Spin-off-Maschine ETH

Über 300 Firmen sind bisher mit ETH-Technologie gegründet worden. Und wie robust sind sie nach ein paar Jahren?

ETH-Absolvent Keith Gunura hat mit seinem «stuhllosen Stuhl» gute Marktaussichten.  Foto: Sabina Bobst

ETH-Absolvent Keith Gunura hat mit seinem «stuhllosen Stuhl» gute Marktaussichten. Foto: Sabina Bobst

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«Finanzplan»? «Konkurrenzanalyse»? Bis vor einem Jahr waren das Worte, die den Informatiker Christian Brändli nicht sonderlich interessierten. Doch heute spricht der Jungunternehmer so versiert über Venture Capital und Business ­Cases, als ob er sich nie in einer anderen Welt bewegt hätte. «Wir müssen enorm schnell wachsen und Kapital aufnehmen, denn unsere Technologie wird in ein paar Jahren bereits wieder veraltet sein», sagt der Gründer von Insightness, einem Start-up für spezielle Kamera-Chips. Brändli möchte mit seiner Firma den Weltmarkt erobern und setzt für die Risikostrategie all seine Ersparnisse aufs Spiel. Er ist sich bewusst, dass er scheitern könnte, doch dazu sagt er nur: «Das, was ich bis jetzt gelernt habe, war bereits alles wert.»

Immer mehr Schweizer Hochschulabgänger wollen auf der Basis ihrer Forschungsresultate ein eigenes Unternehmen gründen. Das zeigt zum Beispiel der Start-up-Wettbewerb «Venture», der 2014 einen neuen Rekord an Anmeldungen verzeichnete: 239 Teams bewarben sich mit einer Businessidee, und weil der Andrang immer grösser wird, wird der Wettbewerb neu jährlich durchgeführt statt nur alle zwei Jahre. Auch die beiden ETH Lausanne und Zürich verzeichnen 2014 einen Höchststand: Insgesamt wurden 46 neue Firmen gegründet. An der ETH Zürich gab es 2014 besonders viele Spin-offs im Informatiksektor, gefolgt von Firmen im Bereich Elektrotechnik und Maschinenbau.

Informatik an erster Stelle

Experten sagen, dass sich die Situation für Jungunternehmer in der Schweiz in den letzten zehn Jahren extrem verbessert habe. «Es gibt mehr Förderprogramme für Hochschulabgänger, mehr Risikokapital, günstige Ausbildungskurse, aber auch ältere Unternehmer, die ihr Wissen zum Teil gratis weitergeben würden», sagt Gian-Luca Bona, Präsident der Stiftung Technopark, wo viele Start-ups angesiedelt sind.

Die ETH Zürich hat in einer internen Studie erfasst, wie es den Spin-offs seit der Gründung ergangen ist. Seit 1996 sind mehr als 300 Unternehmen aus der Hochschule hervorgegangen – zusammen haben die Firmen 2500 Stellen geschaffen und 2013 einen Umsatz von 585 Millionen Franken erwirtschaftet.

Bei der Befragung zeigte sich, dass erstaunlich viele Startups die Gründungsphase überstanden haben. «Die Überlebensrate in den ersten 5 Jahren beträgt 92 Prozent», sagt Silvio Bonaccio von der Technologietransferstelle der ETH Zürich. Grund für diese Robustheit ist nicht zuletzt, dass in der Schweiz Produkte eher konservativ entwickelt werden. «Man produziert etwas mit Hand und Fuss, erobert damit aber nicht einen Millionenmarkt», sagt Bona. Eine digitale Matte, um Druckstellen bei bettlägrigen Patienten zu messen, findet eher Investoren als jemand, der mit millionenteuren Sensoren den Weltmarkt erobern will. Im Start-up-Mekka USA sei es leichter, für eine verrückte Idee Geld zu finden, sagt Bona. In der Hoffnung auf einen durchschlagenden Erfolg werden dort viel mehr Firmen gegründet, deren Erfolgswahrscheinlichkeit aber auch deutlich geringer sei.

