TV-Sender Joiz wird zur Techfirma

Knapp fünf Jahre nach Sendestart häufen sich beim Schweizer Jugendsender Joiz negative Schlagzeilen. An Bedeutung gewinnt das aussichtsreiche Nebengeschäft mit der Technologie.

Wird das TV-Geschäft zum Nebenprodukt? Die Joiz-Büros in Zürich (August 2013). Foto: Christian Beutler (Keystone)

Wird das TV-Geschäft zum Nebenprodukt? Die Joiz-Büros in Zürich (August 2013). Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Joiz, das waren die jungen Wilden, die sich im März 2011 aufmachten, das TV-Geschäft aufzuwirbeln. Das Ziel: mit einer Mischung aus Fernsehen und Facebook das junge Publikum vor den Bildschirm zurückholen. Das Konzept: ein Jugendsender als multimediale Community; die Zuschauer loggen sich ein, diskutieren mit, stellen Fragen – der Sender erhält im Gegenzug wertvolle Konsumentendaten. «Leutschenbach 2.0» titelte der «Tages-Anzeiger». Knapp fünf Jahre später stellt sich die Frage: Schafft es der Sender noch, sich vom Start-up zur festen Grösse in der Fernsehlandschaft zu etablieren? Oder wird das TV-Geschäft am Ende zum Nebenprodukt?

Wenig Geld fürs Programm

Der Sender ist im Umbruch, das zeigt etwa der Aderlass im Kader. Fünf Führungsleute haben in den letzten Monaten gekündigt. Hinzu kommt der jüngste Abgang von Finanzchef Matthias Sallenbach. Den Entscheid begründet er wie andere Ex-Mitarbeiter mit einem Karrieresprung: Er wechselt in die Geschäftsleitung eines führenden Medienunternehmens. Anders klingt es bei einem ehemaligen Kadermitglied, das nicht namentlich genannt werden will: Grund für seinen Abgang seien fehlende Perspektiven beim Sender und der «immer grössere Stellenwert von Branded Content», also von durch Werbepartner mitfinanzierte Sendungen. Die Glaubwürdigkeit des Senders leide. Zudem sei das Geld knapp: «Es gab wenig Möglichkeiten für Investitionen in Programm und Technik.»

Joiz-Chef Alexander Mazzara bestreitet nicht, dass der Anteil an werbefinanzierten Inhalten zugenommen hat. Dies sei jedoch nicht Zeichen finanzieller Schwäche, sondern Teil des Konzepts als nicht gebührenfinanzierter Sender und zeuge von kommerziellem Erfolg. In der Tat setzte Joiz von Anfang an stark auf Branded Content, veranstaltete etwa mit M-Budget ein WG-Casting oder machte aus der erfolgreichen Schadensskizzen-Kampagne der Mobiliar eine Quizsendung. Und die zahlreichen Abgänge im mittleren Kader im letzten Jahr? Für Mazzara «Wechsel, die nach bald sechs Jahren zu erwarten waren». Diese gibt es auch vor der Kamera: Drei Moderatoren gingen – darunter Jungstar Gülsha Adilji, die nur noch eine einzelne Sendung auf Joiz moderieren wird. Von Krisenstimmung will sie nichts wissen: «Joiz ist vielleicht der einzige Arbeitgeber in der Schweiz, bei dem jeder die Freiheit hat, alles auszuprobieren – und dafür bezahlt wird.» Ihr Entscheid habe einen anderen Grund: «Nach fast fünf Jahren habe ich es einfach gesehen.»

Wie es um die finanzielle Situation des Jugendsenders steht, ist schwierig abzuschätzen, da Joiz keine Zahlen kommuniziert. Klar ist, dass der Sender Anfang 2015 zwei Stellen abbauen musste – unbestätigten Berichten zufolge wegen fehlender Werbeeinnahmen. Ausgebaut wurde im Gegenzug der Verkauf. Damit stellte Joiz Schweiz 2015 erstmals keine neuen Programmleute ein, während zuvor dieser Bereich jedes Jahr um mindestens 20 Prozent gewachsen war. «Wir haben eine Grenze erreicht und mussten in einem schwierigen Marktumfeld unser Geschäft festigen», sagt Alexander Mazzara dazu. Die Schraube beim Programm angezogen, das Werbegeschäft ausgebaut – 2015 schaffte Joiz Schweiz immerhin den Break-even; ein Jahr später als bei Sendestart geplant. Wenig erfolgreich auch die Expansion nach Deutschland: Joiz Germany geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste den Sendebetrieb weitestgehend ins ­Internet verlagern.

Techbereich wird ausgebaut

Viel eher als Versprechen erweisen dürfte sich da die dritte Tochter der Joiz-Gruppe: Joiz Global wurde 2014 ins Leben gerufen und hat mit dem klassischen TV-Geschäft nicht mehr viel zu tun. Sie vermarktet Lizenzen für die im Zuge des Social-TV-Konzepts entwickelte interaktive Community-Plattform. Offenbar ein lukratives Geschäft: Zwar sei im ersten Geschäftsjahr noch kein Gewinn zu verbuchen, doch die Auftragslage sei gut, sagt Mazzara. Bereits rund 35 Mitarbeiter zählt Joiz Global – doppelt so viele wie noch vor einem Jahr; dazu kommen internationale Zweigniederlassungen. Kürzlich holte man einen Start-up-Spezialisten, der die internationale Expansion vorantreiben soll. Kommt da das Fernsehgeschäft zu kurz? Ein ehemaliges Kadermitglied sagt: «Es mag wirtschaftlich gesehen die richtige Strategie sein, auf die Technologie zu setzen, doch für die Redaktion ist es schwierig: Alle Aufmerksamkeit und Investitionen gehen in die Technologie und nicht ins Programm.» Eine weitere interne Quelle bestätigt diese Aussage.

Einer der Investoren von Joiz, der deutsche Risikokapitalinvestor Creathor Venture, gab unlängst zu Protokoll, man habe nicht in einen TV-Sender investiert, sondern in ein multimediales Techunternehmen. Wird die gewinnträchtige Technologietochter Joiz Global vor diesem Hintergrund den Jugendsender Joiz zu einer Auftragsplattform verkümmern lassen, deren Daseinsberechtigung darin besteht, sich den Werbekunden zu präsentieren und Aufträge zu sichern? Zwei interne Quellen glauben an den Fortbestand des Senders, sehen aber seine Zukunft eher im Technologiebereich denn im TV-Geschäft. Davon will CEO Mazzara nichts wissen: «Bei Joiz als digitalem Medienunternehmen sind Technologie, Inhalte und Werbung eng verknüpft und werden stets gleichberechtigte Teile bleiben.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:45 Uhr)

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