Wirtschaft
Stolze Finnen mit nassen Hosen
Von Roger Zedi. Aktualisiert am 14.02.2011 4 Kommentare
In Finnland gibt es ein Sprichwort, wonach es kurzfristig eine verlockende Idee sein mag, absichtlich in die Hose zu pinklen, um sich in der eisigen Kälte etwas zu wärmen – doch spätestens, wenn die Chose gefriert, bereut man. Mit diesem aus dem Leben gegriffenen Gleichnis wider das kurzfristige Denken argumentierte noch letzten Sommer der damalige Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo dagegen, dass der Handyproduzent jemals ein andere Basissoftware als die eigene auf ihren Geräten installieren würde. Wer einfach Googles oder Microsofts (MSFT 29.06 -0.03%) Betriebssystem übernehme, verliere jegliche Eigenständigkeit und werde austauschbar, kurz: dem vereisten die Hosen.
Von diesen nordischen Volksweisheiten will sein Nachfolger, der Kanadier und erste Nicht-Finne an der Nokia-Spitze Stephen Elop, nichts wissen. Er hat das hauseigene Betriebssystem Symbian beerdigt. Dieses bietet technologisch zwar viel, aber seine Bedienbarkeit hinkt Jahre hinter der Konkurrenz her. An seiner Stelle wird fortan Microsofts Windows Phone 7 auf Nokia-Smartphones installiert werden.
Klarer Sieg für Microsoft
Was für die Finnen einer Bankrotterklärung gleichkommt, ist in erster Linie ein grosser Durchbruch für Microsoft, übrigens Elops früheren Arbeitgeber. Hätte sich der Nokia-Chef anders entschieden (etwa für Android), hätte das aller Wahrscheinlichkeit nach den Todesstoss für das bis dato schwach gestartete Windows Phone 7 bedeutet. Denn keiner der bisher beteiligten Handyhersteller (darunter HTC, Samsung, Sony Ericsson) hat der Microsoft-Plattform besonders viel Enthusiasmus entgegengebracht. Die Kundschaft ebenso wenig.
Nun hingegen wird Windows Phone 7 über Nacht zur obersten Priorität des (immer noch) grössten Handyherstellers der Welt und dürfte noch im laufenden Jahr in den Händen von Hunderten von Millionen Anwendern landen.
Grösste Innovationen bei Software
Zudem wird auf den Nokia-Smartphones die Microsoft-Suchmaschine Bing laufen, das bringt dieser dringend benötigtes Wachstum im lukrativen mobilen Werbemarkt. Bing übernimmt ausserdem von Nokia den Kartendienst inklusive GPS-Navigation, neben Google Maps der weltweit grösste seiner Art, im mobilen Geschäft sogar die Nummer 1.
Nokias Rolle wird sich fortan weitgehend auf die eines Hardware-Bauers beschränken – eine klare Degradierung. Denn die grössten Innovationen passieren derzeit im Software-Bereich, den künftig Microsoft prägen wird.
Der Triumph der Software
Diese Machtverteilung zwischen Microsoft und Nokia ist keine Überraschung, sie ist vielmehr die logische Konsequenz jener massiven Umwälzung, welche die Mobilfunkbranche in den letzten drei Jahren erlebt hat. Davor hiessen die Kokurrenten Motorola, Nokia oder Samsung. Erfolgsentscheidend war jener Funktionsumfang, mit dem ein Handy ausgeliefert wurde, was weitgehend von der Hardware abhing.
Dann kam das iPhone und etwas später dessen App Store – und plötzlich hing der Erfolg von der Vielfalt der Apps ab, mit denen ein Handy nachträglich um Funktionen erweitert werden konnte: Die Software löste die Hardware als Erfolgsgaranten ab.
Weiterhin unverwechselbar
Google hat das rasch begriffen und mit Android ein Apples iOS ebenbürtiges Ökosystem geschaffen, dem sich mehr und mehr Handyhersteller anschliessen. Motorola etwa baut heute ausschliesslich Android-Handys und hat alle eigenen Betriebssysteme längst eingestampft. Nokia hat sich diesem Wandel zu lange mit der Starrköpfigkeit eines ausgewachsenen Elchs verweigert – und bezahlt nun einen hohen Preis.
Neu heissen die Konkurrenten also Apple iOS und Google Android – nun gesellt sich Nokia Windows dazu. Fürs Erste. Denn ob Microsoft der optimale Partner ist, ist fraglich. Immerhin hat Microsoft diese Umwälzungen nur unwesentlich weniger lang verschlafen.
In einem ist Elop seinem stolzen Vorgänger jedoch gefolgt: Nokia wird dank Windows weiterhin faktisch unverwechselbar bleiben: schon allein weil der Grossteil der Konkurrenz auf Android setzt. Die Hosen der Finnen sind also noch nicht völlig gefroren. Nun gilt es aber, sich rasch ins Warme zu retten.
Microsoft hat die grossen Umwälzungen fast genauso lange verschlafen wie Nokia. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.02.2011, 22:34 Uhr
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4 Kommentare
Ich denke die Partnerschaft könnte durchaus funktionieren. WindowsPhone 7 ist ein neues, frisches OS mit einigen Anfangsschwächen, welche sich jedoch durch die Updatepolitik von Microsoft in den nächsten Monaten beheben lassen. Zudem ist das Potenzial von WP7, unter anderem aufgrund der stark steigenden Anzahl Apps, sehr gross. Nokia sollte jedoch sein Modellfeuerwerk beenden. Antworten
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