Wie viel wert ist ein Patent?

Die robusten ETH-Start-ups wachsen jedoch nicht alle zu grossen Firmen heran. Die Erhebung zeigt: Nur 10 bis 20 Prozent der Spin-offs pro Jahr werden zu erfolgreichen Unternehmen wie zum Beispiel der Sensorhersteller Sensirion – die Firma ging 1998 aus der ETH hervor und ist für viele der Jungunternehmer das grosse Vorbild. Der grössere Teil der Unternehmen bleibt klein und beschäftigt zwischen 3 und 15 Mitarbeiter.

Nicht wenige Firmengründer träumen davon, dass sie das Unternehmen nach der Gründungsphase verkaufen können. Das schaffen laut Silvio Bonaccio etwa ein bis drei Gründer pro Jahr. Wie viel für die Übernahmen jeweils bezahlt wird, wird nicht bekannt gegeben. In einzelnen Fällen gibt es jedoch Schätzungen: So soll das Pharmaunternehmen Covagen, das 2007 von ETH-Doktoranden gegründet worden war, für über 200 Millionen Franken von einer Tochtergesellschaft von Johnson & Johnson aufgekauft worden sein. Wie viel die ETH an solchen Verkäufen verdient, wird nicht kommuniziert. Normalerweise bezahlen Start-ups der Hochschule eine Gebühr für die exklusive Verwendung des geistigen Eigentums – für die Nutzung einer patentierten Erfindung oder einer Software zum Beispiel. Sobald es zu einem Börsengang kommt oder die Firma aufgekauft wird, wird das Patent der ETH abgekauft. «Es ist immer eine grosse Diskussion, wie viel ein Patent wert ist», sagt Silvio Bonaccio. Man müsse den Steuerzahlern zeigen, dass man die Erfindungen nicht verschenke – aber man sei sehr moderat, was die Gebühren angehe. Dies spiegelt laut Gian-Luca Bona die Grundhaltung in der Schweiz: «Man gibt der Wirtschaft die Erkenntnisse und versucht nicht, die Rückflüsse an die Hochschulen zu optimieren.» Den Trend aus den USA, wo gewisse Universitäten für ihre Patente so viel Geld wie möglich herausholen wollen, hält Bona für gefährlich.

Anders sieht das der SP-Bildungspolitiker Jean-François Steiert. Er möchte das Thema im Februar im Parlament zur Sprache bringen – bei der Diskussion um die Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation: «Man muss genau hinschauen, und dort, wo es Luft gibt, mehr Geld für die Patente herausholen», sagt er.



Noonee
Ein Stuhl, um im Stehen zu sitzen

«Als Teenager arbeitete ich in einer Gemüse-Abpackungsfirma und litt darunter, dass ich bei der Arbeit immer stehen musste. Mittlerweile bin ich Mechatroniker und habe mich dem Problem angenommen: Im Bio-Robotics-Netzwerk der ETH habe ich zusammen mit zwei Partnern einen «stuhllosen Stuhl» entwickelt. Das sind Schienen, die an der Rückseite der Beine befestigt werden und den Körper stützen, wenn man sie arretiert. So kann man im Stehen sitzen! Wir präsentierten unsere Idee verschiedenen Industriefirmen und sahen, dass diese grosses Interesse daran haben: Mit den Schienen können Mitarbeitende am Fliessband komfortabler arbeiten.

Wir gewannen verschiedene Wettbewerbe und erhielten vom Bund eine finanzielle Start-up-Förderung, um den Prototypen weiterzuentwickeln und potenzielle Kunden sowie Investoren zu finden. Die grösste Schwierigkeit bisher war, die Schienen gleichzeitig komfortabel, leicht und robust zu bauen. Nun testen wir den Prototypen in Werkstätten der Autoindustrie. Darüber hinaus gäbe es noch andere Anwendungen, zum Beispiel für Zahnärzte oder Chirurgen, die bei Operationen lange stehen müssen. Auch Fischer, Bauern und Schausteller interessieren sich für den Stuhl.

