«Steife Spassbremsen» treffen auf «unseriöse Showmaster»

USA und Deutschland, geht das zusammen? Was passiert, wenn Monsanto-Kultur auf Bayer-Machart trifft? Ein Atlantik-Clash ist in besonderer Erinnerung.

Wie Kulturen aufeinander prallen, ist schon in diesem Bild vom 24. Januar 2002 zu sehen: Bayer-Manager feiern (ziemlich steif) an der New Yorker Börse die Kotierung ihres Konzerns (ganz links im Bild der legendäre NYSE-Chef Richard Grasso).

Wie Kulturen aufeinander prallen, ist schon in diesem Bild vom 24. Januar 2002 zu sehen: Bayer-Manager feiern (ziemlich steif) an der New Yorker Börse die Kotierung ihres Konzerns (ganz links im Bild der legendäre NYSE-Chef Richard Grasso). Bild: Reuters

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Es ist ein Deal der Superlative: Nach fast vier Monaten Verhandlungen hat der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer gestern die Übernahme des US-Saatgutkonzerns Monsanto perfekt gemacht. 66 Milliarden Dollar lässt er sich die Einverleibung des Konkurrenten kosten. Das ist die grösste Übernahme, die Deutsche jemals im Ausland tätigten. Zudem entsteht durch die Fusion der weltgrösste Anbieter von Saatgut und Agrochemikalien.

«Was hat sich Bayer da nur ins Haus geholt?»Kommentar der «Zeit»

Trotz aller Superlative stehen viele Branchenexperten und besonders deutsche Medien der Mega-Fusion skeptisch gegenüber. Sie fragen sich: Warum lässt sich Bayer mit einem derart verhassten Unternehmen ein? Der Deal sei für den Konzern weder ein Schnäppchen noch eine Garantie für gute Geschäfte. Er übernehme mit dem ehemaligen Konkurrenten auch dessen Probleme, meint die «Zeit».

Die Deutschen befürchten primär einen Reputationsverlust für Bayer, das einen guten Ruf hat und für sein Schmerzmittel Aspirin weltbekannt ist. Anders Monsanto: Der US-Konzern belegt seit Jahren die vorderen Plätze der Sigwatch-Liste, eines Rankings, das jährlich die Institutionen auflistet, welche die Kritik von Nichtregierungsorganisationen auf sich ziehen. Monsanto hat ein denkbar schlechtes Image. Der Konzern steht neben seinen gentechnisch veränderten Produkten und seinem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auch wegen seiner Geschäftspraktiken in der Kritik.

«Die Fusion wird zu einem Kulturkonflikt führen.»Einschätzung der «New York Times»

Bayer hat sich aus Sicht deutscher Medien und Analysten also zunächst mal eine Handvoll Probleme ins Haus geholt. Was ihnen aber zusätzlich Sorgen bereitet, ist der befürchtete Clash der Unternehmenskulturen, von dem bei dieser Fusion auch in amerikanischen Zeitungen die Rede ist. Die Integration unterschiedlicher Unternehmenskulturen sei schon bei Zusammenschlüssen innerhalb eines Landes schwer genug. «Grenzüberschreitende Fusionen leiden zudem oft unter dem mangelnden Verständnis für das unterschiedliche Geschäftsgebaren», schrieb dazu einst die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Sie stellte fest, dass die USA kurioserweise eines der wenigen Länder seien, die deutsche Manager wirklich zu kennen glaubten. Oft aber werde die scharfe amerikanische Regulierung oder das Rechtssystem unterschätzt. Gut funktionieren laut der Zeitung Fusionen zwischen Unternehmen, die schon vorher gemeinsame Vertriebsvereinbarungen hatten oder die ein Gemeinschaftsunternehmen betrieben. Bei den ehemaligen Konkurrenten Bayer und Monsanto ist das nicht der Fall.

«Deutsche und amerikanische Denkweisen unterscheiden
sich stark.»
Erkenntnis einer Studie zum Daimler-Chrysler-Fall

Auch Erfahrungen aus anderen deutsch-amerikanischen Übernahmen nähren Zweifel, dass die Integration von Monsanto in den Bayer-Konzern klappt. In besonderer Erinnerung ist natürlich die Grossfusion zwischen den Autokonzernen Daimler und Chrysler, die 2009 auch wegen kultureller Differenzen auseinanderbrach. Das Scheitern ist laut einer im April dieses Jahres veröffentlichten Studie vorderhand auf Unterschiede bei den Kommunikationsstilen zurückzuführen.

Zu diesem Schluss kam auch Uta Kremer, Expertin für interkulturelle Unternehmenskommunikation an der Handelshochschule Leipzig. Während die Amerikaner traditionell auf persönliche Kontakte Wert gelegt hätten, seien den Deutschen die anliegenden Aufgaben immer wichtiger gewesen als persönliches «Kontaktgeplänkel», sagte sie gegenüber der «Welt». Die streng hierarchisch organisierten Deutschen waren bei ihren US-Kollegen demnach als «steife Spassbremsen» verschrien, die Amerikaner galten im Gegensatz dazu als «unseriöse Showmaster».

Gescheiterte deutsch-amerikanische Fusionen gab es schon genug: So leidet beispielsweise der Sportartikelhersteller Adidas seit Jahren unter der schlechten Entwicklung bei Reebok, die Deutsche Telekom AG hatte lange Schwierigkeiten mit ihrer Mobilfunkgesellschaft T-Mobile, und der Versicherer Allianz versuchte erfolglos, den kalifornischen Sachversicherer Fireman’s Fund profitabel zu machen. Kritiker glauben, dass sich Bayer und Monsanto in diese unrühmliche Liste einreihen könnten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.09.2016, 12:34 Uhr

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