Swisscom trickst sich in Zürcher Gebäude

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 16.09.2009 9 Kommentare

Im Glasfaserkrieg zwischen EWZ und Swisscom greift die Swisscom zu umstrittenen Methoden: Nur dank schwer verständlicher Formulare gelangt sie in die Keller.

Systematische Fehlleistungen ausgeschlossen: Ein Techniker installiert Glasfaserkabel für das Netz der Swisscom.

Systematische Fehlleistungen ausgeschlossen: Ein Techniker installiert Glasfaserkabel für das Netz der Swisscom.
Bild: Keystone

Mieter zahlen einen Teil der Kosten

Die Auseinandersetzung zwischen der Swisscom und den Hauseigentümern muss auch Mieter interessieren: Sie könnten am Ende die Leidtragenden sein. Gemäss Felicitas Huggenberger, Geschäftsleiterin des Mieterverbandes Zürich, können die Hauseigentümer einen Teil der Kosten auf die Mieter überwälzen. Falls die Besitzer die Glasfaserleitungen auf eigene Kosten vom Keller in die Wohnungen ziehen müssen, können sie einen Teil dieser Investitionen als wertvermehrenden Anteil auf die Miete schlagen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mieter die Glasfasern auch nutzt, wie Huggenberger erklärt: «Schliesslich kann der Vermieter auch dann einen neuen Balkon bauen, wenn der Mieter ihn gar nicht möchte.» Einziger Vorbehalt: «Solange man die Glasfasern nicht nutzen kann – etwa weil keine Dienste angeboten werden –, ist das Angebot mangelhaft und der Mietaufschlag ungerechtfertigt.» (aba)

Die Verhandlungen zwischen der Swisscom und dem Stadtzürcher Elektrizitätswerk (EWZ) kommen nicht vom Fleck. Zwar ist man sich einig, dass es Sinn macht, ein gemeinsames Netz zu bauen. Wie eine Zusammenarbeit aussehen soll, ist aber völlig offen. Das Ziel, sich noch in diesem Jahr zu einigen, ist aus heutiger Sicht illusorisch. Während man in den Verhandlungen kaum Fortschritte macht, bauen beide Parteien fieberhaft am eigenen Netz weiter – um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Die Swisscom greift dabei zu umstrittenen Methoden.

Das Problem: Der Swisscom fehlt die Unterstützung der wichtigsten Zürcher Immobilienverbände. Diese raten ihren Mitgliedern davon ab, mit der Swisscom einen Vertrag über die Erschliessung der Gebäude mit Glasfasern einzugehen. Die Verbände argumentieren, dass die Verträge die Hausbesitzer übervorteilen. Primär darum, weil die Swisscom nicht im ganzen Haus Glasfasern verlegen, sondern die Kabel nur bis in den Keller ziehen will. Die einzelnen Wohnungen sollen erst später und meist auf Kosten der Eigentümer erschlossen werden.

Ohne die Unterstützung der Verbände sind die Chancen auf Vertragsabschlüsse gering. Damit ist die Swisscom im Hintertreffen: Das EWZ hat seit April einen Standardvertrag mit den Verbänden.

Nicht gewusst, was sie unterschrieben

Nun hat die Swisscom einen Weg gefunden, wie sie trotz des Boykotts der Verbände weiter bauen kann. Statt Verträge verschickt sie sogenannte «Site Akquisition Reports» an Hauseigentümer oder deren Verwalter. Das Papier erteilt der Swisscom die Erlaubnis, eine Glasfaserleitung bis in den Keller zu legen. Es regelt allerdings nicht, wer für einen Wasserschaden aufkommt, der durch ein Leck in Leitungsrohren entsteht. Oder wer bei einem Umbau die Kosten für die neue Leitung übernimmt. Ein solch vertragsloser Zustand ist für die Hauseigentümer zumindest riskant.

Laut Swisscom haben dank diesem Kniff 70 Prozent der angefragten Zürcher Hauseigentümer der Verkabelung zugestimmt. Vielen Besitzern dürfte jedoch nicht klar gewesen sein, was sie da unterschrieben haben. Bei dem technisch anmutenden Papier handelt es sich im Grunde um ein Formular, das mithilfe von Fotos dokumentiert, welche baulichen Massnahmen nötig wären, um Leitungen in ein bestimmtes Gebäude zu legen. Auf den ersten Blick ist nicht einmal erkennbar, ob es sich um Glasfasern oder Kupferdrähte handelt.