Eine neue Technologie zu entwickeln ist natürlich riskant. Aber wir glauben fest an unsere Erfindung – und hoffen, dass aus der Idee ein grosses Unternehmen wird, welches das Leben der Menschen verbessert.»

Keith Gunura, CEO Noonee



Fashwell
Netzwerk und App für Modefans

«Wir sind drei Informatiker, und viele überrascht es, dass wir Jungs eine Modeplattform lancieren. Auf die Idee bin ich gekommen, weil ich Sneakers sammle und es keine Site gibt, auf der ich Fashion-Blogs aus der ganzen Welt abonnieren kann. Nun wollen wir mit Fash­well ein Portal schaffen, das diese Lücke füllt. Das Besondere unserer Seite ist eine Bilderkennungssoftware, die wir in den letzten sieben Jahren als Doktoranden entwickelt haben. Auf unserem Portal kann man Outfits anschauen – die Software erkennt dann die Kleider und macht Vorschläge, in welchen Shops es Ähnliches zu kaufen gibt. Die Resultate sind natürlich nicht immer perfekt, aber meistens gibt es gute Vorschläge.

Wir haben verschiedene Wettbewerbe gewonnen und eine Start-up-Finanzierung von 150'000 Franken erhalten. Damit haben wir das Portal entwickelt, das zurzeit als Betaversion getestet wird. Die App soll dann im Februar veröffentlicht werden. Wir arbeiten mittlerweile mit 100 Onlineshops zusammen und haben etwas mehr als 1 Million Produkte im Angebot.

Zurzeit sind wir auf Investorensuche. Zwei haben zugesagt, ein Hauptinvestor ist leider in letzter Minute abgesprungen. Das Dasein als Jungunternehmer ist eine Achterbahnfahrt: Mal möchte man die ersten Leute anstellen, am nächsten Tag fürchtet man, selber bald einen Job suchen zu müssen. Aber das Ziel ist, uns international zu positionieren – 2016 soll in die USA expandiert werden.»

Matthias Dantone, Gründer von Fashwell



Insightness
Kamera-Chip mit intelligenten Pixeln

«Wir sind zwei Doktoranden und ein Professor am Institut für Neuroinformatik der ETH und haben einen Kamera-Chip entwickelt, mit dem Computer visuelle Merkmale viel schneller bestimmen können als mit herkömmlichen Kameras. Eigentlich wollten wir damit einen dreidimensionalen Bildschirm entwickeln. Doch dann sahen wir, dass die Konkurrenz bereits ähnliche Produkte auf den Markt bringt, und suchten andere Marktlücken. Weil der Sensor sehr schnell ist und wenig Strom braucht, kann man ihn zum Beispiel in Flugrobotern einbauen, die damit autonom durch die Luft steuern. Auch die Erzeugung von Hologrammen auf Smartglasses wäre ein mögliches Einsatzfeld für den Chip.

Zurzeit arbeiten wir an zwei Dingen: Wir entwickeln eine Software, um den Chip zu nutzen und suchen Kunden, die eine erste Produktionsrunde finanzieren. Interessenten gibt es. Doch weil die Produktion einer Chipserie etwa 1 Million Franken kostet, brauchen wir grosse Kunden, damit sich das rechnet. Ich habe all mein Erspartes in die Firma gesteckt und Geld von den Eltern geliehen. Zusammen mit den Ersparnissen der Partner und der Unterstützung einer Stiftung sind die Löhne für zwei Jahre gesichert. Nächsten Sommer wollen wir eine Finanzierungsrunde abschliessen. Ziel ist, die Firma am Ende zu verkaufen. Es wird wehtun, wenn das alles nicht klappt. Aber ein Start-up funktioniert nur, wenn man etwas zu verlieren hat.»

Christian Brändli, Gründer Insightness (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.01.2015, 06:25 Uhr)

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