Spuhlers Aserbeidschan-Allianz ist geplatzt

Stadler Rail plante im Staat am Kaspischen Meer eine Waggonfabrik, um von dort aus Länder wie Usbekistan oder Georgien zu erobern. Daraus wird nun nichts.

Peter Spuhler, CEO von Stadler Rail, in einer Montagehalle in Altenrhein SG. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Peter Spuhler, CEO von Stadler Rail, in einer Montagehalle in Altenrhein SG. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Präsident Ilham Alijew erschien per­sönlich zur Grundsteinlegung, und Peter Spuhler klang optimistisch: 50 Stadler-Waggons würden pro Jahr die geplante Fabrik in Ganja verlassen, Aserbeid­schans zweitgrösster Stadt. 200 bis 250 Arbeitsplätze sollten entstehen. Der Staat am Kaspischen Meer sollte für Stadler zur regionalen Basis werden, um Züge nach Georgien, Usbekistan oder in die Türkei zu verkaufen. 1,8 Milliarden Franken Umsatz erhoffe Spuhler sich in den nächsten zehn Jahren, schrieb das «St. Galler Tagblatt» damals – die Zeitung begleitete den Unternehmer an die Zeremonie. Stadler Rail ging in Aserbeid­schan eine Partnerschaft mit einem ­lokalen Unternehmen ein, wobei der Schweizer Zughersteller das Joint Venture mit 51 Prozent der Anteile kontrollieren sollte. 2016 würde die Fabrik den Betrieb aufnehmen. Man müsse neue Märkte erschliessen, um die heimischen Werke auszulasten, sagte Spuhler.

Das war im Oktober 2014. Heute, 14 Monate später, klingt es aus der ­Stadler-Zentrale ganz anders. Die Partnerschaft komme nicht zustande, sagt Generalsekretärin Marina Winder auf Anfrage: «Stand heute ist, dass die aser­beidschanische Eisenbahn kein Joint Venture wünscht.» Der lokale Partner habe sich zurückgezogen. Die einst unterzeichnete Absichtserklärung werde nicht umgesetzt.

Trotz der geplatzten Allianz sollen in Aserbeidschan Schweizer Züge fahren: Die staatlichen Eisenbahnen haben bei Stadler 30 Schlafwagen und fünf Regionalzüge bestellt. Diese Aufträge seien nicht in Gefahr, sagt Winder: «Die bestellten Züge liefern wir aus unseren bestehenden Werken in Europa.» Zu weiteren Fragen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet gibt sie keine Auskunft – insbesondere nicht zur Frage, weshalb die Partnerschaft gescheitert ist.

Plötzlich ein Drittel teurer

Ein Teil der Antwort auf diese Frage dürfte im Zerfall des Ölpreises und des Rubels sowie in den Russland-Sanktionen des Westens zu finden sein. Der aserbeidschanische Manat hat im Vergleich zum Euro ein Viertel bis ein ­Drittel an Wert eingebüsst – alles, was aus Europa kommt, wurde mit einem Schlag teurer. Aserbeidschan, dessen Wirtschaft stark von Öl- und Gasverkäufen abhängig ist, litt zudem unter dem tiefen Ölpreis.

Dazu kommt ein zweites Element: Offiziell kommunizierte Stadler, man sei eine Partnerschaft mit einer aserbeid­schanischen Firma namens International Railway Distribution LLC eingegangen. Hinter dieser nichtssagenden Gesellschaft steht nach Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Garant-Gruppe – ein Firmenkonglomerat, das dem Sohn des Transportministers Ziya Mammadow gehört. Das ­Unternehmen hat international für Aufsehen gesorgt, weil es in Baku einen «Trump Tower» bauen lässt: ein segelförmiges Hochhaus, das an das Burj-Al-Arab-Hotel in Dubai erinnert, ausgestattet nach den extravaganten Vorgaben des amerika­nischen Präsidentschaftskandidaten ­Donald Trump.

Die Nähe der Garant-Gruppe zum Transportministerium wurde von un­abhängigen aserbeidschanische Medi­en immer wieder kritisiert. Der Konzern soll vom Minister vorteilhafte Aufträge erhalten haben, etwa für den Bau von Strassen oder den Busbahnhof von Baku.

In den letzten Monaten hat aber Transportminister Mammadov selbst an Macht verloren – zeitweise machten in lokalen Medien Gerüchte die Runde, er werde vom Präsidenten abgesetzt. Die BBC berichtete, Mammadow sei im September die Herrschaft über das staat­liche Eisenbahnunternehmen entzogen worden. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass in der aserbeidschanischen Staatsspitze eine Partnerschaft zwischen Stadler und der Garant-Gruppe nicht mehr erwünscht war. Aus Buss­nang ist zu diesen Fragen nichts zu erfahren; Garant antwortete nicht auf eine Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Das Projekt in Aserbeidschan ist die zweite gescheiterte Stadler-Partnerschaft im Osten Europas. Wie die ­«Handelszeitung» berichtet, gab es auch in Weissrussland Probleme: Spuhler musste ein Joint Venture mit der Stadt Minsk rückabwickeln, weil die halb staatliche Tochterfirma bei Ausschreibungen zu wenig zum Zug kam. Stadler betreibt nun das 2014 eröffnete Werk ­alleine weiter. Die Fabrik ist aber nicht ausgelastet – vor allem, weil Bestellungen aus Russland fehlen. Optionen des Moskauer Unternehmens Aeroexpress für Züge im Wert von 300 Millionen Euro werden vermutlich nicht eingelöst, und bei einer bereits bestellten Tranche hat derselbe Kunde Mühe, die viel ­teurer gewordenen Züge zu bezahlen. Peter Spuhler rechnet darum erst «mittel­fristig» mit mehr Aufträgen aus Ost­europa.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.01.2016, 22:02 Uhr)

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