Vermehrt Beschwerden erhalten

Die Verbände haben in den letzten Wochen vermehrt Beschwerden im Zusammenhang mit diesen Swisscom-Formularen erhalten. Viele Mitglieder hätten sich auch einfach informiert, was es mit dem Formular auf sich hat.

Das Problem ist offenbar so gross, dass die Swisscom jetzt handeln muss: «Private Hauseigentümer und kleine Liegenschaftenverwaltungen haben Sinn und Zweck des Dokuments teilweise nicht verstanden», sagt Swisscom-Sprecher Carsten Roetz. Das Dokument werde nun überarbeitet. Künftig soll es einfacher und klarer daherkommen. «Es ist in unserem eigenen Interesse, die Hauseigentümer bestmöglich zu informieren», so Roetz. An der grundsätzlichen Praxis, Liegenschaften zu erschliessen ohne einen Vertrag einzugehen, will die Swisscom festhalten.

Wie aggressiv die Swisscom in der Stadt Zürich vorgeht, sieht man nicht nur am Beispiel der unverständlichen Dokumente. Auch das teilweise rüde Auftreten der selbstständigen Akquisiteure, die die Hausbesitzer im Auftrag der Swisscom angehen, irritiert Betroffene. Ein Verbandsmann berichtet, Eigner würden mit der Drohung unter Druck gesetzt, es gäbe später keine (kostenlose) Möglichkeit mehr, ans moderne Telecomnetz angebunden zu werden. In einem Fall soll der Akquisiteur laut dem Verbandsvertreter gar den Eindruck erweckt haben, bei der Verlegung der Glasfasern handle es sich um Arbeiten im Rahmen der Grundversorgung. In einem anderen Fall, der dem TA im Detail vorliegt, eskalierte der Streit zwischen einem Liegenschaftenverwalter und dem Swisscom-Akquisiteur regelrecht. Der Liegenschaftenverwalter erwägt eine Klage wegen übler Nachrede.

Swisscom entschuldigt sich

Die Swisscom will sich zu Einzelfällen nicht äussern, stellt aber klar: «Falls es vereinzelt zu Verfehlungen unserer Akquisiteure gekommen ist, dann tut uns das leid», sagt Roetz. Systematische Fehlleistungen schliesst er aus. Die Vermutung, die Akquisiteure würden für jede Unterschrift eines Hauseigentümers eine Provision kassieren und darum besonders aggressiv vorgehen, bestreitet der Swisscom-Sprecher: «Die Akquisiteure werden pro angegangenen Eigentümer bezahlt – unabhängig von der Erfolgsquote.» Mit einer kleinen Einschränkung: «Falls jemand immer nur Absagen kassierte, würden wir sicher nachhaken», sagt Roetz.

Eine Einigung mit den Immobilienverbänden scheint heute ferner denn je. Dort ist man nun erst einmal sauer, wie Robert Gubler von der Vereinigung Zürcher Immobilienunternehmen (VZI) erklärt: «Die Swisscom hat ohne unser Wissen Massnahmen eingeleitet, um die Vertragsverhandlungen zu umgehen.» Anders könne man das Vorgehen nicht deuten, sagt Gubler, der die Verhandlungen führt. «Sonst hätte die Swisscom die ‹Site Akquisition Reports› uns gegenüber zumindest einmal erwähnt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2009, 04:00 Uhr

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9 Kommentare

Enrico Biondi

16.09.2009, 07:35 Uhr
Melden

Interessant: Dieselbe Firma, welche mir in regelmässigen Abständen einfach verständliche Formulare schickt mittels derer ich ganz einfach die Preselection wieder zu Swisscom transferieren kann, hat auf einmal so grosse Schwierigkeiten ein weiteres, verständliches Formular zu kreieren... Antworten


Alfred Kunz

16.09.2009, 07:44 Uhr
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Was ist nur für einen Hauseigentümer besser? a) Verträge mit Swisscom unterschreiben. b) Verträge mit Swisscom unterschreiben aber nicht bauen lassen) c) Der Swisscom verbieten zu bauen? Antworten



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