Tally Weijl: Schön, sexy und sehr schlau

Von Andrea Freiermuth. Aktualisiert am 25.04.2009

Was vor 25 Jahren in einer Garage im solothurnischen Lohn begann, ist heute das erfolgreichste Schweizer Kleiderlabel. Hinter dem Erfolg steht eine Frau, deren Welt rosarot ist.

Das Tally-Girl als Aktivistin: «Ich kämpfe für den Schutz der kleinen Wellenreiter.»

Das Tally-Girl als Aktivistin: «Ich kämpfe für den Schutz der kleinen Wellenreiter.»
Bild: Keystone

Die Zahlen

Tally Weijl beschäftigt weltweit über 1800 Mitarbeiter, davon 200 in Basel.

Im Krisenjahr 2009 hat das Unternehmen 40 neue Filialen eröffnet, 60 sollen noch folgen. Weltweit existieren bereits 500 Stores; der grösste befindet sich in Basel.

Der Umsatz im vergangenen Jahr betrug 500 Millionen Franken.

Fast ist man etwas enttäuscht, wenn man sie so sieht. Die Frau ist weder aufgedonnert noch leicht bekleidet. Im Gegenteil: Im schwarzen Blazer und in weisser Bluse könnte sie ebenso gut für eine Bank arbeiten. Einzig die frisch gedrehten Zapfenlocken und die etwas künstlich wirkenden Lippen passen zur Geschichte dieser Frau.

Dazu gehören rosarote Häschen, knapp bekleidete Mädchen und provokative Kampagnen. Sie haben Tally Weijl zu einer der erfolgreichsten Schweizer Unternehmerinnen gemacht. Denn was vor 25 Jahren in einer kleinen Garage in Lohn SO begann, ist heute ein international tätiges Modelabel mit 500 Shops in dreissig Ländern und einem Jahresumsatz von rund 500 Millionen Franken.

Auf rosaroten Wolken

Der Werdegang der 48-Jährigen kommt so locker flockig daher wie die Teenieträume, die sie kreiert: Geboren in Tel Aviv, verliebt in Paris, folgt sie ihrem Schatz mit 24 Jahren in die Schweiz. Sie langweilt sich, während sie auf den Beginn der Hotelfachschule in Lausanne wartet – und entwirft in der Folge ihre erste Kollektion, derweil ihr heutiger Exmann Beat Grüring passende Boutiquen abklappert. Zwei Jahre später eröffnet das Paar den ersten eigenen Laden in Freiburg. Bald folgen weitere in Bern und Thun. Heute befindet sich der Hauptsitz in Basel, das Design-Center in Paris und die Produktionsstätten in Marokko, Indien und China.

Das Modebusiness ist keine rosarote Wolke, sondern ein ziemlich hartes Pflaster. Warum ist ausgerechnet ein Schweizer Label erfolgreich – und dann erst noch eines, das nicht aus dem trendigen Zürich kommt, sondern im Kanton Bern gross geworden ist? Falsch gedacht. Mit uns hat das leider gar nichts zu tun. Viel mehr ist es die Marktlücke, die die Kosmopolitin Weijl entdeckt hat: sexy Mode für junge Mädchen. «We make sexy totally sexy», verspricht ein Schriftzug im kürzlich eröffneten Flagship-Store in Basel. Das Dekor ist eine Mischung aus Kinderzimmer und Nachtklub: silberne Discokugeln und flauschige Flokatis, grosse Lautsprecher und rosa Plüschhasen. An der Wand ein Plakat der aktuellen Kampagne, darauf ein Mädchen mit laszivem Blick, offenem Hosenknopf und dem Tally-Weijl-Slogan «Totally Sexy».

Sexy ist nicht gleich sexy

Solche Motive liessen in der Vergangenheit immer wieder Kritiker laut werden. 2005 erhielt Unternehmerin Weijl den Bronzenen Phallus, eine Auszeichnung für herausragend sexistische Werbung. Und 2006 reichte die Junge Evangelische Volkspartei eine Petition gegen Sexismus in der Werbung ein, die unter anderem mit einem Plakat von Tally Weijl begründet wurde. Darauf angesprochen meint die Unternehmerin: «Die nehmen das viel zu ernst. Wir meinen sexy mit einem Augenzwinkern.» Ausserdem bedeute Sexy-Sein heute doch etwas ganz anderes als noch vor 20 Jahren: «Sexy-Sein heisst sich schön fühlen, Spass haben und selbstsicher sein.»

Unbesorgte Kundinnen

So oder so: Die allgemeine Empörung war dem Label eigentlich ganz nützlich – schliesslich passt Provokation zum Image eines Teenielabels, und ins Gespräch beziehungsweise in die Medien kommt man damit auch gut. An der aktuellen Kampagne dürften sich für einmal nicht nur die Feministinnen, sondern auch die Umweltschützer stören. Auf den Plakaten für diesen Frühling verkündet Model Tori Praver: «I fight to protect the little wave riders.» Mit Unschuldsmiene beteuert Fashionfrau Weijl, man habe nicht bewusst das Aktivistenvokabular benutzt: «Nein, das Mädchen will einfach Spass haben – wie alle Mädchen.»

Bedenkt man, dass das Label sich gemäss der Clean Clothes Campaign nicht um faire und umweltgerechte Produktionsbedingungen schert und trotzdem jedes Jahr wächst, so stimmt das vielleicht tatsächlich. Aber wer weiss: Vielleicht ändert sich das einmal – spätestens dann, wenn auch die Aktivisten sexy werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2009, 08:16 Uhr

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