine Bücher zu prüfen. In wenigen Wochen soll der Verwaltungsrat über die Früchte der vertieften Prüfung abstimmen, so Schweickardt. «Es geht um eine Neuausrichtung, welche Geschäftgebiete wir weiter bearbeiten und auf welche wir uns weniger konzentrieren wollen. Dazu gehören auch Firmenverkäufe.» Für die Unternehmenstochter Alpiq Anlagentechnik (AAT) gebe es bereits mehrere konkrete Interessenten, so Schweickardt. In den nächsten drei Monaten soll der Verkauf unter Dach und Fach gebracht werden.
Für Piller ist der angekündigte Stellenabbau zum Grossteil auch Strategie. «Das ist eine Drohgebärde, um allfällige Forderungen an die Politiker durchzusetzen. Immerhin sind die Kassen der Energiekonzerne voll.» Tatsächlich verfügte Alpiq per 31.12. 2010 laut Konzernbericht über liquide Mittel in der Höhe von 1,31 Milliarden Franken. Axpo weist mit Abschluss des Geschäftsjahres 2009/10 einen Cashflow von 685 Millionen Franken aus. Der SES-Projektleiter sieht demnach keinen Grund für einen Stellenabbau bei den Energiekonzernen, weil etwa das Geld fehlen würde. Zumal neue Aufgaben für die Belegschaft wegen einer Neuausrichtung des Konzerns nicht zwingend Kündigungen nach sich ziehen müssen.
Euro-Probleme
Einige Dienstleistungen im Ausland könnten laut Schweickardt auch gebündelt werden. Das habe sofort Auswirkungen auf das Stammhaus in der Schweiz: «Einer Neuausrichtung kann ein Stellenabbau folgen.» Wie viele Stellen abgebaut werden könnten, kann Schweickardt nicht sagen: «Es sind noch keine Entscheide gefallen. Eine unklare Informationen würde die Belegschaft unnötig verunsichern.»
Im Unterschied zu seinem Vorgänger arbeitet er besonders intensiv auf eine fundamentale Neuausrichtung des Konzerns hin, «weil andere Zeiten angebrochen sind». Fukushima, die neue Energiepolitik der Schweiz und das «Euro-Problem» beschäftigen Alpiq derzeit am meisten. «Wir sind in der Eurozone stark engagiert.» Derzeit ist Alpiq in 30 Ländern aktiv. «Wir werden überlegen, ob wir weiterhin in all diesen Ländern aktiv bleiben», fasst die Firmenführung auch einen Teilrückzug ins Auge. Leonardis vorübergehender Nachfolger Hans Schweickardt ist dafür der Mann der Stunde.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.09.2011, 16:03 Uhr
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6 Kommentare
Die Alpiq-Manager können sich beim Parlament bedanken, dass dieses so zügig den Atomausstieg beschlossen hat. Wäre dieser Entscheid noch länger angestanden, hätte Aplpiq auf dem eingeschlagenen Atompfad wohl noch viel Geld die Aaare runter geschickt. Antworten
Die Eurokrise trifft Alpiq also überraschend. Interessant. Ist es möglich, dass man zu wenig diversifiziert aufgestellt war, oder einfach bis zum St. Nimmerleinstag damit gerechnet hat, den Atomstrom in die EU verkaufen zu können? Wie üblich bezahlen die Indianer im Unternehmen den Preis für eine fehlerhafte Strategie. Positiv ist, dass der VR-Präsident wenigstens nun nach dem rechten sieht... Antworten
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