Tödlicher Unfall mit Stadler-Zügen – Debatte über Crash-Schutz

Zwei Menschen starben, als letzte Woche in Österreich zwei von Stadler Rail gebaute Züge zusammenstiessen. Untersucht wird nun, ob der Crash-Schutz der Züge versagt hat.

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Eine eingleisige Bahnstrecke und zwei Züge, die aufeinander zufahren: Der Albtraum jedes Bähnlers wurde vergangenen Donnerstag auf der steirischen Regionalbahn zwischen Peggau-Deutschfeistritz und Übelbach Realität. Zwei von der Schweizer Firma Stadler Rail gebaute Triebzüge stiessen frontal zusammen. Ein Triebfahrzeugführer wurde eingeklemmt und verstarb während der Bergung. Ein Fahrgast starb am Tag danach im Spital. Erste Untersuchungen ergaben, dass der tödlich verunglückte Lokführer bei einer Ausweichstelle den Gegenzug nicht abgewartet hatte. Die Strecke gehört zum S-Bahn-Netz der Stadt Graz und wird von den Steiermärkischen Landesbahnen STLB betrieben. Sie ist nicht durch Signale gesichert, die Fahrbefehle kommen über Funk.

In Fachforen und österreichischen Medien wird neben dem Fehlen der Sicherheitseinrichtungen vor allem über das Versagen des sogenannten Aufkletterschutzes diskutiert. Diese an der Front statt Puffer montierten Metallplatten mit gerippter Oberfläche und Knautschzone sollten sich beim Zusammenstoss zweier Züge ineinander verkeilen und so verhindern, dass sich ein Zug auf den anderen schiebt und ihn aufschlitzt oder eindrückt.

Wie schnell fuhren die Züge?

Genau das geschah jedoch in der Steiermark: Beim Aufprall wurde ein Zug hochgehoben und schob sich in die Fahrerkabine des anderen Zugs. Der Aufkletterschutz brach ab. Wie schnell die Züge unterwegs waren, steht noch nicht fest. Die Ergebnisse sollen laut der Tageszeitung «Kurier» im Laufe der Woche bekannt werden. Die Höchstgeschwindigkeit auf diesem Streckenteil beträgt 50 km/h, allerdings fuhr ein Zug aus einer Haltestelle aus, während der andere vermutlich schon bremste.

Bei einer geringeren Geschwindigkeit könnte Stadler Rail haftbar gemacht werden. Der Aufkletterschutz muss laut Europäischer Norm EN 15227 bei einem Aufprall bis zu 36 km/h wirksam sein. Die Firma Stadler sei eingeladen worden, den Schaden zu begutachten, lässt der Leiter der STLB, Helmut Wittmann, Tagesanzeiger.ch/Newsnet ausrichten. Mehr will Wittmann zu den laufenden Untersuchungen nicht sagen. Stadler Rail schreibt hingegen in einer gestern veröffentlichten Medienmitteilung, man habe den STLB und den Landesbehörden jegliche Unterstützung angeboten, sei jedoch bis heute nicht in die Untersuchungen involviert worden.

Die beiden Garnituren wurden von der Staatsanwaltschaft Graz beschlagnahmt. Nun rekonstruieren Sachverständige des Gerichts und die Sicherheitsuntersuchungsstelle des Verkehrsministeriums den Unfallhergang. Ein Teil der Untersuchungen betreffe den Aufkletterschutz, bestätigt der Leiter der Sicherheitsuntersuchungsstelle, Peter Urbanek, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Wir gehen allen Hinweisen nach.»

Züge des Typs GTW (Gelenktriebwagen) fahren in ganz Europa und in den USA. Laut Stadler erfüllen sie die seit 2008 geltende Norm 15227, die Kollisionssicherheit sei in Zulassungsverfahren in den Niederlanden, Deutschland, Österreich und den USA geprüft und für gut befunden worden. In der Schweiz sind noch ältere Modelle mit Puffer im Einsatz. Einen Aufkletterschutz haben hingegen die Doppelstockzüge der Zürcher S-Bahn und der BLS, der österreichischen Westbahn und die von Stadler vor zwei Jahren gelieferten Züge der Mariazellerbahn mit dem poetischen Namen «Himmelstreppe».

Beim niederösterreichischen Betreiber der Schmalspurbahn will man die Untersuchungsergebnisse aus der Steiermark abwarten und danach allenfalls Schritte einleiten. Zurzeit sehe man keinen Handlungsbedarf. Für die SBB erfüllen die Fahrzeuge die Vorschriften des Bundesamtes für Verkehr. Ein Ereignis, bei dem der Aufkletterschutz zur Anwendung kam, habe es glücklicherweise noch nicht gegeben, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. An den Erkenntnissen aus den Untersuchungen in der Steiermark sei man selbstverständlich interessiert.

Hängiger Streit um Qualität

Das Verhältnis zwischen Stadler Rail und den Steiermärkischen Landesbahnen war schon vor dem Unfall nicht besonders gut. Seit 2011 fahren sechs Gelenktriebwagen auf den S-Bahn-Strecken rund um Graz, bis heute wurden sie aber von den STLB weder offiziell übernommen noch vollständig bezahlt. Vom vereinbarten Kaufpreis über 22,9 Millionen Euro (damals fast 35 Millionen Franken) blieben die STLB wegen angeblicher Mängel an den Zügen über 10 Millionen Euro schuldig. Als Stadler mit einer Klage drohte und ein Fahrverbot für die Züge im Raum stand, schaltete sich die Landesregierung ein. Nun wollen die Steirer ein Vergleichsangebot der Schweizer annehmen und 7,2 Millionen Euro zahlen.

Zwar befand der Verfassungsdienst des Landes höchstens 6,7 Millionen als angemessen, aber «wir wollen nicht recht behalten, sondern unseren Versorgungsauftrag erfüllen», sagt der zuständige Referent in der Landesregierung, Ronald Kiss. Gutachter sollen nun die Mängel beurteilen. Die Frage, ob der ­Unfall die Zahlung noch beeinflussen könnte, will Kiss nicht beantworten: Dazu müsse man den Bericht der Sicherheitsuntersuchungsstelle abwarten, «das ist für uns das einzige Kriterium».

Probleme haben die Bussnanger in der Steiermark nicht nur mit den Landesbahnen: Die Hauptstadt Graz jubelte zuerst über die neuen Stadler-Trams des Typs «Variobahn», dann ärgerte sie sich über Lärm und Vibrationen. Stadler musste die lauten Trams aufwendig umbauen. GTW-Züge kaufte auch die Graz-Köflacher-Bahn (GKB), und auch diese steirische Privatbahn kämpft bis heute mit technischen Mängeln. Es gebe noch offene Punkte, die nun abgearbeitet würden, sagt GKB-Sprecher Peter Stoe­s­sl: Die Kommunikation mit Stadler sei längere Zeit «nicht ganz friktionsfrei» verlaufen. Mittlerweile habe man «ein geordnetes Verhältnis». Die GKB, so ihr Sprecher, würde bei Stadler Rail jedenfalls wieder Züge bestellen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.05.2015, 06:33 Uhr)

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