Wirtschaft
Talfahrt setzt Pensionskassen zu
Von Jürg Ackermann. Aktualisiert am 10.08.2011 44 Kommentare
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«Nach den brutalen Verlusten an den Börsen sind viele Pensionskassen dort angelangt, wo sie im Krisenjahr 2008 waren», sagt Peter Bänziger, Anlagechef der Swisscanto-Gruppe. «Falls sich die Märkte nicht erholen, werden verschiedene Kassen Ende Jahr nicht um Sanierungsmassnahmen herumkommen.» Ins Lot gebracht werden können die Pensionskassen mit einer tieferen Verzinsung der Renten oder höheren Beiträgen der aktiven Arbeitnehmer.
Der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen ist innerhalb von vier Monaten von 104,5 Prozent (Ende März) auf unter 100 Prozent gefallen. Noch negativer sieht es bei den öffentlichen Pensionskassen (Bund und Kantone) aus. Hier dürfte der durchschnittliche Deckungsgrad von 91 auf aktuell rund 87 Prozent gesunken sein. Diese Schätzung ergibt sich aufgrund der Entwicklung verschiedener Indizes.
Beispielhaft für die aktuelle Entwicklung steht die Pensionskasse SBB, die bereits in einer Sanierung steckt. Nach einer Rendite von knapp 4 Prozent im vergangenen Jahr beträgt das momentane Minus für 2011 gegen 5 Prozent – obwohl gegenüber dem Vergleichsindex eine Mehrrendite erwirtschaftet wurde. Der Deckungsgrad ist unter 90 Prozent gerutscht. «Diese Entwicklung ist besorgniserregend», sagt Roger M. Kunz, Leiter Vermögensverwaltung bei der Pensionskasse SBB. «Dennoch wäre es falsch, jetzt überzureagieren und die langfristig angelegte Strategie über Bord zu werfen.»
Selbst für Experten sei es derzeit «wahnsinnig schwierig», eine vernünftige Anlagestrategie umzusetzen, sagt der Berner Sozialversicherungsexperte Werner C. Hug. «Auch wenn die Pensionskassen langfristig orientiert anlegen und die jetzige Krise ausstehen wollen, gehen sie das Risiko ein, an den Pranger gestellt zu werden.» Es gebe derzeit zu viele Übertreibungen am Markt, die nicht den realen ökonomischen Werten entsprächen. Delikat hält Hug die Lage insbesondere für kleinere Kassen mit tiefen versicherten Löhnen sowie für Kassen, die mehr Rentner als Aktive haben. Diese müssen bei Cashflow-Problemen Aktien zu tiefen Preisen verkaufen.
Linke fordern stärkere AHV
Die Pensionskassen nutzen die Börsenbaisse, um alte politische Forderungen wieder in die Diskussion zu bringen. Es brauche Korrekturmassnahmen, sagt Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbands Asip. Nötig sei dies unabhängig davon, ob die aktuelle Entwicklung sich auch langfristig negativ auswirke. Der Umwandlungssatz sei zu hoch. Und auch der Mindestzinssatz müsse entpolitisiert werden.
Derzeit legt der Bundesrat jeweils Anfang Jahr fest, wie hoch die Altersguthaben verzinst werden müssen. Die diesjährige Vorgabe von 2 Prozent dürfte für die meisten Pensionskassen ein schwieriges Ziel sein. Auch Swisscanto-Experte Bänziger hält eine erneute politische Diskussion über den Umwandlungssatz und den Mindestzins für nötig. «Die ökonomische Realität ist derzeit anders als das, was man politisch will.»
Die auf «Rentenklau» sensibilisierten Linken und Gewerkschaften können solchen Forderungen nichts abgewinnen. Die Talfahrt an der Börse zeige einmal mehr, dass das ganze System unsicher sei, sagt Doris Bianchi vom Gewerkschaftsbund. «Für uns ist die Konsequenz klar: Es braucht eine stärkere erste Säule.» Bei Leuten mit tiefen und mittleren Einkommen steige die Angst vor Unterdeckung bei den Pensionskassen. «Wer 2500 Franken Rente erhält, bei dem wiegen Einbussen von 100 oder 200 Franken schwer.»
Schwierig ist die Situation aber auch für den AHV/IV/EO-Ausgleichsfonds. Nachdem er 2010 eine Rendite von 4,3 Prozent auf dem Gesamtvermögen von rund 26 Milliarden Franken erwirtschaftete, dürfte das Ergebnis in diesem Jahr deutlich tiefer ausfallen. Marco Netzer, Präsident des Ausgleichsfonds-Verwaltungsrats, rechnet bei gleichbleibender Entwicklung mit einer Null. Hochrechnungen zu machen, sei aber äusserst schwierig. Dem Ausgleichsfonds kommt zugute, dass man Ende 2010 trotz positiven Aussichten an den Märkten an der defensiven Anlagestrategie festhielt. So wurden 80 Prozent der Investitionen im Ausland gegen Währungsschwankungen abgesichert. «Ohne diese Massnahme hätten wir allein bis Juli zwischen einer und zwei Milliarden Franken Buchverlust erlitten», sagt Netzer.
Sollte die Talfahrt an den Börsen anhalten, hätte dies auch Auswirkungen auf die langfristige Finanzierung der AHV. Als Sozialminister Didier Burkhalter im Mai ankündigte, die grossen Lücken würden sich bei der AHV erst 2020 statt wie bisher erwartet schon 2014 auftun, ging er von Renditen zwischen 2 und 4 Prozent auf dem AHV-Vermögen aus. Derzeit siehts an den Börsen anders aus. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.08.2011, 18:45 Uhr
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44 Kommentare
Ist doch kein Problem, wir haben jetzt ja gesehen wie das geht. " Der Staat zahlt, locker und lässig kurz mal 20 oder 40 Milliarde und die Pensionskassen sind wieder " a Jour ". Ist schon der Wahnsinn, man könnte meinen es hätte nie gute Börsenjahre gegeben, anstatt das man das Geld zurückgestellt und gespart hätte, für eben solche Jahre, hat man in die eigene Tasche gearbeitet ( Kader ) Antworten
@Rolf Schumacher ,Jene die heute in Pension gehen sind die ,die ihr Leben lang gearbeitet, gespart und den heutigen Wohlstand erst erschaffen haben.Den schönen Batzen haben sie in den Pensionskassen, die über hunderte von Milliarden verfügen.Für das Eigenheim musste auf vieles verzichtet werden und wird als Eigen mietwert hoch versteuert.Neid ist hier fehl am Platz weil auch sie profitieren. Antworten
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